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Unwetterbilanz : So wütete Sturm „Herwart“ im Norden – Behörden warnen vor Waldspaziergängen

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Der Sturm „Herwart“ sorgt für Behinderungen im Bahnverkehr, richtet Millionenschäden an und fordert drei Menschenleben.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 10:12 Uhr

Mehrere Tote, Verletzte und erhebliche Schäden – das war die Bilanz von „Herwart“ am Wochenende in Europa. An der Nordsee in Niedersachsen wurde ein 63-jähriger Camper von der Sturmflut überrascht und ertrank. In Mecklenburg-Vorpommern kenterte ein Motorboot auf dem Peenestrom mit drei Urlaubern aus Sachsen – eine 48-jährige Frau und ein zunächst geretteter 56-Jähriger starben. Er sei in der Nacht zum Montag im Krankenhaus verstorben, sagte ein Polizeisprecher am frühen Montagmorgen. Die Suche nach einem weiteren Passagier (48) blieb bis Sonntagabend erfolglos. Sie soll am Montag per Boot fortgesetzt werden.

In der Nordsee ist bei starkem Seegang durch Sturm vor Langeoog ein Frachter auf Grund gegangen. Sämtliche Rettungsversuche schlugen zunächst fehl. Die 225 Meter lange, unbeladene „Glory Amsterdam“ hatte sich am Sonntag in der Deutschen Bucht losgerissen. Nach bisherigen Erkenntnissen seien die 22 an Bord befindlichen Menschen unverletzt, hieß es vom deutschen Havariekommando, das die Einsatzleitung übernommen hat.

Der Frachter „Glory Amsterdam“ in der Deutschen Bucht vor Langeoog.
Der Frachter „Glory Amsterdam“ in der Deutschen Bucht vor Langeoog. Foto: dpa
 

Die starken Böen erreichten Geschwindigkeiten von 140 Kilometer pro Stunde auf Sylt, 130 km/h auf Fehmarn, 120 km/h auf Helgoland und 100 km/h in Hamburg. Feuerwehren waren im Dauereinsatz. Es kam an vielen Stellen zu hohen Sachschäden. In Oldenswort (Kreis Nordfriesland) überschlug sich ein Autofahrer beim Ausweichen vor umgestürzten Ästen. Auf der A20 bei Bad Doberan (Landkreis Rostock) rutschten mehrere Autos auf einer fünf Zentimeter dicken Hageldecke aus. Dabei verletzten sich zwei Menschen. Verletzte wurden der Polizei in Hamburg bis zum Sonntagmittag nicht gemeldet.

Zugausfälle

Nach „Herwart“ bemüht sich die Deutsche Bahn, den teilweise lahmgelegten Zugverkehr im Norden und Osten rasch wieder in Gang zu bringen. Vor allem rund um Hamburg wird es nach Angaben des Konzerns jedoch auch am Montag noch Sperrungen geben. Einzelne Züge auf den Verbindungen Berlin-Leipzig, Berlin-Halle-Erfurt, Dortmund-Hannover und Kassel-Hannover-Hamburg sollten den Betrieb aber bald wieder aufnehmen.

Auf der wichtigen Strecke zwischen Hannover und Berlin werden voraussichtlich ab Montagmorgen erste Züge wieder fahren, ebenso auf den Routen Hannover-Magdeburg, Berlin und Dresden, sowie Münster und Norddeich.

Dagegen dürften die Arbeiten auf den folgenden, vom Sturmtief „Herwart“ stark getroffenen, Strecken wohl länger andauern.

  • Hamburg-Berlin (Wiederaufnahme gegen 14 Uhr)
  • Dortmund-Bremen-Hamburg (noch keine Fernzüge)
  • Hamburg-Westerland
  • Hamburg-Kiel
  • Hamburg-Lübeck-Puttgarden
  • Hamburg-Rostock-Stralsund
  • Berlin-Stralsund

Die Deutsche Bahn hatte am Sonntag in sieben Bundesländern ihren Fernverkehr gestoppt. Auch bei den Regionalbahnen in SH kommt es zu Behinderungen.

Auf diesen Bahnstrecken ist der Zugverkehr eingestellt oder eingeschränkt:

  • RE1 (Hamburg Hbf - Büchen)
  • RE6 (Westerland - Hamburg - Altona) Zugverkehr zur Zeit zwischen Westerland und Itzehoe. Zusätzlich sind die Züge des Sylt-Shuttle-Plus für Reisende freigegeben.
  • RE7 (Flensburg - Hamburg Hbf) Zugverkehr auf der Teilstrecke Flensburg - Rendsburg.
  • RE70 ( Kiel Hbf - Hamburg Hbf) Zugverkehr auf Teilstrecke Hamburg Hbf- Elmshorn.
  • RB77 (Kiel Hbf - Neumünster) Zugverkehr eingestellt
  • RB81 (Hamburg Hbf - Bad Oldesloe) Zugverkehr eingestellt

Stand Montag, 6.32 Uhr. Bitte die aktuellen Meldungen auf bahn.de/aktuell beachten.

Millionenschäden in SH und Hamburg

 

Die Einsatzkräfte hätten sich vor allem um umgestürzte Bäume, Baugerüste und Dachteile gekümmert, sagte ein Sprecher am Sonntag. Die Höhe des Sachschadens liege vermutlich im Millionenbereich. Mit vielen kleineren sturmbedingten Einsätzen war die Feuerwehr noch den ganzen Tag beschäftigt. Im Kreis Nordfriesland wurde eine historische Mühle durch den Sturm stark beschädigt. Eine Orkanböe riss bei der Mühle „Catharina" in Oldenswort den kompletten Dachkopf auf die Fahrbahn. In der 1786 erbauten Mühle sind mehrere Ferienwohnungen. Nach Angaben eines Feuerwehrsprechers verbringt dort eine Familie aus Bayern ihren Herbsturlaub. Die Feriengäste blieben unverletzt.

Allein im Bereich der Leitstelle Süd in Bad Oldesloe wurden innerhalb kurzer Zeit über 200 Einsätze für die Freiwilligen Feuerwehren gezählt. In Hoisdorf Fürstenkaten hat der Sturm das große Wellblechdach eines landwirtschaftlichen Gebäudes abgedeckt und auf die Straße geweht. Feuerwehrleute und der Landwirt räumten gemeinsam die Straße frei. Diese war während der Arbeiten komplett von der Polizei gesperrt. Seit ein Uhr bis zum Vormittag hat die Leitstelle West in Elmshorn für ihren Zuständigkeitsbereich mehr als 230 Einsätze in den Landkreisen Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg gezählt. Durch den Sturm sind zahlreiche Bäume auf Straßen, Wege, Fahrzeuge und Häuser gestürzt.

Elb-Hochwasser in Hamburg und SH

 

Am Hamburger Hafen ist am Sonntagmorgen die Elbe über die Ufer getreten. Feuerwehr und Polizei sind im Einsatz. So drohte eine Tiefgarage in der Nähe der Elbphilharmonie vollzulaufen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Offenbar hätten die Flutschutztore die Garage nicht ausreichend funktioniert.

Eine Kuh wird bei Hamburg aus dem Hochwasser gerettet.

Eine Kuh wird bei Hamburg aus dem Hochwasser gerettet.

Foto: dpa
 

Im Stadtteil Neuengamme retteten die Einsatzkräfte sieben Kühe, die von der Flut eingeschlossen waren. Die Elbchaussee entlang des Hamburger Hafens ist einem Polizeisprecher zufolge ebenfalls überspült worden. Sie wurde teilweise gesperrt. Auch der Hamburger Fischmarkt wurde gesperrt.

Ein Spaziergänger und sein Hund wurden im Deichvorland am Geesthachter Stauwehr vor dem Hochwasser gerettet.

Ein Spaziergänger und sein Hund wurden im Deichvorland am Geesthachter Stauwehr vor dem Hochwasser gerettet.

Foto: Timo Jann

Im Deichvorland am Geesthachter Stauwehr war gegen 10.30 Uhr ein Spaziergänger (73) mit seinem Hund von der Sturmflut überrascht worden. Das Wasser lief elbaufwärts und hatte ihnen plötzlich alle Wege abgeschnitten. Die beiden wurden mit einem Boot der Feuerwehr Elbmarsch in Sicherheit gebracht. Der Pegelhöchststand war gegen 10 Uhr. Während der Flut erreichte die Elbe am Sonntagvormittag vorübergehend einen Höchststand von mehr als drei Metern über dem mittleren Hochwasser.

Seit Sonntagfrüh ist die Feuerwehr in Hamburg zu mehr als 1000 Einsätzen ausgerückt. Auch am Montag waren noch Einsatzkräfte unterwegs, um zunächst unerkannte Gefahrenherde zu beseitigen, wie ein Sprecher der Feuerwehr sagte. Unter anderem hingen in Bäumen noch abgebrochene Kronen oder Äste, die beseitigt werden mussten, bevor sie herunterfallen und Schäden anrichten. Sprecher Jan Ole Unger erklärte: „Zum Glück gab es keine Verletzten oder Tote.“ Zu Spitzenzeiten waren am Sonntag rund 1000 Kräfte der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks im Einsatz.

Warnung vor Waldspaziergängen

Ein umgestürzter Baum bei Harrislee.

Ein umgestürzter Baum bei Harrislee.

Foto: Karsten Sörensen
 

Jens Fickendey-Engels, Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Waldbesitzerverbandes, rät, Wälder auch nach Sturmtief „Herwart“ zu meiden: „Halbgelockertes kann dann nachrutschen.“ Das ungewöhnliche Aufeinandertreffen gleich dreier Sonder-Faktoren macht die Lage so gefährlich: Erst kam am Wochenende nach nur drei Wochen bereits der zweite Herbststurm, zugleich sind die Bäume noch zum Großteil belaubt, „so dass sie dem Wind wie ein Segel eine viel größere Angriffsfläche bieten als im Winter.“ Zudem ist der Boden durch die Rekord-Regenmengen „aufgeweicht wie ein Pudding“, so der Waldexperte. „Das Wasser kann nicht mehr nach unten. Der Boden ist vollgesogen wie ein Schwamm, und obendrauf steht auch noch Wasser.“

Folge: „So kann das Feinwurzelwerk manche Bäume nicht mehr halten – die Standfestigkeit ist stark herabgesetzt“, erklärt Fickendey-Engels. Deshalb warnt der Verband vor dem Betreten baumbestandener Flächen.

Auch die Hamburger Forstbehörde warnt nach „Herwart“ vor dem Betreten der Wälder. Das Sturmtief am Wochenende habe die Gefahrensituation in den Wäldern noch einmal verschärft, teilte die Behörde am Montag mit. Besucher wurden eindringlich gebeten, die Hamburger Wälder bis auf weiteres nicht zu betreten. Neben Bäumen, die umgeworfen oder geknickt wurden, seien weitere, nicht unmittelbar sichtbare Gefahren entstanden, hieß es. So drohten schief stehende Bäume umzukippen, Kronen- oder Astabbrüche könnten ohne Vorwarnung auf die Wege fallen. Die zur Beseitigung der Schäden benötigte Zeit könne derzeit noch nicht abgeschätzt werden.

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