Tag der vermissten Kinder : Spurlos verschwunden – vermisste Kinder in SH und Hamburg

Wenn ein Kind plötzlich spurlos verschwindet ist schnelles Handeln gefragt. Die Hamburger Initiative Vermisste Kinder fordert eine zentrale Sondereinheit.
Wenn ein Kind plötzlich spurlos verschwindet ist schnelles Handeln gefragt. Die Hamburger Initiative Vermisste Kinder fordert eine zentrale Sondereinheit.

Es ist der Alptraum aller Eltern: Das Kind kommt nicht mehr nach Hause. Auch in SH und Hamburg gibt es Fälle, die bis heute nicht geklärt worden sind. Der Tag der vermissten Kinder soll an ihre Schicksale erinnern.

shz.de von
25. Mai 2015, 08:00 Uhr

Hamburg | Der 15-jährige Shawn kam nie bei der Feier in Hamburg an, zu der er sich verabredet hatte. Dennis, 17, verschwand über Nacht aus seinem Elternhaus in Owschlag im Kreis Rendsburg-Eckernförde und die elfjährige Seike Sörensen aus Nordfriesland kehrte vom Besuch bei der Großmutter nicht nach Hause zurück. Dies sind nur drei der vielen Fälle, in denen Kinder plötzlich verschwinden und Familien aus dem Leben gerissen werden.

Bis zu 100.000 Vermisstenanzeigen gehen bei der Polizei in Deutschland jährlich ein, viele davon auch in Schleswig-Holstein und Hamburg. In fast allen Fällen tauchen die Kinder innerhalb weniger Tage unversehrt wieder auf. So auch der vermisste Shawn aus Norderstedt – nur einen Tag nach seinem Verschwinden kehrte der Jugendliche heile nach Hause zurück.

Die Gründe für ein Verschwinden sind vielfältig: Am häufigsten handelt es sich bei den Vermissten um Ausreißer, die im häuslichen oder schulischen Umfeld Probleme haben. Vermehrt kommt es zu illegalen Kindesentziehungen durch Elternteile nach gescheiterten Beziehungen. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Kinder verunglücken oder Gewaltverbrechen zum Opfer fallen. So wie im Fall des 17-jährigen Dennis. Fünf Tage nach seinem Verschwinden wurde der Junge leblos aus dem Nord-Ostsee-Kanal geborgen. Die Umstände bleiben auch heute, drei Jahre nach seinem Tod, ungeklärt.

Seit 1993 vermisst: Seike Sörensen aus Drelsdorf, Nordfriesland.
Polizeipresse
Seit 1993 vermisst: Seike Sörensen aus Drelsdorf, Nordfriesland.

Und es gibt die Fälle, in denen es jahre- und jahrzehntelang keine Spur von den Vermissten gibt. In Schleswig-Holstein gelten nach Informationen des Kieler Landeskriminalamts 132 Kinder und Jugendliche als Langzeitvermisst – ihr Schicksal konnte bis heute nicht geklärt werden. Vor allem der Fall der damals elfjährigen Seike machte Schlagzeilen. Seit fast 22 Jahren wird sie vermisst. Am 5. August 1993 verschwand das Mädchen auf dem kurzen Heimweg von ihrer Großmutter im nordfriesischen Drelsdorf spurlos. 2012 schien eine Spur in ein Waldstück in Langenhorn zu führen, eine ausführliche Suche der Polizei blieb jedoch erfolglos.

Hilal Ercan im Alter von zehn Jahren - heute muss sie 25 Jahre alt sein.
Polizeipresse
Hilal Ercan im Alter von zehn Jahren - heute muss sie 25 Jahre alt sein.

Auch von Hilal Ercan gibt nach über 15 Jahren keine Spur. Sie war zehn Jahre alt, als sie am 27. Januar 1999 in Hamburg-Lurup als vermisst gemeldet wurde. Das Mädchen wollte sich mit Süßigkeiten für ein gutes Zeugnis belohnen und kehrte nach dem Einkaufen nicht nach Hause zurück. 2005 schien sich der Fall zunächst aufzuklären, als ein vorbestrafter Sexualstraftäter gestand, das Mädchen entführt und ermordet zu haben. Noch während am angeblichen Tatort vergeblich nach Spuren gesucht wurden, zog Dirk A. sein Geständnis jedoch wieder zurück.

In Hamburg-Lurup verschwand auch die damals 16-jährige Anica E. Am 15. Dezember 2012 kehrte das Mädchen abends nicht in seine Wohngruppe zurück. Nach einem letzten telefonischen Lebenszeichen am 13. Januar 2013 fehlt auch von der Jugendlichen jede Spur. Erst im September 2014, nach ihrem 18. Geburtstag, meldete sie sich wieder. Sie war aus freien Stücken weggelaufen und hatte sich dazu entschieden, alle Kontakte abzubrechen.

Aktuell macht der Fall der kleinen Inga in Deutschland Schlagzeilen. Das fünfjährige Mädchen war am 2. Mai zu Besuch im abgelegenen Stendaler Ortsteil Wilhelmshof (Sachsen-Anhalt) und wird seither vermisst. Eine umfangreiche Suche im riesigen angrenzenden Wald blieb erfolglos. unter Unter www.wo-ist-inga.de listen die Ermittler in Zusammenarbeit mit der Initiative Vermisste Kinder alle Informationen zu Ingas Verschwinden auf.

Die Hamburger Initiative fordert, dass die Suche nach verschwundenen Kindern zentral von einer Polizeidienststelle in Deutschland koordiniert wird. Nach einer Entführung betrage die Überlebenschance für ein Kind erfahrungsgemäß nur wenige Stunden, sagte der Vorsitzende der Initiative, Lars Bruhns (34). Er verwies auf das polnische Modell. In Warschau gebe es seit zwei Jahren eine zentrale Sondereinheit, die rund um die Uhr Zugriff auf zahlreiche Internetseiten von Medien habe. Nach der Entführung eines zehnjährigen Mädchens im vergangenen April bei Stettin habe ein schneller Alarm geholfen. Die kleine Maja wurde – wenn auch verletzt – von der deutschen Polizei gerettet.

Die Initiative Vermisste Kinder und der Opferhilfeverein Weißer Ring organisieren seit 2003 am 25. Mai in Deutschland den „Tag der vermissten Kinder“. US-Präsident Ronald Reagan rief die internationale Aktion 1983 ins Leben. Der 25. Mai 1979 ist der Tag, in dem der sechsjährige Etan Patz in New York verschwand – sein Fall erregte weltweit Aufsehen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen