zur Navigation springen

Senioren an der Uni : Spätes Studium – Oldies im Hörsaal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

An allen drei schleswig-holsteinischen Unis gibt es Vorlesungen für Senioren. Man kann aber auch ein reguläres Studium absolvieren. Die jungen Studenten reagieren auf ihre ergrauten Kommilitonen zum Teil genervt.

shz.de von
erstellt am 13.10.2014 | 20:00 Uhr

Kiel | Nicht immer, wenn in der Kieler Uni ein Grauhaariger den Gang entlang läuft, handelt es sich um einen Professor. „Seniorstudenten“ sind in der Landeshauptstadt inzwischen fast in jeder Vorlesung anzutreffen, denn seit den 90er Jahren zieht es immer mehr Bürger, die längst dem Studentenalter entwachsen sind, in die Unis.

Wie ihre jungen Kommilitonen belegt auch Silke Bruns Vorlesungen, hält Referate und absolvieren Prüfungen. Ihren Bachelor-Abschluss hat die 61-Jährige schon in der Tasche, jetzt sitzt sie an der Masterarbeit und will anschließend in Geschichte promovieren. „Anfangs habe ich oft ans Aufhören gedacht, weil ich nicht geahnt habe, dass heutzutage ein Studium so anstrengend ist“, räumt die Kielerin ein. „Verglichen mit meinem ersten Studium vor vierzig Jahren ist alles viel verschulter, die Anwesenheit wird streng geprüft und soviele Hausarbeiten, Klausuren und Referate wurden früher nicht verlangt“, erklärt sie. Doch sie hat sich durchgebissen, ist in ihrem Job als Bibliothekarin auf einen 30 Prozent Stelle gegangen und jetzt „heilfroh, dass ich durchgehalten habe“.

So wie Silke studieren derzeit 173 Menschen zwischen 50 und 60 Jahren regulär an der Kieler Christian Albrecht Universität. Die beliebtesten Fächer in dieser Gruppe sind Rechtswissenschaft (26), Medizin (16) und Kunstgeschichte (12). Weitere 46 Studierende sind zwischen 60 und 65 Jahre alt. Bei ihnen stehen Theologie (6), Kunstgeschichte (6), Geschichte (4), und Medizin (4) ganz oben in der Gunst. Und 36 Studierende sind über 65 Jahre alt, darunter ebenfalls viele, die Theologie, Medizin, Jura und Geschichte belegt haben. Hinzu kommen weit über 100 Gasthörer jenseits der 50, die sich hauptsächlich auf die Philosophische Fakultät verteilen.

Die Gründe fürs Studium im Alter sind sehr verschieden. „Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Menschen keine Möglichkeit zu studieren“, weiß Jochen Schneider vom Akademischen Verein der Senioren in Deutschland. Manchmal fehlte die Zeit, manchmal das Geld – auch wenn es vom Intellekt hätte klappen können. Andere studieren so wie Silke Bruns zum zweiten Mal. Sie wollen sich nach Jahrzehnten im Beruf neuen Interessengebieten widmen oder ihr bestehendes Wissen erweitern. Dass man durch ein Studium auch Kontakt zur jüngeren Generation hält, ist ein willkommener Begleiteffekt.

Etwa 5000 Menschen über 50 Jahre machen bundesweit bei einem normalen Vollzeitstudium mit. Weitere 36.500 Menschen nutzen die Möglichkeit, als Gasthörer einzelne Kurse zu belegen. Sie bestimmen die Wochenstundenzahl selbst und streben keinen Abschluss an.

Konfliktfrei geht es dabei nicht immer zu. Die Jungen beschweren sich nicht nur darüber, dass ihnen die Grauhaarigen die besten Plätze im überfüllten Hörsaal wegnehmen, sondern auch über deren Diskussionsverhalten, Oft reichern die Senioren den fachlichen Diskurs mit endlosen Zeitzeugenmonologen an. „Das nervt“, findet selbst Bruns. Die Alten beschweren sich über den mangelnden Respekt der Jungen, die zwischen der Jagd nach Punkten und Leistungsdruck kaum Zeit haben, Rücksicht auf die wachsende Zahl älterer Kommilitonen zu nehmen.

Deshalb gibt es inzwischen an vielen Hochschulen spezielle Vorlesungen für Senioren – in Kiel firmiert das unter dem Begriff „Kontaktstudium“. Ähnliches wird auch in Flensburg und Lübeck angeboten. Einen festen Stundenplan gibt es dabei nicht. Aktuell kann man in diesem Winter Vorlesungen etwa über „Europäische Medizin im 18. Jahrhundert“, über „Die Neuordnung Osteuropas nach 45“, über „Philosophie und Poesie der Postmoderne“ oder die „Niederländische Malerei“ hören. Auch Themen wie Klimawandel, neue Galaxien und das Weltall sind im Angebot. „Jeder kann frei wählen, welche und wie viele Veranstaltungen er belegen möchte“, sagt die CAU-Sprecherin. 475 Menschen – fast alle über 60 Jahre alt – nahmen im letzten Winter am Kontaktstudium teil. Pro Semester fallen in Kiel je Vorlesung (20 Stunden) zwischen 30 und 35 Euro an. Hinzu kommen noch einmal 30 Euro für den Studienausweis . In Lübeck und Flensburg zahlt man pauschal 100 Euro.

Handelt es sich nicht um ein reguläres Studium, sondern ein Angebot für Senioren, braucht man meist kein Abitur. Es ist aber gut, wenn man zumindest grundlegende Computerkenntnisse hat, sonst wird eine Power Point Präsentation im Seminar schnell zur unüberwindlichen Klippe. Meist kommen die älteren Studenten mit den inhaltlichen Anforderungen ihrer Kurse aber gut klar. „Viele Ältere lesen viel und gerne – oft sogar mehr als die jüngeren Studenten“, weiß Schneider. „Und da die meisten das studieren, was sie interessiert, sind die Motivation und damit auch der Erfolg beim Lernen häufig groß.“

Infos:
www.senioren-studium.de
www.kontaktstudium.uni-kiel.de
www.avds.de
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert