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Granaten aus Zweitem Weltkrieg : So versenkte die Armee Ende des Krieges Giftgas

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Neue Quellen legen den Verdacht nahe, dass bei Kriegsende Senfgasgranaten in der Ostsee versenkt worden sind. Der chemische Kampfstoff kann auch heute noch gefährlich werden.

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erstellt am 30.Mär.2012 | 05:23 Uhr

Flensburg | Es ist klein, gelb und sieht ein bisschen wie Bernstein aus. Doch solche Klumpen, die aus dem Meer an die Strände gespült werden, können auch eine andere Herkunft haben. Denn genau so sehen Reste von Senfgas aus, wenn sie aus Granaten austreten, Granaten, die in der Ostsee liegen.
"Bislang dachte man, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nur konventionelle Munition vor Flensburg versenkt wurde", sagt Dr. Stefan Nehring, Biologe aus Koblenz, der zu dem Thema gerade einen Artikel in der Fachzeitschrift "Waterkant" veröffentlicht hat. "Doch jetzt ist klar, dass dort sogar Senfgasgranaten versenkt worden sind." Wie viel von dem chemischen Kampfstoff noch in der Ostsee liegt, weiß heute keiner. Aber Nehring hat in den Archiven gewühlt und mehrere Dokumente gefunden, in denen Zeitzeugen die Versenkung von Giftgas schildern.
Chemische Kampfstoffe in Förde "vergessen"
Die deutschen Behörden hätten über die Jahre das Wissen um die chemischen Kampfstoffe in der Flensburger Förde "vergessen", so der Wissenschaftler. Sie seien Hinweisen auf das Giftgas nicht nachgegangen, hätten die Gefahr ignoriert, Akten in Archiven verschwinden lassen.
Er hat keinen Zweifel. Der Wissenschaftler Stefan Nehring hat es selbst in einem Untersuchungsbericht der Marine aus dem Jahr 1969 gelesen, dass am Kriegsende rund 5000 Tonnen Gasmunition und etwa 600 Tonnen Geschosse von drei Schiffen bei Fahrten vor dem Südausgang des Kleinen Belts am Ende der Flensburger Förde versenkt worden seien.
Grüne Granaten
In dem Bericht, der sich auf Zeugenaussagen der Beteiligten stützt, heißt es: "Die Granaten wurden von Hand über Bord geworfen und die Bomben in den Kisten aus dem Laderaum gehievt und über die Reling gekippt." Ein Zeuge erklärte, dass die Schiffe aus Angst vor Fliegerangriffen schnell aus dem Versenkungsgebiet verschwunden seien und auch auf dem Rückweg nach Flensburg weiter Munition über Bord geworfen hätten. Lange sei man bei Behörden und Marine davon ausgegangen, dass es sich bei dem Giftgas um Phosgen und Tabun gehandelt habe - Stoffe, die sich beim Austritt ins Meer in harmlose Substanzen verwandeln.
Doch Nehring hat eine andere Zeugenaussage gefunden: "Es handelte sich im Granaten, die grün angestrichen waren und einen gelben Ring hatten." So kennzeichnete die Deutsche Wehrmacht Senfgasgranaten. Und Senfgas zersetzt sich eben nicht. "Es bildet eine kompakte Masse. Das schlimme ist, dass es bei der Berührung mit der Haut zu Verätzungen führt", sagt Nehring. In den 70er Jahren fischten zwei dänische Fischer südlich des Kleinen Belts Senfgasbehälter aus der Ostsee. "Wir brauchen genauere Untersuchungen", sagt der Wissenschaftler. Genau das will das Innenministerium des Landes jetzt veranlassen.
Es sei möglich, dass die Granaten längst im Schlamm verschwunden sind, dennoch sei eine Gefahr für Mensch und Umwelt nie auszuschließen. Die Helsinki Kommission (Helcom), die Vorkommen von chemischen Kampfstoffen untersucht, hat bereits vor längerem eine Verdachts fläche am Ausgang der Förde aus gewiesen. Nehring: "Die muss jetzt auf die gesamte Förde ausgeweitet werden."

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