Kampagne "Runter vom Gas!" : Sinnvolle Provokation oder emotionale Keule?

Die Plakate der neuen Kampagne 'Runter vom Gas' werden kontrovers diskutiert. Foto: dpa
Die Plakate der neuen Kampagne "Runter vom Gas" werden kontrovers diskutiert. Foto: dpa

Die neue Verkehrssicherheitskampagne "Runter vom Gas!" mit fiktiven Todesanzeigen soll aufrütteln - doch sie stößt nicht überall auf Zuspruch.

shz.de von
19. März 2008, 02:22 Uhr

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat am Dienstag in Berlin die neue Verkehrssicherheitskampagne "Runter vom Gas!" gegen Raserei vorgestellt. Um ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass jeder Verkehrsteilnehmer betroffen sein kann, will das Ministerium mit der Kampagne bewusst schockieren und provozieren.
"Wir müssen alles dafür tun, die Zahl der Verkehrstoten zu senken", sagte Tiefensee bei der Vorstellung der Kampagne. Jährlich rund 5000 Tote durch Verkehrsunfälle seien zu viel. Die schockierende Aufmachung der Anzeigen solle aufrütteln: "Wir wollen eine prägende und nachhaltige Wirkung erzielen und das Leid anfassbar und begreifbar machen", sagte der Minister. Hinter jedem getöteten Menschen stünden ein Schicksal und eine Familie.
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Die Kampagne sei nur ein Mosaikstein in einer Fülle von Maßnahmen, sagte Manfred Bandmann, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. "Der Schock ist die richtige Methode, eine öffentliche Diskussion zu provozieren." Die Zahl der Schwerverletzten durch Verkehrsunfälle liege bei jährlich 430.000 Menschen und gehe nicht zurück.
"Die Kampagne geht in die richtige Richtung", sagte Rüdiger Born, Geschäftsführer vom Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen. Besonders mit den Plakaten, die auch an Autobahnen aufgestellt werden, könne sich der Autofahrer identifizieren: "Sie zeigen Grundprobleme und -entscheidungen, etwa: Wie komme ich schnell und sicher nach Hause?"
"Die Schicksale sind etwas zu blumig dargestellt"
Die Anzeigen seien hingegen "sehr detailreich, die Schicksale sind etwas zu blumig beschrieben". Der Schock des Films, der den Tod einer Familie darstellt, wirke zu intensiv. Der Zuschauer könne nicht erkennen, was die Familie falsch gemacht habe, sagte Born. "Es ist schwer, aus dem Film eine Lehre auf das eigene Fahrverhalten zu ziehen."
Kritik an der Werbekampagne äußerte der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW). "Hier entsteht der Eindruck, die Raserei sei ein gesamtgesellschaftliches Problem", sagte ZAW-Sprecher Volker Nickel. Tatsächlich sei nur ein Teil der 5000 Verkehrstoten auf Raserei zurückzuführen. "Statt positiv mit Lebensfreude zu werben, setzt man auf Angst". Das Verkehrsministerium habe ein schiefes Bürgerbild, wenn es die "emotionale Keule" als einzige Möglichkeit sehe.
Die Zahl der Verkehrstoten ist in Deutschland nach Angaben des Verkehrsministeriums von 2000 bis 2006 um durchschnittlich 5,6 Prozent zurückgegangen Diese Tendenz schwäche sich jedoch ab. Laut Statistischem Bundesbundesamt gab es im Jahr 2007 mit 2,4 Prozent nur einen leichten Rückgang. Rund 30 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge wurden durch überhöhte Geschwindigkeit verursacht. Die Zahl der rund 7500 Verkehrstoten aus dem Jahr 2000 will das Ministerium bis 2010 halbieren.

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