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Rekordjahr 2016 in SH : Sprengungen von Geldautomaten – nur wenige Geräte gesichert

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Moderne Bankräuber stürmen keine Geldhäuser mehr, sie sprengen Automaten – mit Erfolg.

Kiel/Lübeck | Vergangenes Jahr sind in Schleswig-Holstein so viele Geldautomaten in die Luft geflogen wie noch niemals zuvor. Zwölf Mal schlugen Panzerknacker zu. Auch deutschlandweit werden immer mehr Geldautomaten gesprengt. Nach Angaben des Bundeskriminalamts hat sich die Zahl der Taten 2016 im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt. Und 2015 war mit 157 Sprengungen bereits als „Rekordjahr“ eingestuft worden. Warum greifen die Sicherheitsmaßnahmen der Banken nicht?

Im Bundesvergleich ist Schleswig-Holstein vergleichsweise gering von dem Delikt betroffen. 2014 und 2015 gab es je einen Fall, 2016 dann zwölf, wovon acht einer fünfköpfigen Bande zugeordnet werden können, von der drei Mitglieder gefasst wurden. Dieses Jahr gab es bislang nur einen Fall. Am häufigsten knallt es in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen – und dort besonders häufig an der Grenze zu den Niederlanden.

In Schleswig-Holstein schlug die erste Panzerknackerbande im Jahr 2005 zu.  Es war damals eine völlig neue Straftat. Maskiert mit Horrormasken besprühten die Männer die Überwachungskameras mit Farbe und machten sich ans Werk. Bei ihrer ersten Sprengung am 9. Juni in Breitenfelde (Kreis Herzogtum Lauenburg) flog die Fassade mit auf die Straße, später lernten sie, das Gasgemisch genauer zu dosieren. Bevor die Bande im Dezember 2012 gefasst wurde, sprengte sie zehn Automaten und erbeutete 340.000 Euro.

Seitdem ebbte das Phänomen nicht mehr ab, zuletzt kamen Sprengungen von Fahrkartenautomaten der Bahn hinzu, die weniger gut gesichert sind. „In Kooperation mit den Banken erstellen wir Gefährdungsanalysen“, erklärt Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamts mit Blick auf die Geldautomaten. „Gibt es Tatserien, prüfen wir, welche Filialen in den Fokus der Täter geraten könnten und empfehlen für diesen Standort Schutzvorkehrungen.“

Mittlerweile bieten die Hersteller Geldautomaten an, die Sprengungen überstehen. Außerdem gibt es Geräte mit Sensoren, die erkennen, wenn ein Gasgemisch eingeleitet wird. Es wird dann entweder durch ein nicht explosives Gas verdrängt oder man lässt es durch Piezoelemente in vielen kleinen Zündungen verpuffen. Gleichzeitig wird ein stiller Alarm ausgelöst. Ein zweiter Ansatz ist, das Geld wertlos zu machen, indem es bei einer Erschütterung mit Spezialtinte übergossen wird. Das erlebten die Panzerknacker, die vergangenes Jahr einen freistehenden Automaten an der Zufahrt zu „Karl’s Erlebnisdorf“ in Warnsdorf (Kreis Ostholstein) sprengten. Sie gelangten zwar an das Geld, es war jedoch eingefärbt.

Die Farbpatronen kosten laut Bundeskriminalamt (BKA) zwischen 2000 und 4000 Euro pro Automat. Für ein System, das Gas verdrängt oder neutralisiert, müssten 2000 bis 3000 Euro auf den Tisch gelegt werden. Ob eine solche Investition getätigt wird, entscheidet jede Bank oder Sparkasse selbst. Joachim Brandt vom Sparkassen- und Giroverband für Schleswig-Holstein versichert: „Wir setzen alles daran, die Automaten sicherer zu machen, schließlich besteht Gefahr für Leib und Leben Unbeteiligter.“

Doch stimmt das Versprechen? In Polizeikreisen wird der schlechte Schutz der Geldautomaten scharf kritisiert, erklärt die Bundesregierung auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken. Der Grund: „Aus Kostengründen wird häufig auf Sicherungen verzichtet.“

Die Zahl der Delikte steigt also, weil die Täter wissen, dass nur ein kleiner Teil der 58.000 Geldautomaten in Deutschland gesichert ist. Verzeichnete das BKA 2011 noch 38 Sprengungen, waren es  im vergangenen Jahr fast 300. Und nicht nur das: Nach BKA-Angaben gelangen die Täter immer häufiger an das Geld. Lag diese Quote 2011 bei zwölf Prozent, hielten Täter zuletzt in 54 Prozent der Fälle Geld in Händen. 

Die Bundesregierung hält deshalb die Einfärbetechnik für „ein geeignetes Mittel, um die Zahl von physischen Angriffen auf Geldausgabeautomaten deutlich zu reduzieren.“ Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband erklärt hingegen, die Farbe sei „kein Allheilmittel“ – weil es nicht verhindere, dass Täter Automaten sprengen.

Zudem soll es so etwas wie einen Markt für eingefärbtes Geld geben. Anscheinend können Täter es im Ausland gegen einen Abschlag vom Nennwert verkaufen – ähnlich wie Falschgeld. Die Käufer verfügen offenbar über Chemikalien, mit denen sie die Verfärbungen zum Teil rückgängig machen können – auch wenn die Scheine danach nicht wie neu aussehen. Es sind auch bereits einzelne Exemplare aufgetaucht, bei denen jemand eine Verfärbung am Rand einfach weggebrannt hat. Und in manchen Ländern gibt es Automaten, an denen man Euro-Noten in andere Währungen wechseln kann – und diese Automaten bemerken die Farbe nicht immer.

Die Niederlande haben fast flächendeckend Farbpatronen eingeführt, weshalb die Polizei vermutet, dass neben Banden aus dem südosteuropäischen Raum ein erheblicher Teil der Täter aus den Niederlanden kommt. Die Ausweichbewegung wäre ein Beleg für die Sinnhaftigkeit von Farbpatronen. Eine Verpflichtung, Geldautomaten zu sichern, um Unbeteiligte zu schützen, etwa Passanten oder Bewohner über den Filialen, ist allerdings nicht in Sicht. Die Position der Geldinstitute dazu ist klar. Wie die Deutsche Kreditwirtschaft, die Interessenvertretung der fünf kreditwirtschaftlichen Spitzenverbände, erklärt, sei ein „pauschaliertes Sicherheitskonzept für alle Kreditinstitute weder zielführend noch sinnvoll.“

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erstellt am 02.Apr.2017 | 17:15 Uhr

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