Autobahnpolizei : Streife auf der A7

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Ihr Revier ist die Autobahn von der dänischen Grenze bis zum Rendsburger Kreuz. Auf Streife mit der Autobahnpolizei.

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22. Juni 2014, 14:24 Uhr

Flensburg | Es gießt in Strömen. Spritzwasser hüllt die Fahrbahn in einen dichten Nebel. Michael Schmidt und Nadine Hartwig blicken konzentriert auf die Fahrbahn vor ihnen. Sobald Schmidt ein Fahrzeug überholt, mustern die beiden erst das Gefährt, dann den Fahrer. Keine Auffälligkeiten, es geht weiter.

Seit zwei beziehungsweise 13 Jahren sind die beiden bei der Polizei. Ihr Revier ist die Autobahn. Doch ihr Tempo ist im Moment alles andere als mörderisch – dafür ist der Regen viel zu stark. Er zwingt alle auf der „Bahn“, wie die Autobahn bei den Polizisten heißt, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Überhaupt habe die Wirklichkeit nur sehr wenig mit dem gemein, was die RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ suggeriere, meint Hartwig. Obwohl das, was im Fernsehen so als Fälle beschrieben wird, durchaus auch vorkommt. Immer wieder werden auf der A7 zwischen der dänischen Grenze und dem Rendsburger Kreuz, dem Revier von Schmidt und Hartwig, Schieber, Schmuggler und andere Straftäter gefasst. Doch das sei eben nicht Alltag.

Alltag bedeutet für den Polizeiobermeister (POM) und die Polizeihauptkommissarin (PHK) Streife fahren. 64 Kilometer in die eine und dann wieder 64 Kilometer in die andere Richtung. An jedem Parkplatz fahren sie raus, halten Ausschau nach illegal abgestellten Alt-Autos ohne Kennzeichen, aufgebrochenen Fahrzeugen und „interessanten Lkw“. „Das sind Gefahrguttransporte, alte Laster und solche mit offener Ladung“, erläutert Hartwig. Die kleine Frau mit dem blonden Pagenkopf ist seit 13 Jahren bei der Polizei. Vor einem Jahr kam sie zum PABN, zum Polizei-Autobahnrevier Nord, wie ihre Dienststelle offiziell heißt. Verkehr war aber schon vorher ihr „Thema“, wie sie sagt. In Schleswig hatte sie sich zuvor um Lkws gekümmert. Ihr groß gewachsener Kollege ist seit zwei Jahren dabei – seit er bei der Polizei ist. „Man hat hier viel mit netten Leuten zu tun“, erklärt der 29-Jährige, schaut aus dem Fenster und zeigt auf einen Lkw. Hartwig nickt.

Das Polizeiauto schiebt sich vor den Laster, kurz vor dem Rastplatz Hüttener Berge schaltet die 37-Jährige das „Bitte folgen“-Blinklicht ein. Ein Blick in den Rückspiegel genügt und die beiden Beamten wissen, dass der Fahrer, den sie nun am Haken haben, ihnen nicht auszureißen versucht.

Bei strömendem Regen stellen sie ihr Fahrzeug auf dem Rastplatz so ab, dass der Lkw mit einem litauischen Kennzeichen neben ihnen zum Stehen kommen kann. Hartwig geht zum Führerhaus und bittet den Fahrer um seine Papiere. Schmidt inspiziert derweil das Gefährt. Die Reifen sind zwar nicht mehr neu, „aber noch im Rahmen“. Doch – und das ist der Grund, warum die beiden das Fahrzeug aus dem Verkehr gezogen haben, der Aufbau des Trailers neigt sich nach vorne rechts, was auf verschobene Ladung hindeutet. Doch der Lkw ist leer, wie Hartwig mittlerweile herausgefunden hat.

Sie sitzt vor einem Laptop im Streifenwagen und liest den Fahrtenschreiber des Lkws aus. Alles ist hierauf verzeichnet – von der Ladung, über die Start- und Zielorte bis hin zu Lenk- und Ruhezeiten sowie Geschwindigkeiten. Keinerlei Beanstandungen. Es gibt auch keine Hinweise auf mögliche Manipulationen. Und die Fahrerkarte, die ähnliche Informationen enthält, ist „ebenfalls sauber“, wie Hartwig ihrem Kollegen zuruft. Kurz darauf sind die beiden wieder in Richtung dänischer Grenze unterwegs.

Das PABN setzt sich aus ehemals fünf Dienststellen zusammen, erklärt Volker Kumm, Leiter der Dienststelle – Schuby, Flensburg, Schleswig-Flensburg, Husum und Niebüll – und ist auf die Verkehrsüberwachung spezialisiert. 77 Beamte kümmern sich vor allem um Schwerlast- und Gefahrguttransporte, Verkehrskontrollen im Hinblick auf Alkohol, Drogen und Medikamente sowie Tuning. Und natürlich um Unfälle. Geschwindigkeitskontrollen würden vornehmlich vom Verkehrsüberwachungsdienst in Neumünster durchgeführt. „Und zwar im ganzen Land und auch mit Zivilfahrzeugen.“ Außerdem sei in Schuby noch die Gemeinsame Fahndungsgruppe von Zoll, Bundes- und Landespolizei angesiedelt, die sich um Drogenschmuggel und Schleuser kümmere. „Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen, um deren Arbeit nicht zu gefährden“, sagt Kumm. „Bitte haben Sie Verständnis.“ Nur so viel: An diesem Tag bekommen die Männer der Gruppe einen Tipp. Wenige Minuten später haben Sie die Wache in Zivil und mit schusssicheren Westen verlassen. Ihr Ziel: Schleuser. Am Abend haben Sie drei Fahrzeuge mit Flüchtlingen aufgegriffen, zwei Pkw und ein Transporter. Wie viele Menschen insgesamt über die dänische Grenze geschleust werden sollten, wird nicht verraten.

Auch Hartwig und Schmidt haben bisweilen mit Menschenschmugglern zu tun. „Bei Lkw-Kontrollen kann es schon mal vorkommen, dass du hinten aufmachst und dich gucken Menschen an“, berichtet Hartwig. Zwei- bis dreimal im Jahr käme so etwas vor.

Die Streife steht mittlerweile auf einem Rastplatz am dänisch-deutschen Grenzübergang, Blickrichtung auf die Fahrbahn nach Dänemark. Per Funk wurden sie aufgefordert, nach einem blauen Sattelzug mit polnischem Kennzeichen und dänischem Trailer Ausschau zu halten. Das Kennzeichen beginne mit „Zeppelin, Martha, Ypsilon“ und der Lkw sei womöglich gestohlen. Jedenfalls habe die polnische Speditionsfirma seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zum Fahrer. In etwa zwanzig Minuten müsse er jedoch, wenn alles halbwegs mit rechten Dingen zugehe, die Grenze passieren.

Konzentriert halten die beiden Polizisten Ausschau. Gesprochen wird kaum noch. Einige blaue Zugmaschinen fahren vorbei. Auch polnische, doch das Kennzeichen stimmt nicht. Dann erneut eine blaue. „Zeppelin, Martha, Ypsilon“, sagt Schmidt zu seiner Kollegin, startet, wendet und fährt in hohem Tempo hinterher, bis er den Polen eingeholt hat. Ohne Trailer – „Was schon mal komisch ist“, wie Hartwig bemerkt.

Am nächsten Parkplatz ziehen die Beamten den Polen aus dem Verkehr. Kaum steht die Zugmaschine, nähern sich die Beamten vorsichtig dem Führerhaus, Hand auf der Dienstwaffe. Da geht auch schon die Tür zur Kabine auf, der Fahrer springt heraus und schimpft wild. Schmidt und Hartwig versuchen ihn, immer noch aufs Äußerste vorbereitet, zu beruhigen. „Jetzt reicht’s! Drei Monate, kein Geld. Zwei Tage, nix Essen. Reicht. Ich nix mehr fahren“, schimpft der Pole.

Schmidt versucht weiter, ihn zu beruhigen und ihm zugleich zu erklären, warum die Polizei ihn angehalten hat. Doch der Mann ist außer sich, immer aufs Neue die gleiche Tirade; bis er die Hände Richtung Boden von sich streckt. „Bitte! Ich nach Hause will. Habe nix gemacht. Nix Geld. Lassen mich fahren“, fleht er. Doch das geht nicht. „Wir haben nur zwei Möglichkeiten“, erklärt Schmidt ihm. „Entweder, du rufst deinen Chef an und ihr klärt das, oder wir müssen dich mit auf die Wache nehmen und die Maschine bleibt hier.“ Der Mann will seinen Chef nicht anrufen. Er habe nur sein Privathandy und „Chef nix kriegt mehr von mir“. Er muss also mit all seinen Sachen mit. Die Zugmaschine wird von Nadine Hartwig verschlossen und auf dem Parkplatz zurückgelassen.

Die Wache in Schuby teilt der Spedition derweil mit, dass der Fahrer aufgegriffen und die Zugmaschine sichergestellt wurde, aber der Trailer fehle. Als Schmidt und Hartwig mit dem Mann wenig später auf der Wache ankommen, gibt es dort keine guten Nachrichten für ihn: Sein Chef wollte nur, dass die Maschine sichergestellt wird. An dem Fahrer habe er kein Interesse mehr, der könne sehen, wo er bleibe, Anzeige werde er aber auch nicht erstatten, berichtet der Wachhabende. Die Spedition werde einen anderen schicken, um das Fahrzeug abzuholen.

Traurig sitzt der Mann nun an einem Tisch vor dem Empfangstresen. Gestrandet. Er hat kein Geld, möchte einen Dolmetscher, mit seiner Botschaft sprechen, will nach Hause. Doch kein Amt fühlt sich für ihn zuständig, weder ein deutsches noch ein polnisches. Er solle zusehen, wie er weiterkomme, heißt es immer wieder lapidar. Ein Zufall spielt den Kollegen der Folgeschicht in die Hände: Bei der Kontrolle eines weiteren litauischen Lkw treffen sie auf einen Fahrer, der gut Deutsch spricht. Sie erzählen ihm von dem Polen – und er erklärt sich bereit, ihn mitzunehmen.

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