Kinderbetreuung : SH: Zu wenig Kitaplätze für die Großen

Weil viele Kommunen in Schleswig-Holstein Krippenplätze umwandelten, kneift es jetzt bei älteren Ü3-Kindern.

shz.de von
02. Juni 2014, 06:53 Uhr

Kiel | Mit einem finanziellen Kraftakt haben Bund und Land für eine ausreichende Zahl von Krippenplätzen gesorgt. Auch im Norden ist die Zielvorgabe der Bundesregierung von 35 Krippenplätzen pro hundert Kinder erfüllt worden. Doch jetzt wird es für die „Großen“ eng: Landesweit fehlen Plätze für ältere sogenannte Ü3-Kinder.

Der Grund liegt für Jan Dreckmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband auf der Hand. Die Krippenplätze sind zu Lasten der Kitaplätze im Elementarbereich ausgebaut worden. Der Verband hat schon früh gewarnt, allein durch die Umwandlung und die Bildung „altersgemischter Gruppen“ lasse sich das Problem nicht lösen. Dreckmann: Wenn eine Gemeinde eine Ü3-Gruppe mit 20 Kindern in eine altersgemischte Gruppe umfunktioniert und sieben Krippenkinder in die Gruppe gibt, dann werden 14 Kitaplätze vernichtet. Der Grund: Wegen der nötigen intensiven Betreuung für die Kleinsten zählen diese im Betreuungschlüssel doppelt. Sieben Krippenkinder besetzen also 14 Kita-Plätze.

Auch im Kieler Sozialministerium melden sich immer häufiger Eltern von Dreijährigen, die keinen Kitaplatz finden – obwohl darauf seit Jahren ein Rechtsanspruch besteht. „Wir gehen davon aus, dass 15 bis 20 Prozent aller neu geschaffenen Krippenplätze durch Umwandlung entstanden sind“, bestätigt Frank Strutz-Pindor, Mitarbeiter im Ministerium. Bei 14.000 neuen Krippenplätzen sind das dann bis zu 3000 Kitaplätze, die geopfert wurden und nun fehlen. Die Gemeinden bekamen für die Umwandlung zwar nicht die Höchstförderung von Bund und Land. Trotzdem lohnte sich eine Umwandlung eher als ein Neubau. „In den Kommunen war die Umwandlung ein gängiges Instrument, um kostengünstig die Auflagen des Gesetzgebers zu erfüllen“, bestätigt der Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetages, Jörg Bülow. „Davor haben wir immer gewarnt.“

Zu Recht: So teilte die Kreisverwaltung Schleswig-Flensburg mit, dass 20 Prozent der 130 Kitas im Kreis aufgrund der großen Nachfrage und reglementierter Gruppengrößen mit Raumproblemen zu kämpfen haben – und zwar überall dort, wo Kitas nicht erweitert, sondern nur Ü3-Gruppen in altersgemischte Gruppen umgewandelt wurden. Inzwischen gibt es Meldungen, dass Kita-Gruppen per Sondergenehmigung in der Aula der örtlichen Schule untergebracht werden wie in Husby bei Flensburg.

Dass in vielen Regionen Schleswig-Holsteins Kita-Plätze für die größeren Kinder fehlen, finden betroffene Eltern gar nicht lustig. Eine Kieler Mutter berichtet, dass sie immer noch nicht weiß, in welchen Kindergarten ihre Tochter im  August kommt. Das Mädchen, das im Juni drei Jahre alt wird, wurde bislang von einer Tagesmutter betreut. „Die  Kita hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass Kinder aus der Krippengruppe, die drei Jahre alt werden, absolut Vorrang haben bei der Vergabe der Kitaplätze“, berichtet die Mutter. Sie empfinde das als Erpressung. Nur wer sein Kind in die Krippe der Einrichtung gebe, bekomme später dort auch einen Kita-Platz. „Die anderen werden irgendwie verschoben.“ Die Folgen sind oft für die Eltern fatal, weil auf diese Weise nicht einmal Geschwisterkinder einen Platz in der selben Kita bekommen.

Überraschend kommt diese Entwicklung für Jörg Bülow, Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetages, nicht. Denn die Bürgermeister im Norden haben laut Bülow zwei Entwicklungen falsch eingeschätzt: Die Zahl der Kinder geht in einigen Landesteilen – etwa im Hamburger Rand, aber auch in Kiel, Flensburg, Neumünster und Lübeck, ja sogar im Kreis Ostholstein – ganz offensichtlich nicht so stark zurück, wie zunächst angenommen. Und andererseits steigt die Zahl der Kita-Kinder selbst dort, wo der demographische Wandel voll durchschlägt. Der Grund: Früher sind zwar auch über 90 Prozent der Vier- und Fünfjährigen in der Kita gewesen, aber bei den Dreijährigen lag die Quote bei nur 60 Prozent. Diese Quote steigt jetzt rapide an, weil die Kinder aus der Krippe nahtlos in die Kita überwechseln, berichtet Bülow. Derzeit liegt sie schon bei über 70 Prozent.

Doch damit nicht genug: Waren früher Eltern mit einer Vier-Stunden-Betreuung – womöglich auch am Nachmittag – zufrieden, benötigen viele Berufstätige heute einen Platz von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. „Auch das erfordert nicht nur personelle, sondern auch räumliche Kapazitäten“, so Bülow. Eine Entwicklung, die man auch im zuständigen Sozialministerium beobachtet. „Wir brauchen in einigen Kommunen mehr Kita-Plätze“, räumt MinisteriumsmitarbeiterFrank Strutz-Pindor ein.

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