Krümmel und Brunsbüttel : Stau beim Rückbau der Kernkraftwerke

Der Atomkraftwerk Krümmel aus der Vogelperspektive: Der Meiler ist derzeit samt Schornstein eingerüstet. Foto: Timo Jann
Der Atomkraftwerk Krümmel aus der Vogelperspektive: Der Meiler ist derzeit samt Schornstein eingerüstet. Foto: Timo Jann

Das Aus für die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel ist beschlossen. Doch Anwohner fürchten, dass die Energiekonzerne den Abbau verzögern.

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08. September 2012, 10:50 Uhr

Brunsbüttel/Geesthacht | Regelmäßig geht Bettina Boll zum Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht, in dessen Nähe sie wohnt. Und obwohl das Kraftwerk seit 2007 stillliegt, ist ihr nicht wohl dabei, wenn sie die Renovierungsarbeiten beobachtet. "Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr erlebe, dass das Kraftwerk abgebaut wird", sagt die 58-Jährige, die sich beim Bund für Umwelt und Naturschutz engagiert und am 13. September in Geesthacht ein Bürgerforum zu dem Thema initiiert hat. Denn ein Jahr nach der Novelle des Atomgesetzes, in dem das endgültige Aus für die Kernkraftwerke in Krümmel und Brunsbüttel beschlossen worden ist, gibt es noch kein Zeichen für einen Rückbau, weil die Energiekonzerne die Hände in den Schoß legen.
Den Behörden sind diese Hände bislang gebunden. "Der Vattenfall-Konzern hat für seine Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel bis heute weder Anträge auf Erteilung einer Stilllegungsgenehmigung gestellt noch verbindliche Erklärungen zu einem Stilllegungskonzept abgegeben", klagt Nicola Kabel, Sprecherin des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums. Fest steht nur, dass Vattenfall einen Antrag stellen muss, aber nicht wann. Kabel: "Das Atomgesetz enthält keine expliziten Regelungen, in welchem zeitlichen Rahmen Betreiber Anträge auf Erteilung einer Stilllegungsgenehmigung stellen und eine Stilllegung abwickeln müssen."
Kosten für Rückbau noch ungeklärt
Vattenfall selbst prüft laut Sprecherin Sandra Kühberger neben dem Rückbau auch den sicheren Einschluss, bei dem die wesentlichen radioaktiven Komponenten wie Reaktordruckbehälter, Rohrleitungen oder Pumpen im Kraftwerk bleiben und abgeschirmt verschlossen werden. "In diesem Zustand wird die Anlage dann bis zu einem Rückbau über Jahre oder gar Jahrzehnte zum weiteren Abklingen der radioaktiven Strahlung belassen", sagt Nicola Kabel. Laut Vattenfall ist nicht absehbar, was auf Dauer teurer wird, auch die genauen Kosten für den Rückbau seien noch ungeklärt, so Sprecherin Kühberger.
Experten vermuten, dass Vattenfall auf Zeit spielt. Denn der Konzern hat ebenso wie Eon und die anderen Kernkraftwerksbetreiber Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. "Wir wollen eine faire Entschädigung dafür, dass uns die Betriebsgenehmigung entzogen worden ist und wir Reststrommengen nicht verbrauchen konnten", sagt Sandra Kühberger. Wie hoch die Forderung des Konzerns ist, will sie nicht sagen. Bei Eon, das zu einem Drittel an Brunsbüttel und zur Hälfte an Krümmel beteiligt ist, sind es acht Milliarden Euro. Dazu hat Vattenfall vor dem internationalen Schiedsgericht der Weltbank in Washington ein Verfahren angestrengt, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen.
Vattenfall verweist auf logistische Schwierigkeiten
"Die pokern", sagt Bettina Boll dazu. Wie viele andere Atomkraftgegner glaubt sie, dass Vattenfall die Kraftwerke im Stilllegungsbetrieb weiter laufen lassen will, weil ein vorzeitiger Rückbau die Verhandlungsposition des Konzerns bei den Entschädigungsforderungen schwächen würde. Vattenfall verweist hingegen darauf, dass es logistische Schwierigkeiten gebe. "Das Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, Schacht Konrad, soll erst 2019 eröffnet werden", sagt Sprecherin Kühberger. Ein Endlager für hochradioaktiven Müll ist noch lange nicht in Sicht. Außerdem gebe es nicht mal genug Castoren, um den weniger strahlenden Abfall in die Zwischenlager direkt neben den anderen Kernkraftwerken zu bringen.
Und so rechnen viele Beteiligte damit, dass der Rückbau, der dann noch einmal bis zu 20 Jahre dauern könnte, erst in einigen Jahren beginnt. Das Bundesumweltministerium will nun, so eine Sprecherin, einen "Masterplan" zum Rückbau der Kernkraftwerke erarbeiten. Und der schleswig-holsteinische Energiewendeminister Robert Habeck sagt: "Wir brauchen eine Änderung des Atomgesetzes und der rechtlichen Rahmenbedingungen zur Stilllegung von Kernkraftwerken. Das Atomgesetz ist nämlich in dieser Hinsicht lückenhaft; Pflichten der Betreiber sind nur unzureichend konkretisiert. Das Durchsetzungsinstrumentarium der Atombehörden muss gestärkt werden. Wir wollen deshalb eine Bundesratsinitiative auf den Weg bringen, um dies zu ändern."
Vattenfall: "Wir unterstützen die Energiewende"
"Die Politik ist gefordert", mahnt Bettina Boll. Erst wenn das Kernkraftwerk Krümmel nicht mehr betriebsbereit sei, sei etwas erreicht. "Je mehr von dem Kram weg ist, desto wohler wird mir und die Angst lässt nach." Mut mache ihr, dass die Energiewende voran getrieben werde. Vattenfall ist ebenfalls dafür. "Wir unterstützen die Energiewende", sagt Sprecherin Sandra Kühberger. Und auf die Frage, ob sie denn ausschließen könne, dass die Meiler in Brunsbüttel und Krümmel je wieder ans Netz gehen, sagt die Sprecherin nur: "Kein Kommentar."
Auf Einladung der Stadt findet Donnerstag, 13. September, ab 18 Uhr eine Bürgerinformation zum "Rückbau des AKW Krümmel" statt. Dabei sind auch Vertreter der Atomaufsicht aus Kiel und dem Bundesamt für Strahlenschutz. Eingeladen ist auch ein Vertreter von Vattenfall. Treffpunkt: Stadtverwaltung Geesthacht, Ratssaal, Markt 15.

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