Medien in der Wende-Zeit : Stimme der neuen Freiheit: "Aufbruch" in Mecklenburg

Eine Menschentraube steht am 12. November 1989 in West-Berlin vor einem Zeitungskiosk.   Massen von Besuchern aus der DDR schieben sich seit der Öffnung eines Teils der  Grenzübergänge am 9. November 1989 durch Berlin. Viele Läden und Kaufhäuser öffneten daraufhin ihre Pforten auch am Wochenende. Foto: dpa
Eine Menschentraube steht am 12. November 1989 in West-Berlin vor einem Zeitungskiosk. Massen von Besuchern aus der DDR schieben sich seit der Öffnung eines Teils der Grenzübergänge am 9. November 1989 durch Berlin. Viele Läden und Kaufhäuser öffneten daraufhin ihre Pforten auch am Wochenende. Foto: dpa

Regine Marquardt nutzte im Spätsommer 1989 den wachsenden politischen Freiraum und gründete mit Unterstützung des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (sh:z) eine eigene Zeitung.

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16. September 2009, 12:12 Uhr

Wahnsinn! "Wahnsinn" war das Wort des Jahres 1989. Die Welt hatte sich verändert. Nichts war mehr, wie es zuvor gewesen war. Doch das stimmt nicht ganz. Morgens, wenn wir zum Briefkasten gingen, fanden wir sie vor: unsere Tageszeitung. Revolution hin, Wende her. Die Leser blieben ihren Blättern treu. Als alles ins Wanken geriet, blieb das Blatt dasselbe. Buchstäblich dasselbe, zunächst zumindest. Von Wende - wirklicher Wende - war den Zeitungen lange nicht viel anzumerken. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun wurde oft halbherzig oder gar nicht in Gang gesetzt. Es blieb den Kollegien überlassen, einen Neuanfang zu suchen, oder auch nicht. Der Markt sollte es richten, was er auch tat, allerdings anders als erwartet.

DDR-Bürger waren mit Kerzen in den Händen losgezogen. Die Zeit war reif, und ein Imperium brach zusammen. Der Ruf "Stasi in die Volkswirtschaft" schallte durchs Land. Schließlich wurden die Dienststellen von "Horch und Guck" besetzt. Bis heute plagen wir uns mit ihrer Hinterlassenschaft. An die Besetzung von Medieneinrichtungen hatte niemand gedacht. Man nahm an Runden Tischen Platz und versuchte sich in direkter Demokratie. Die Medien berichteten bis zum Ende vom Sieg des Sozialismus. Wahnsinn!
Wahlbetrug? Fehlanzeige.
Liest man die Schlagzeilen aus jenem Jahr, wird die Absurdität deutlich, die in den Redaktionsstuben bis zu jenen Ereignissen des Herbstes 1989 geherrscht haben muss. Natürlich waren die Journalisten alle im Bilde, was sich in der Welt tat. Schreiben wollten, konnten, durften sie nicht darüber. So erfuhren die DDR-Leser im Mai: Bei den Kommunalwahlen hatten die Bürger in gewohnter Mehrheit der Politik der SED und der Blockparteien zugestimmt. Wahlbetrug? Fehlanzeige. Im Juni das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, das Fanal, das vielen im Ostblock deutlich machte, dass sie diesen Weg nicht mehr lange mitgehen konnten. Was stand in unseren Zeitungen darüber? Nur offizielle Verlautbarungen.

Später wurde wie in jedem Sommer von der "Ernteschlacht" berichtet. Ungarn? "Wir weinen ihnen keine Träne nach." Im September wieder eine "machtvolle Manifestation des Friedenswillens des Volkes". Gab es nicht längst andere Manifestationen? Als im Oktober die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung begangen waren, war ihr Ende eigentlich schon da, auch wenn die Demonstranten mit ihren Kerzen dies noch nicht wussten. In der Zeitung lasen wir lange nichts darüber oder solches, was manchem heute die Schamröte ins Gesicht treiben müsste. Von Rowdys war zu lesen und "Zugeführten", wie Verhaftungen im DDR-Deutsch hießen.

Was mag in den Redaktionsstuben in jenen Wendewochen los gewesen sein? Gab es Selbstzweifel? Diskussionen über einen Neubeginn? Immerhin tagte der Journalistenverband, Chefredakteure mussten gehen oder gingen von sich aus. Es wurden plötzlich viele Leserbriefe veröffentlicht, mehrheitlich die von braven Parteigängern. Dann tauchten in einigen Zeitungshäusern Bürgerbewegte auf und forderten, dass man ihnen Platz für ihre Berichterstattung einräumte, bis sie den Laden übernehmen würden. So wurden ihnen zum Beispiel im SED-Organ "Freie Erde" des Bezirks Neubrandenburg einige Seiten eingeräumt. Vielen friedlichen Revolutionären war das zu wenig, sie wollten einen Neuanfang. Letztlich war dies nicht viel mehr als ein Versuch zur Befriedung, ein rührender Spagat zwischen gestern und morgen, ein gnädig eingeräumter.
Der "Mecklenburger Aufbruch"
Neugründungen von Zeitungen waren bei den Bürgerrechtlern in der im Untergang begriffenen DDR an der Tagesordnung. In Rostock entstanden der "Bürgerrat" und "Plattform", zwei lokale Blätter, die einige Zeit erschienen. Ebenfalls in Rostock wurde im Februar 1990 die "Mecklenburger Volkszeitung" wieder gegründet. Sie knüpfte an die von den Nazis eingestellte SPD-Zeitung an. Im November musste sie das Erscheinen wieder einstellen.

Als ein Beispiel für das Schicksal einer solchen Gründung sei das eigene Produkt hier vorgestellt: Mit dem Datum des Silvestertages 1989 erschien der "Mecklenburger Aufbruch" zum ersten Mal. Im Mai 1993 stellte er sein Erscheinen ein. Er war ein typisches Wendeprodukt - viel Enthusiasmus und Naivität beseelte die Macher. Ob wir in Kenntnis der Marktgesetze auch den Mut aufgebracht hätten? Wohl kaum, aber es waren eben wahnsinnige Zeiten. Solche Fragen kamen uns gar nicht erst. Also: Ohne Marktanalyse, ohne finanzielles Polster, ohne professionelle Journalisten, ohne Erfahrung in Betriebsführung machten wir uns ans Werk. Erst gut zehn Jahre später waren die Schulden bei den Banken zurückgezahlt, aber: Die Geschichte des "Mecklenburger Aufbruchs" ist trotz seines Scheiterns eine Erfolgsstory.

Die wichtigste Voraussetzung hierfür war der Wille zum Neuanfang. Die Revolution jener Tage war im schönsten Gange. Sie hatte den letzten Winkel der DDR erreicht, auch den Kreis Gadebusch. Im Carlower Pfarrhaus, einem Ort nahe der ehemaligen Grenze, entstand die erste überregionale Zeitung jenes großen Herbstes. Beim Werden des Projekts "Mecklenburger Aufbruch" spielte Kollege "Zufall" eine wichtige Rolle.
Die ersten Leser: Zwei DDR-Zöllner
Die spätere Herausgeberin und Chefredakteurin, Regine Marquardt, war während Veranstaltungen des Neuen Forums im Kreis Gadebusch aufgefallen. Sie wurde in die Programmkommission der Bürgerbewegung delegiert. Björn Engholm, damaliger Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hatte in jenen Tagen Kontakt zu Vertretern des Neuen Forums in Mecklenburg gesucht. Zufällig kannte ein schleswig-holsteinischer Landtagsabgeordneter das Pastorenehepaar im Kreis Gadebusch. Zufällig durfte die M. vor der Maueröffnung zu einem runden Geburtstag einer Verwandten ausreisen. So kam es zu einem Treffen in der Kieler Staatskanzlei. Das Projekt, eine Zeitung zu drucken, wurde aufgegriffen und Kontakt zum Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) hergestellt. Der Verleger erklärte sich bereit, eine Zeitung (eine Ausgabe!) zu drucken. Bedingung: Kein Blatt für eine Partei oder Gruppierung. So verpflichtete sich die DDR-Bürgerin Marquardt zu persönlicher Haftung in Sachen Presserecht.

Sie sammelte Artikel. Ein Blick auf die Autorenliste ist aus vielerlei Gründen spannend. Mit einer Mappe voller Manuskripte kreuzte die Macherin in Rendsburg im Druckhaus des sh:z auf. Fotos hatte sie auch dabei, vornehmlich von Bäumen - in Ermangelung anderer Motive. So entstand später "die größte Baumschule" Mecklenburg-Vorpommerns. Diese Bildsprache wurde beibehalten und unser Markenzeichen. Die Chefetage war versammelt und war hin- und hergerissen zwischen Respekt und Amüsement. Zugegeben, alles erinnerte eher an eine Schülerzeitung denn an ein ernst gemeintes Zeitungsprojekt. Am 30. Dezember fuhr nachts ein Lkw, beladen mit 80 000 Exemplaren, in Schlutup über die Grenze, was noch einmal ein kleines Abenteuer war. Der Zoll wollte die Einreise nicht gestatten. Nach langem Palaver und diversen Anrufen kamen zwei Zollbeamte und erbaten für sich persönlich zwei Exemplare. Die ersten Leser: Zwei DDR-Zöllner! Ein Lübecker Radfahrer war zufällig in dieser Nacht am Grenzübergang unterwegs und rief immer wieder: "Wahnsinn!"

Bis zu dieser Nacht sollte es bei dieser einen Ausgabe bleiben. Erst als der Lkw über die holprigen Straßen rumpelte, entstand die Idee einer langfristigen Zeitungsgründung. Die Fracht wurde in der Garage des Pfarrhauses abgeladen. Jetzt musste das Blatt vertrieben werden. Das geschah durch das Netzwerk von Bürgerbewegung und Kirche. Autos machten sich auf vereisten Straßen auf, so kam die Zeitung unter die Leute.
Unausgepackte Stapel in den Kiosken
Um das Blatt auf Dauer erscheinen zu lassen, wurde eine Lizenz beantragt, eine GmbH gegründet. Die nächsten beiden Ausgaben wurden in Schwerin gedruckt, was sich als schwerfällig erwies. Ab Ausgabe 4 wurde wieder in Rendsburg produziert. Dort gab es wohl die Erwägung, in das Blatt einzusteigen. Aber als man erkannte, welchen Blättern die Zukunft gehörte, erlahmte das Interesse, wie auch anderer westdeutscher Medienunternehmen, die zunächst mit großem Eifer den Kontakt zu der Blattmacherin suchten.

Die ersten Auflagen wurden in Höhe von 20.000 Exemplaren gefahren. Ein gravierendes Problem war die Organisation des Vertriebs. Der DDR-Grossist übernahm die gesamte Auflage. Wir hatten keine Ahnung, ob die Zeitung überhaupt vertrieben wurde. Bald kamen Meldungen, dass unausgepackte Stapel in Kiosken gesehen wurden. Dasselbe Problem entstand beim Aufbau eines Abonnentenstammes. Viele meldeten verärgert ihre Zeitung ab, weil sie sie regelmäßig um Wochen verspätet erhielten. Die Mannschaft des Blattes war nicht in der Lage gegenzusteuern.

Das wichtigste Kapital waren die Mitarbeiter. Zeitweise war die Truppe für Redaktion und Verlag zehn Personen stark, also jenseits jeder Größe, die üblich wäre für ein Blatt dieses Anspruchs. Einige westdeutsche Journalisten arbeiteten phasenweise aus Interesse an einem etwas exotischen Produkt mit und leisteten Entwicklungshilfe.

Inhaltlich hatte das Blatt die Schwerpunkte Politik und Kultur. Ein Anliegen, das konzeptionell durchtrug, war, den Menschen, die sich in einem rasant vollziehenden Umbruchprozess befanden, ein Medium zu bieten, das diesen Prozess reflektierte. Dass dies nicht selten in Konflikte führte, lag in der Natur der Sache. Den einen waren wir zu links, den anderen zu konservativ, den dritten nörgelten wir zu viel, den vierten waren wir nicht kritisch genug… Wir lagen wohl richtig.
Gehälter und Honorare konnten nicht gezahlt werden
Das Blatt erschien als Wochenzeitung, was nicht bis zum Ende durchgehalten werden konnte. Die Auflage ging zurück. Die Abonnenten waren weltweit "gestreut". Es hatte Charme, dass sie zwischen Zugspitze und der Insel Rügen beheimatet waren und einzelne sogar in Toronto und Tokio. Für das Überleben wäre ein begrenztes Einzugsgebiet günstiger gewesen. Das Anzeigenaufkommen, von dem eine Zeitung lebt - auch etwas, das wir erst lernen mussten - war auch darum gering. Die Auflage lag schließlich bei 5000 Exemplaren. Gehälter und Honorare konnten nicht gezahlt werden. Viele von uns arbeiteten lange Zeit unter Selbstausbeutung. Und so war nach gut drei Jahren das Ende unausweichlich. Und dennoch war das Projekt eine Erfolg! Wir arbeiteten frei von Zwängen! Einen Beitrag zur Entwicklung der sogenannten vierten Gewalt wollten wir leisten. Das haben wir getan.

Von den rund 80 Neugründungen jener Monate ist heute kaum noch eine existent. Nur solche hatten eine Chance, die in größere Verlage eingebettet waren oder marktgängige Profile entwickelten, wie etwa die "Superillu". In Mecklenburg-Vorpommern versuchten sich Blätter wie die "Morgenpost" zu etablieren. Dies blieb ebenso ein Intermezzo wie der Versuch einer mittelständischen Verlagsgruppe aus Nordwestdeutschland mit dem "Greifswalder Tageblatt". Auch dieses Unterfangen hatte trotz allen Engagements keine Perspektive. Vor allem das Erscheinen der "Mopo" führte zu erheblichen Verunsicherungen in den angestammten Blättern. Die Blattmacher der Noch-DDR-Zeitungen befürchteten zunächst, dass ihnen keine Chance in dem sich seit Januar 1990 geöffneten Zeitungsmarkt bleiben würde. Sie haben sich gründlich verrechnet. Diese Sorge brauchten sie nicht zu haben, sie hatten zwei starke Verbündete: die Abonnenten, die ihnen treu blieben, und die Treuhandgesellschaft. So kamen zum Beispiel im Jahr 1991 die "Lübecker Nachrichten" des Springer-Verlages zum Zuge. Nachdem sie ein Jahr zuvor vergeblich mit den "Mecklenburger Nachrichten" beziehungsweise den "Schweriner Nachrichten" versucht hatten, Fuß zu fassen, kauften sie im April 91 die "Ostseezeitung" von der Treuhand.
Die SED-Blätter überlebten
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Neugründungen die Wende nicht überlebten, wohl aber sämtliche SED-Blätter. Im Frühjahr 1991 wurden die ehemaligen SED-Zeitungen durch die Treuhand zum Verkauf ausgeschrieben. Westdeutsche Großverlage fanden Gefallen an den Blättern mit ihren exorbitant hohen Auflagen. Die Zeitungen gingen im Stück samt Immobilien und Druckereien über den Ladentisch. Durch den Verkauf an Großkonzerne war echte Konkurrenz nicht möglich. Marktbereinigung hatte schon stattgefunden, ehe ein Markt entstand. Westdeutsche Medien mit bildungsbürgerlicher Leserschaft konnten kaum Fuß fassen, die Pflänzchen von Wende-Neugründungen hatten nicht den Hauch einer Chance zu bestehen. Blätter, die ehemals den Blockparteien zuzuordnen waren, hatten wegen ihrer niedrigen Auflagen und ihrem fehlenden lokalen Bezug ebenfalls keine Zukunft, es sei denn, sie überlebten durch die Einverleibung in den Verlag ehemaliger SED-Zeitungen wie die "Norddeutschen Neuesten Nachrichten", die mit dem Mantel der "Schweriner Volkszeitung" weiter existieren.

Das liegt nun 20 Jahre zurück. Der Prozess ist nicht abgeschlossen. Auf dem hiesigen Zeitungsmarkt ist viel in Bewegung gekommen. Inzwischen kooperieren die wenigen verbliebenen Blätter. Mantelblätter sind die Antwort auf die zurückgehenden Auflagen. Die Redaktionen sind klein geworden. Inwieweit bleibt Zeit für Recherche? Bleibt in den Blättern Raum für Aufklärung des Lesers über die Welt, in der er lebt. Dies mögen Fragen von Romantikern oder Idealisten sein. Die Macherin des "Mecklenburger Aufbruchs" überschrieb ihren ersten Leitartikel mit "Denk ich an Deutschland…"

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