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Chor Colores in Schleswig : Singen im Chor: „Das tut Körper und Seele gut“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gute Chormusik verzaubert. Doch wie gelingt das? Und warum singen manche so gern im Chor? Ein Beispiel aus Schleswig.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2013 | 13:38 Uhr

Die Männer und Frauen sind ein bisschen nervös. Und erst einmal auf der Hut. Heute steht nämlich zum ersten Mal das neue Stück auf dem Notenzettel: „Creep“ von der britischen Band Radiohead. 32 Männer und Frauen sind heute Abend zur Probe gekommen. Die ersten Versuche klingen noch ziemlich bescheiden. Das ganze Stück ist eine Baustelle, von vorne bis hinten, überall Stolperfallen.

„Es sind vier Akkorde, die sich immer wiederholen“, sagt Björn Mummert. Er leitet den Chor, hat ihn 1997 gegründet. „Ihr seht schon, das Stück ist sechstimmig, dass heißt drei Männer- und drei Frauenstimmen.“ Zustimmendes, aber auch ratloses Gemurmel. „Was heißt eigentlich ‚I’m a creep’ fragt eine Sopransängerin. „So in etwa ‚Ich bin ein Kriecher’“, antwortet Björn. Der Chorleiter hat das Original in eine Chorfassung umgeschrieben. Jetzt geht’s richtig los mit der ersten Probe: Die richtigen Ausgangs-töne werden gesucht, gefunden und geübt, bis sie sitzen. Tiefer Basston, hoher Basston, Tenor, Sopran. So lange, bis sie alle rein klingen, zueinander passen. Irgendwann hat sich die Baustelle in etwas verwandelt, dass schon „ganz ok“ klingt. Aber es fehlt noch was.

 

November 2012. Die Sänger und Sängerinnen haben geübt – Schritt für Schritt geht es hörbar vorwärts. Auch wenn die einzelnen, separat geübten Passagen noch wie Bruchstücke erscheinen: Alle merken, hier entsteht etwas Gemeinsames. Die Frauen und Männer, die im Chor singen, können sich ausleben, das ist deutlich zu spüren. „Miteinander singen und dabei Neues lernen: Das hält fit“, sagt Maren Biltz, 57 Jahre, die im hohen Sopran singt. „Chorsingen bedeutet für mich, im Klang der eigenen Stimme zu baden“, sagt Wolfgang Berger, eine Bassstimme. „Das macht Spaß und hat regelrechten Wellness-Charakter!“ Und Silke Loest, Sopran, findet: „Chorsingen ist für mich die reinste Medizin. Kleine Wehwehchen oder Sorgen sind nach einer Chorprobe wie weggeweht. Hinterher bin ich wieder fit für den kommenden Tag.“

Nach der Weihnachtspause geht es weiter mit den Proben. Während der Bass noch die richtige Tonlinie übt, guckt sich der Tenor den Rhythmus des Stücks an. „Noch einmal, ab Takt fünf“, gibt Björn vor. Die Passage wird etliche Male geübt. Dann sagt der Chorleiter: „Wunderbar, jetzt habt ihr’s!“ Dass das Chorsingen als Hobby begeistert, könnte an der Vielfalt liegen, die im Singen steckt. Und am Potenzial, sich selbst stets weiter zu verbessern. Und zwar von jetzt auf gleich: So kann bei einer Probe mächtig viel Stimmung entstehen, wenn die „Coloristen“ sich ins Zeug legen. Es gehört allerdings ebenso viel Ernst wie Spaß, so viel Fleiß wie Flachs dazu. Es wird gewitzelt, in den Noten geraschelt, es wird gelacht und getuschelt, auch mal gegähnt. Doch natürlich gibt es auch Momente, die schwierig sind für den Leiter. Wenn nichts zusammenpasst und jede zweite Sequenz „in die Hose“ geht. Wenn jeder für sich allein singt, mündet das ins Chaos. Die Sänger müssen stets auch auf ihre Nachbarn hören, im Einklang stehen. Es geht um Perfektion – und denWillen dazu. Jede Silbe, jedes Wort, jede Note soll am Ende passen.

Mittlerweile ist es Frühjahr 2013 geworden. Dem Chorleiter geht es um den Feinschliff. „Klanglich kommt ihr der Sache näher“, befindet Björn. „Ok – ihr seid mit einem Takt Verspätung angekommen, aber von den Tönen her waren alle richtig.“ Der Durchbruch, an dem das neue Stück richtig sitzt, steht jetzt kurz bevor. Im April und Mai machen sich die „Coloristen“ Bewegung beim Singen: Björn hat den Mitgliedern verordnet, im Takt kräftig mit den Armen zu schlenkern und mit den Füßen aufzustampfen. Auf diese Weise will er den Rhythmus im Lied spürbarer machen. „Tut mal so, als ob ihr mit Gummistiefeln im Matsch rumlauft“. Zu Beginn der Sommerferien ist es soweit: Colores singt das Stück im Ganzen durch. Das Ensemble ist aufeinander abgestimmt, Bass, Tenor, Alt und Sopran wechseln sich ab, begleiten sich, spielen miteinander. Es klingt gewaltig – und vor dem inneren Auge ist es längst da: das Meer aus Klängen.

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