Vorwürfe gegen Ermittler : Skelett in Müllsack - Eltern: "Kripo hat versagt"

Mit diesem Plakat suchte die Familie nach der jungen Mutter Denise B. Foto: sh:z
Mit diesem Plakat suchte die Familie nach der jungen Mutter Denise B. Foto: sh:z

Die 20-jährige Denise B. aus Kiel wurde seit Sommer 2012 vermisst. Eine öffentliche Suche ging von der Polizei nicht aus. Die Familie macht den Fahndern Vorwürfe.

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22. April 2013, 12:16 Uhr

Kiel | Das Plakat mit der großen Überschrift "Vermisst" zeigt das Foto einer lächelnden jungen Frau, im Arm hält sie ein Kind. Es ist Denise B., 20 Jahre alt, aus Kiel. Sie ist die Tote, die in einem Müllsack hinter der Leitplanke an der B76 in Kiel-Elmschenhagen lag.

Im vergangenen Sommer war die Mutter von zwei Kindern verschwunden. Ihre Familie erstattete Vermisstenanzeige, doch die Polizei hat nie öffentlich nach ihr gesucht.

"Man hat einfach nicht richtig gesucht"

"Das Plakat haben wir selbst gemacht, überall verteilt und aufgehängt", sagt die Mutter (50) von Denise. "Und nun ist meine Tochter tot. Wir sind tief enttäuscht von der Polizei, man hat einfach nicht richtig gesucht." Im Juni 2012 hatte die Mutter zum letzten Mal mit Denise gesprochen. Im August wurde die junge Frau dann noch einmal gesehen, als sie in Kiel-Gaarden in ein Auto stieg. Danach gab es kein Lebenszeichen mehr. War es der Wagen ihres Mörders?

"Ich habe der Polizei oft gesagt, dass meine Tochter nicht der Typ ist, der sich nicht meldet", berichtet die Mutter mit erstickter Stimme. "Immer wieder habe ich bei der Kripo nachgefragt, ob es eine Spur gibt. Mir wurde geantwortet, es gebe keine Anhaltspunkte."

"Immer gut drauf, bis die Drogen kamen"

Denise B. führte kein beständiges Leben. "Sie war ein lebenslustiges Mädchen, immer gut drauf, bis die Drogen kamen", erzählt ihre Mutter. "Mit 13 Jahren hat sie damit angefangen, ich war mit ihr bei der Drogenberatung, aber das hat nicht geholfen. Als Mutter fragst du dich natürlich: Was hast du verkehrt gemacht?"

Mit 16 Jahren bekam Denise B. ihr erstes Kind, anderthalb Jahre später das zweite. "Das war alles nicht einfach für sie, aber das Jugendamt hat sich gekümmert. Zu denen hatte Denise einen guten Draht." Der Junge und das Mädchen wurden von Pflegeeltern aufgenommen. Und Denise lebte wieder ihr Leben. "Eine Lehre hat sie nicht gemacht, zum Schluss hat sie überall und nirgends gewohnt, ich wusste nicht bei wem", sagt die Mutter. Von ihrem Freund trennte sich Denise B., doch als die junge Frau verschwindet, steht er der Familie bei. "Er hat uns sehr geholfen, Plakate aufgehängt."

"Die Kripo hat komplett versagt"

Der Ex-Freund sagt dem sh:z: "Die Kripo hat bei ihren Ermittlungen komplett versagt. Es gab Hinweise, dass Denise ins Rotlichtmilieu gezwungen wurde, das habe ich der Polizei mehrfach mitgeteilt. Passiert ist nichts." Die Familie bestätigt: "Denise lernte leider die falschen Leute kennen, auch Zuhälter." Die Angehörigen haben nun den Verdacht, dass es der Lebenswandel von Denise B. war, der eine intensivere Suche verhindert hat. "Ich glaube, die Beamten dachten, meine Tochter sei eine drogensüchtige Rumtreiberin, die schon wieder auftauchen werde."

Warum hat die Polizei nie öffentlich nach Denise B. gesucht? Polizeisprecher Bernd Triphahn: "Die Angehörigen haben Vermisstenanzeige erstattet, der Fall wurde vom K11 bearbeitet. Die Frage, warum es keine Öffentlichkeitsfahndung gegeben hat, ist berechtigt, lässt sich für mich aber momentan nicht nachvollziehen."

Ungewissheit, die kaum zu ertragen war

Fast ein Jahr lebte die Familie in "Ungewissheit, die kaum zu ertragen" war. Am Dienstag wurden die sterblichen Überreste von Denise B. gefunden. Die vollkommen skelettierte Leiche lag an der B76 im Kieler Stadtteil Elmschenhagen. Der Müllsack muss Monate am Straßenrand gelegen haben.

"Bereits am Mittwoch war die Polizei bei uns, um zu erklären, dass eine Leiche gefunden worden sei", sagt die Mutter. "Man hat mich beruhigt. Es gebe mehrere vermisste Mädchen in Kiel. Am Donnerstag kamen die Beamten dann wieder - sie hatten einen Psychologen dabei und überbrachten mir die Todesnachricht. Ich stehe noch immer unter Schock, kann kaum denken."

Todesumstände noch unklar

Die schnelle Identifizierung des Skeletts gelang, weil die Kripo DNA-Material von Denise B. in ihre Vermisstendatenbank aufgenommen hatte. Doch die wichtigsten Fragen sind weiterhin offen: Wann und wie starb die junge Mutter? Wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens? "Die Ermittlungen gehen in alle Richtungen", sagt der Polizeisprecher. Dabei würden auch das Umfeld und die Familie untersucht.

Für die Mutter von Denise B. gibt es keinen Zweifel daran, dass ihre Tochter ermordet wurde. Sie sagt: "Mir geht es jetzt darum, dass der Mörder von Denise schnell gefasst wird. Seit Monaten läuft er frei herum, und ich will nicht, dass er noch ein Mädchen umbringt."

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