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Gastbeitrag von Marianne Koch : Statt Sterbehilfe: Den natürlichen Tod wiederentdecken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Gastbeitrag spricht sich Schauspielerin Marianne Koch für eine Stärkung der Palliativmedizin aus – und gegen aktive Sterbehilfe.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2014 | 07:08 Uhr

Der Bundestag debattiert gegenwärtig über eine mögliche neue Gesetzgebung zur Sterbehilfe. Eine Parlamentariergruppe um den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) sprach sich jüngst für die Freigabe des medizinisch assistierten Suizids aus. Der Vorschlag hat eine heftige öffentliche Diskussion entfacht. Marianne Koch ist Ärztin, Schauspielerin und Ehrenpräsidentin der Deutschen Schmerzliga. Statt einer Liberalisierung der Sterbehilfe wünscht sie sich in diesem Gastbeitrag eine Stärkung der Palliativmedizin.

Plötzlich reden alle vom Tod – nachdem das Thema jahrzehntelang in der Öffentlichkeit praktisch nicht vorkam, so als sei es verboten gewesen. Genauer: Alle reden vom Sterben und davon, dass sie dies „selbst bestimmt“ erledigen, beziehungsweise für sich erledigen lassen wollen. Was einen am meisten dabei verwundert, ist die offensichtliche Unkenntnis der Tatsachen, die weit verbreitete Begriffsverwirrung, welche eine vernünftige Diskussion verhindert.

„Aktive Sterbehilfe“ bedeutet „Tötung auf Verlangen“, ist und bleibt verboten, aus gutem Grund – vor allem, weil ein Missbrauch nicht auszuschließen ist.

Unter „Passiver Sterbehilfe“ versteht man das Unterlassen von lebensverlängernden Maßnahmen wie Beatmung, Sondenernährung etc. bei Patienten, die schwerst krank, ohne Chance auf Besserung dem natürlichen Tod entgegengehen – und die eine solche ziellose Weiterbehandlung nicht mehr wünschen und dies auch deutlich gemacht haben. Mit dieser Situation sind wir Ärzte ständig konfrontiert, und selbstverständlich haben wir auch schon bisher (mit Einverständnis der Angehörigen) die Infusionen abgestellt, den Todkranken Erleichterung ihrer Beschwerden, der Atemnot, der Übelkeit und ihrer Schmerzen gewährt und werden dies auch weiter tun.

Dazu ein Wort zur „Intensivstation“: So gut wie alle Patienten, die je auf einer Intensivstation behandelt wurden, sind voll des Lobes über die ständige Zuwendung, die Freundlichkeit, die rasche Hilfe bei Beschwerden, die sie von den Ärzten und Pflegern erfahren haben. Sie hätten sich „geborgen“ gefühlt. Für die Angehörigen mag der Anblick von Monitoren, Kabeln und Schläuchen erschreckend sein – die Kranken empfinden das nicht so, auch wenn sie bei vollem Bewusstsein sind.

So wird auch verständlich, warum die allermeisten Schwerkranken, die auf eine Palliativstation kommen und bei der Aufnahme noch um einen raschen Tod bitten, nach einigen Tagen der körperlichen und seelischen Fürsorge und der Linderung ihrer Schmerzen keine Todeswünsche mehr äußern. Sie sind, im Gegenteil, froh darüber, dass sie in Ruhe Abschied nehmen und den Rest ihres Lebens – oft auch wieder zu Hause – als geschenkte Tage wahrnehmen können.

Ein Irrtum liegt auch vor, wenn behauptet wird, starke Schmerzmittel, vor allem Morphine, die wir zum Beispiel Krebskranken geben, würden das Leben verkürzen. Das Gegenteil ist der Fall, weil sich Körper und Seele durch die Schmerz- und Angstfreiheit entspannen und zur Ruhe kommen können.

Der Ruf nach dem „selbst bestimmten Sterben“ hängt demnach in ganz hohem Maße von unserem Informationsstand ab. Es gibt so viele Arten zu sterben wie es Menschen gibt. Nach allen Studien aber ist es die Angst, Angst vor einem schlechten Tod, vor Siechtum und Schmerzen und das Nicht-Wissen von den Möglichkeiten der Palliativmedizin und der Hospize, die die Menschen in die Hände von „Sterbehelfern“ hier und in der Schweiz treibt. 

Wer die unwürdigen, oft jämmerlichen Umstände gesehen hat, unter denen dabei Suizid-Assistenz geleistet wird (die Sendung „hart aber fair“ hat das neulich demonstriert), wer weiß, dass ein großer Teil der Suizid-Willigen an (behandelbaren) Depressionen leidet, der wünscht sich, dass die jetzige Diskussion vor allem der Aufklärung dient. Das Problem der Selbsttötung und der Hilfe dazu bleibt problematisch und ich finde es richtig, dass das Parlament hier Rechtssicherheit für die Angehörigen und auch für die Ärzte schaffen will.

Was aber in der Medizin vor allem benötigt wird (so Prof. Dr. Gian Domenico Borasio, berühmter Palliativmediziner, dem wir verdanken, dass Palliativmedizin endlich ein Pflichtfach für alle Medizinstudenten geworden ist), ist eine Wiederentdeckung des natürlichen Todes. Selbstverständlich mit einer liebevollen und kompetenten medizinischen und spirituellen Begleitung.

Dr. Marianne  Koch  ist  Filmschauspielerin, Ärztin und Buchautorin. Die heute 83-Jährige begann Anfang der 1950er Jahre ein Medizinstudium, unterbrach dieses jedoch wegen ihrer aufblühenden Filmkarriere nach dem Physikum. Bis 1970 spielte Koch in rund 70 (auch internationalen) Filmen – unter anderem  im Spionagethriller „Das unsichtbare Netz“ und  an der Seite von Clint Eastwood in dem Italo-Western „Für eine Handvoll Dollar“ oder in dem sechsteiligen Fernsehspiel „Tim Frazer“.  1973 nahm sie das Studium wieder auf, 1976 machte sie ihr Staatsexamen.

Die Approbation und Promotion folgten 1977/78. 1985 ließ sich Marianne Koch als Fachärztin (Internistin) nieder,  bis 1997 war sie in ihrer eigenen Praxis tätig. Zudem arbeitete sie als TV- und Radio-Moderatorin – vor allem mit dem Schwerpunkt Medizinthemen. Marianne Koch lebt in Tutzing bei München und hat zwei erwachsene Kinder.

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