Tierärzte warnen: : Stallhaltung erhöht Keimbelastung bei Rindern

Wenn Rinder das ganze Jahr über im Stall sind, erhöht sich das Risiko von Infektionen erheblich, warnen Tierärzte. Foto: dapd
Wenn Rinder das ganze Jahr über im Stall sind, erhöht sich das Risiko von Infektionen erheblich, warnen Tierärzte. Foto: dapd

Auf dem Tierärztetag in Schleswig warnten die Mediziner vor ganzjähriger Stallhaltung von Rindern. Die Tiere bräuchten dadurch mehr Antibiotika.

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21. Februar 2012, 10:40 Uhr

Schleswig | Mit Sorge beobachtet die Tierärzteschaft, dass Grünland durch den Mais-Boom für die Biogasanlagen immer knapper wird. Das führe dazu, dass mehr und mehr Rinder das ganze Jahr im Stall gehalten würden - ohne dass ältere Gebäude darauf ausgelegt worden seien. "Eine Folge ist, dass der Keimdruck steigt und sich Euter und Klauen entzünden", warnt Dr. Horst Gehendges, Vorstandsmitglied der Tierärztekammer Schleswig-Holstein. "Das wiederum könnte ein neuer Faktor sein, der den Antibiotika-Einsatz in Zukunft wieder steigen lässt", sagte der in Böklund (Kreis Schleswig-Flensburg) niedergelassene Veterinär anlässlich des zweiten Tierärztetages am Wochenende in Schleswig. 459 Vertreter des Berufsstandes waren dort zu Austausch und Fortbildung zusammengekommen.
Die Tierärzte fühlen sich in der Anfang des Jahres hochgekochten Diskussion über Antibiotika-Einsatz in der Mast "zu Unrecht verurteilt", betonte Gehendges. "Der Verbrauch von Antibiotika ist keinesfalls so stark gestiegen wie die Tierbestände", erklärte der in der Kammer für Großtiere zuständige Mediziner. Als Hindernis für einen Verzicht sieht er "die kleinteiligen Strukturen in der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft". "Keiner kann einem Bauern auf einen Schlag 70 oder 100 Kälber für die Mast liefern - deshalb müssen die Landwirte sie aus verschiedenen Herden zusammenführen", erläutert Gehendges und vergleicht: "Das ist wie im Kindergarten." An einem Ort kämen Lebewesen zusammen, die an ihren Herkunftsorten verschiedenen Erregern ausgesetzt gewesen seien.
Viel geringeres Risiko bei Schweinen
Besser sei die Lage bei den Schweinen: Dort hätten Ferkelerzeuger und Mäster in letzter Zeit Erzeugergemeinschaften aufgebaut, so dass die Tiere denselben Einheiten entstammten - mit viel geringerem Risiko. "Bei den Rindern", so Gehendges Prognose, "werden die Strukturen vielleicht in fünf oder sechs Jahren ähnlich sein."
Lediglich Einzeltiere medikamentös zu behandeln, hält er für "nicht praktikabel". "Dann kommen Sie nie zu Ende." Sukzessiv würde der Erreger doch auf andere Tiere übergehen. Gleichwohl sei "ein Trend, den Einsatz von Antibiotika zu minimieren, durchaus da", beobachtet Gehendges. Dies könne allerdings nur schrittweise geschehen, indem die Landwirte mit hohem Investitionsaufwand die Haltungsbedingungen optimierten. Die Kammer spricht sich auch dafür aus, dass Tierärzte alle drei bis fünf Jahre zu Fortbildungen zum Antibiotika-Einsatz gezwungen werden, um den Verbrauch niedrig und zielgerichtet zu halten - so wie heute schon alle Tier- und Humanmediziner ihre Röntgenberechtigung durch eine Schulung erneuern.
Kritik an der Politik
Scharf kritisierte der Böklunder die Absicht der Politik, die Vertriebsrechte der Tierärzte für Medikamente zu beschneiden. Bei Hühner- und Schweine-Spezialisten mache dies bis zu Dreiviertel, bei in der Rindermast tätigen Veterinären etwa die Hälfte des Umsatzes aus. "Die Versorgung in der Fläche, zumal bei Notfällen nachts und am Wochenende, funktioniert nur über uns", sagt Gehendges. Statt die Vertriebsmöglichkeiten einzuschränken, verlangt er "eine bessere Kontrolle gegen Missbrauch" durch Preis-Dumping oder Massenverkäufe durch schwarze Schafe.
Auch dafür sei es erforderlich, dass die Landesregierung das Landeslabor in Neumünster nicht noch weiter ausbluten lasse. Nur dann hält er auch die Pläne von Bundesagrarministerin Ilse Aigner zu einer genaueren Dokumentation der Verschreibung von Tier-Arzneien für realistisch.

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