Historische Arbeit : Sittengemälde über falsche Helden

 Nach dem umstrittenen Vortrag: Der damalige Schülersprecher Uwe Barschel schüttelt Karl Dönitz die Hand.  Foto: Fred Ihrt/Stern
1 von 2
Nach dem umstrittenen Vortrag: Der damalige Schülersprecher Uwe Barschel schüttelt Karl Dönitz die Hand. Foto: Fred Ihrt/Stern

Bundespräsident ehrt Geesthachter Schüler als Sieger eines Geschichtswettbewerbs: Sie untersuchten die Dönitz-Affäre.

shz.de von
17. November 2011, 09:49 Uhr

Geesthacht/Berlin | "Uns waren diese Ereignisse völlig unbekannt", ist einer der prägnanten Sätze in der Einleitung dieser Aufarbeitung eines Skandals. Für ihre historische Arbeit mit dem Titel "Die Dönitz-Affäre - der Großadmiral und die kleine Stadt" hat die Klasse 13a des Otto-Hahn-Gymnasiums in Geesthacht den ersten Platz im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen. Am morgigen Freitag wird stellvertretend für alle Beteiligten die 20-jährige Louise Jacobs die Urkunde auf Schloss Bellevue von Bundespräsident Christian Wulff entgegennehmen.
"Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" war das Thema des Wettbewerbs, - und für die Geesthachter Schule passte das wie die Faust aufs Auge. Der von der Körber-Stiftung ausgeschriebene Wettbewerb, der gedacht ist, Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit und kritischem Denken zu motivieren, war für die Geesthachter zugleich ein Stück Bewältigung eigener Schulgeschichte. Denn der von den jungen Historikern auf 44 Seiten untersuchte und beurteilte Skandal um eine Rede, die der ehemalige Großadmiral und letzte Präsident des "Dritten Reiches" Dönitz (1891-1980) im Jahr 1963 vor Schülern der 9. bis 13. Klassen hielt, fand am Geesthachter Gymnasium statt und zog von dort weltweite Kreise.
Über die "Dönitz-Affäre" und den vorgeblich braunen Sumpf in Geesthacht ätzten damals nicht nur "Die Zeit" und der "Spiegel", auch die Weltpresse von "Le Monde" bis zu russischen Zeitungen sah darin die Bestätigung, dass die Deutschen wenig dazu gelernt haben. Dönitz durfte damals, immerhin 18 Jahre nach Kriegsende, ungehindert stark national sozialistisch gefärbtes Gedankengut zum Besten geben, über Kriegsführung schwadronieren und seinen eigenen Glanz polieren. Von den Lehrern wurde er eifrig beklatscht, die Schüler dachten sich offenbar nichts dabei. Keiner stellte eine kritische Frage. "Dies", so schrieb die "Zeit" damals, "war ein neuer beunruhigender Beitrag zur politischen Soziologie der schleswig-holsteinischen Kleinstadt."
"Das Böse kommt immer wieder an die Oberfläche."
"Ich habe aus unserer Untersuchung gelernt, dass es wichtig ist, eine Meinung zu haben. Wir haben uns gefragt, ob uns diese Passivität der Schüler auch passieren kann, und sind der Ansicht, nein, weil wir viel kritischer sind", berichtet Louise Jacobs. Eingeladen hatte den Großadmiral damals Schülersprecher Uwe Barschel. Dieser tat es auf Geheiß seines Geschichtslehrers. Barschel wurde später schleswig-holsteinischer Ministerpräsident. Er starb im Oktober 1987 unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen in einem Hotel in Genf in der Schweiz.
Ans Licht kam die Dönitz-Sache durch die jubilante Berichterstattung des Lokalredakteurs Karl Mührl von der "Bergedorfer Zeitung", der das Helden-Geseire des alten Mannes als lebendigen Geschichtsunterricht beschrieb. Ohne Mührl wäre die Sache nicht publik geworden. Er wurde später Chefredakteur seiner Zeitung.
"Das Böse kommt immer wieder an die Oberfläche." Dies habe eine Schülerin nach den Recherchen gesagt, berichtet die Projektleiterin und Lehrerin Susanne Falkson (42). Fast 50 Jahre nach dem fragwürdigen Auftritt eines verurteilten Kriegsverbrechers am Geesthachter Gymnasium zerrten die Schüler auf Anregung von Falkson die Affäre wieder ans Licht. Sie wühlten in Archiven, befragen Zeitzeugen, informieren sich über die Hintergründe des Skandals und charakterisieren die beteiligten Personen. Dabei trugen sie nicht einfach nur zusammen, was geschah, sondern ordneten ihre Recherchen der Frage unter, warum die Schüler damals nicht fähig waren, sich kritisch mit Dönitz auseinanderzusetzen. "Sie haben nicht gesagt: Wie konnten die nur? Sie haben sich sehr tief in den Zeitgeist hineinversetzt", erzählt Falkson.
Scharfe Anklage des Geistes der Nachkriegszeit
Durch das klare Urteilsvermögen der Schüler wird die Untersuchung der "Dönitz-Affäre" zur scharfen Anklage des Geistes der Nachkriegszeit: Faschistisch geprägte Lehrer, hierarchische Strukturen in der Schule und naiv gehaltene Schüler, denen der Nationalsozialismus lediglich als Kriegsgeschichte beigebracht wurde, in der das Leid, die Toten und die Verbrechen ausgeklammert waren. Entstanden ist ein trauriges Sittengemälde über falsche Helden und irregeleitete Pädagogen, über feige Verdrängung und verlogene Verherrlichung.
Falkson hat bereits einen Jahrgang erfolgreich zum Sieger dieses Geschichtswettbewerbs geführt. 2006 gewannen die Geesthachter mit einem Beitrag über Bismarck. Die Recherchen für das Dönitz-Projekt begannen im vergangenen Herbst. Bei lediglich zwei Geschichtsstunden pro Woche mussten Schüler und die Lehrerin viel private Zeit zu opfern. Um diesen Einsatz ein wenig zu versüßen, galt die Arbeit an dem Papier als Klausurersatzleistung. Schwierig gestaltete sich die Suche in den Archiven, weil Protokolle und Akten verschwunden waren. "Wir wollen nicht spekulieren, aber es kommt einem höchst merkwürdig vor", sagte Susanne Falkson.
1152 Beiträge waren für diesen Wettbewerb eingereicht worden. Dass die Geesthachter gewannen, schreibt Susanne Falkson dem hohen Einsatz ihrer Schüler zu. "Es war eine ganz besondere Klasse, die bereit war, besondere Leistungen zu erbringen."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen