Jübek Open Air : So kam der Rock nach Jübek

Die vier Gesellschafter: Maik Frie, Marco Sohr, Alexander Hansen und Christoph Tams (v.li.). Foto: ecg
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Die vier Gesellschafter: Maik Frie, Marco Sohr, Alexander Hansen und Christoph Tams (v.li.). Foto: ecg

Vor 26 Jahren feierte das Jübeker Open-Air-Festival seine Geburt. Joe Cocker, "Die Fantastischen Vier" oder "Faith no more" - alle waren sie da.

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09. April 2011, 02:38 Uhr

"Ihr veranstaltet kein Feuerwehrfest, sondern leitet ein Millionenunternehmen", mit dieser Bemerkung endete die notarielle Beurkundung des Gesellschaftervertrages der Jübek Open Air GmbH, erinnert sich Arthur Peter. 13 Jübeker waren der Meinung, dass das in der Gemeinde Jübek vorhandene Sandbahnstadion auch als Veranstaltungsort für Pop- und Rockveranstaltungen geeignet ist.
Als 1985 alles begann, startete das Jübek Festival unter der Organisation des Kielers Harald Koch. Auf dem zweiten Festival 1986 wechselte der Veranstalter seinen Namen in "Orange GmbH". Der Top-Act war Joe Cocker. Doch der Kieler Harald Koch und seine Gesellschafter waren nicht mehr liquide. Um einer Eskalation vorzubeugen, als der Abbruch drohte, sprangen drei Jübeker ein. "Um Joe Cocker zu bezahlen, sammelten sie Geld und schossen selbst den Hauptteil dazu", erzählt Arthur Peter. Ein Jahr später auf dem Open-Air, das von 1987 bis 1995 veranstaltet wurde, gehörte Peter, der mit seiner Frau eine Tankstelle in Jübek betreibt, selbst zu den Gesellschaftern.
Jübecker übernehmen das Open Air
Die Jübeker setzten das Festival als Open-Air fort. Ziel der Gesellschaft war nicht der persönliche Vorteil, sondern der Spaß daran, jung geblieben zu sein und das zu ermöglichen, was man selbst in jüngeren Jahren als Zuschauer erlebt hat, weiß Peter noch heute genau. Bandnamen, die sich lesen wie das "Who is who" der Musikgeschichte traten in Jübek auf. Die wilde Dorftruppe wurde von vielen belächelt. Sie musste sich gegen negative Presseberichterstattung als so genanntes "Bauernfestival" und eine Vielzahl behördlicher Auflagen durchsetzen. "Was kaum einer für möglich gehalten hatte: Jübek entwickelte sich zu einer der ersten Festivaladressen in Deutschland", berichtet Arthur Peter stolz.
Am 1. Mai vergangenen Jahres war es dann endlich wieder soweit. Die neuen Gesellschafter veröffentlichten ihr Programm auf der Internetseite www.jübek-open-air.de sowie in unserer Zeitung und der Kartenvorverkauf startete. Als Bands standen Illegal 2001, Pinboys (DK), KellerChaos, Desert Daemon und Murphys Law fest. Am 28. August wurden endlich wieder die Tore des "Motodroms" geöffnet und die Musik und das Flair begeisterte mehr als 3000 Besucher auf der Jübek Open Air Revival Party. Als die letzten Gäste das Festivalgelände verlassen hatten, waren die Veranstalter der Revival-Party 2010 mit den Aufräumarbeiten in vollem Gange. Einige Besucher betteten sich in ihren Autos zur Ruhe. Obwohl es zu dem Tagesspektakel keine Übernachtungsmöglichkeiten geben durfte, schufen sich Gäste Räume zum Schlafen. Legal- auf einem Parkplatz.
"Vielleicht in zwei Jahren wieder. Es ist alles noch zu frisch"
Einen zweiten Tag sollte es aber nicht geben. Die Eindrücke ließen viele Besucher noch nicht los: alte Freunde getroffen, auf ehrwürdigem Gelände gefeiert, Erinnerungen aufgefrischt. Auch wenn sie früher mindestens drei Tage in Jübek auf dem Open-Air verbrachten. Für die fünf Gesellschafter der heutigen Jübek-Open-Air GmbH war noch kein Platz im Kopf, um das Erlebte zu begreifen. Gedankenspiele einer Wiederholung wurden zwischen dem Staub sogleich verworfen. "Vielleicht in zwei Jahren wieder. Es ist alles noch zu frisch", stammelte Geschäftsführer Maik Frie, als er mit seinen Gesellschaftern (Christoph Tams, Alexander Hansen, Marco Sohr und Hannes George) versuchte, das Gelände von Müll und Unrat zu befreien. Eine Party würde auch nicht noch mal funktionieren, waren sich im Jahr 2010 alle einig.
Die Bands hatten das Motodrom aber endlich wieder mit Musik gefüllt. Die Gäste spürten erneut den Zauber alter Tage. Besonders als "Illegal 2001" ihre Hits durch das Sandbahnstadion schmetterten. "Nie wieder Alkohol" wummerte noch in den Köpfen von den Gesellschaftern. Sie hatten fast nichts getrunken. Trotzdem fühlte sich ihr Zustand in Leib und Seele aber an, als würden sie mit einem Geschmack aus Erbrochenem, Tsatsiki und Hochprozentigem umhertorkeln und versuchen, ihren Nachdurst zu besiegen. Nach dem Fest war nicht vor dem Fest.
Wie ein Klassentreffen nach 25 Jahren
Es war wie ein Klassentreffen. Nach 25 Jahren trafen Leute aufeinander, die sich nach kurzem Aufwärmen sofort wieder verstanden. Sollte es bei diesem Strohfeuer bleiben? Im Dorf und in der Umgebung machte sich bereits Wehmut breit. Doch jedes kleinste Gerücht nährte die Hoffnung der Anhänger.
Ein Vierteljahr später sieht die Welt wieder anders aus. Die Eindrücke sprudeln aus den Gesellschaftern heraus. Bei einem Dankesfest für die vielen fleißigen Helfer stehen sie zusammen in der Pantry-Küche des Festraums. Sie stoßen auf ihr „Gesellenstück“ an. Sie diskutieren, was sie anders machen wollen, wenn es denn eine Wiederholung geben soll. Dann der Entschluss: sie wollen weiter machen. Vielleicht ihr „Meisterstück“. Nicht als Revival-Party – sondern als richtiges Open Air – am 20. August 2011. Sie haben eine Legende auferstehen lassen, was die heutigen Gesellschafter mit stolz erfüllt. Viele deutsche Bands reihten sich früher in die „Playlist“ ein: Fury in the Slaughterhouse und die Fantastischen Vier traten auf.
Nur noch vier Gesellschafter
Doch als "Fanta 4" 1993 auf die Bühne kamen, glänzte ihr Stern noch nicht so sehr am Himmel. Ihr Bekanntheitsgrad und ihre Reputation animierten die Fans eher dazu, sie auszupfeifen, sie mit Bechern, die in Griffweite standen, zu beschmeißen, als sie wie heute zu feiern. Sie sollen in einem Interview auf die Frage nach ihrem bislang schlimmsten Erlebnis gesagt haben, dass sie nie mehr in ein kleines Dorf bei Schleswig an der dänischen Grenze zurückkehren würden, weil sie dort bereits nach einer halben Stunde die Bühne verlassen mussten, erinnert sich die Gesellschafter an einen Fernsehauftritt der Rap-Musiker.
Aber die Zahl vier ist für die heutigen Gesellschafter nicht unbedingt fantastisch. Denn seit diesem Jahr sind nur noch vier Gesellschafter übrig geblieben. Einer macht nicht mehr weiter. Dadurch ist ein gleichmäßiges Verhältnis der Stimmen vorhanden. Bei der Auswahl der Bands kommt es entweder zu einer Mehrheit oder einem Patt, was die Arbeit nicht vereinfacht.
Wie schon 1987, als sich die ersten Jübeker aufmachten, kein Feuerwehrfest zu veranstalten, sondern ein großes Unternehmen zu leiten, müssen auch heute eine Vielzahl behördlicher Auflagen durchgesetzt, Musikgruppen kontaktiert, Treffen mit den Künstlern vereinbart und Gespräche geführt werden. Die oftmals nicht das gewünschte Ergebnis bringen.
Ein unkalkulierbares Geschäft
„Es ist ein Geschäft, das nicht kalkulierbar ist“, sagt Arthur Peter. Im Ranking der Agenturen standen die Jübeker erst an vierter oder fünfter Stelle, erinnert er sich. „An U2 war nicht zu denken, die gehörten zur ersten Kategorie“, erklärt Peter. Aber sie bekamen „Faith no more“. „Die kannte bloß kaum jemand. Außer der ehemalige HSV-Torwart Richard Golz. Der kam vorbei“, erzählt er eine Anekdote. Damals hatten die Gesellschafter einen Etat von anderthalb Millionen Deutsche Mark. Davon blieb aber nur ein Drittel für Gagen übrig. Zwei Drittel verschlangen örtliche Kosten. „Es ist ein Geschäft, das sich nicht rechnet“, konstatiert der ehemalige Gesellschafter Peter. Einige Künstler hätten aber durch ihren Auftritt eine Renaissance erfahren, mutmaßt er, als er von Bryan Adams und Meat Loaf spricht. „Danach tauchten sie wieder in den Top-Ten auf“, erwähnt er schmunzelnd. Zu den örtliche Kosten zählten: Anmietung der Koppeln (30 bis 50 Hektar), Anmeldung der Ordner – laut Peter war damals ein Ordner für 200 Zuschauer nötig – die Polizei, Straßenverkehrsbehörde, Sanitäter, Ärzte und die Feuerwehr mussten organisiert werden.
Das Beste: In diesem Jahr findet endlich wieder ein Open-Air im Sandbahnstadion statt. Karten sind entweder online auf
www.juebekopenair.de zu bekommen, bei der Team-
Tankstelle in Jübek oder bei der VR-Bank Flensburg-Schleswig.
(ecg, shz)

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