Lübeck : Selbstmord nach Vergewaltigung

Die vier Angeklagten am 12. Dezember 2008 vor dem Lübecker Landgericht : Sie wollen nicht fotografiert werden.
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Die vier Angeklagten am 12. Dezember 2008 vor dem Lübecker Landgericht : Sie wollen nicht fotografiert werden.

Nadine M. wurde vergewaltigt. Acht Monate nach der Tat beging die 22-jährige Studentin aus Scham und Verzweiflung Selbstmord. Sie war nicht das einzige Opfer einer Gruppe skrupelloser junger Männer aus Lübeck.

shz.de von
05. Januar 2009, 06:06 Uhr

Lübeck - | Lübecker Landgericht, Saal 155. Die vier Angeklagten scherzen miteinander, kauen Kaugummi und werfen Zuschauern und Angehörigen verächtliche Blicke zu. Die jungen Männer heißen Isaac B., Collins Y., Luan D. und David K. und sind 21 bis 25 Jahre alt. Ihr erstes Opfer, ein 17-jähriges Mädchen, bricht während seiner quälend langen Zeugenaussage weinend zusammen, das zweite Opfer kann keine Aussage mehr machen: Nadine M. ist tot. Sie hat sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen - aus Scham und Verzweiflung.
Dabei war Nadine M. eine Kämpferin: Ihr schien zu gelingen, was immer sie anpackte. Sie war lebenslustig, ehrgeizig und bildhübsch. Ihre Lehre schloss sie mit der Auszeichnung "Bestes Bäckereifachverkäuferin Deutschlands" ab, ihr Arbeitgeber war davon so angetan, dass er Nadine ein Studium der Betriebswirtschaftslehre finanzierte.
"Die haben sie die ganze Zeit vergewaltigt"
Doch eine Partynacht zum 1. Dezember 2007 zerstörte das Leben der jungen Frau. In den frühen Morgenstunden betrat sie ein Lübecker Szene-Lokal. Der Disc-Jockey, Isaac B., ein junger Schwarzer, gefiel ihr. Nadine ließ sich von ihm in seine Wohnung einladen. Auf einen Kaffee. Es wurde mehr. Ihrer besten Freundin erzählte Nadine später von Zärtlichkeiten. Und von Drogen, die sie "körperlich völlig wehrlos" gemacht hätten. Für Nadine überraschend sei plötzlich ein Freund von Isaac B. aus dem Nebenzimmer gekommen. Er habe Fotos mit dem Handy gemacht. Und dann auch Sex gewollt. Gegen 6 Uhr morgens hatte Nadine die Wohnung betreten - erst gegen 12 Uhr mittags gelang ihr die Flucht. "Die haben sie die ganze Zeit vergewaltigt", sagt die Freundin.
Nadine ging zur Polizei, erstattete Anzeige. Isaac B. und Collins Y. wurden festgenommen. Die Ermittlungen ergaben, dass Issac B. außerdem mit anderen Freunden noch eine 17-Jährige in Lübeck vergewaltigt haben soll. Alle Tatverdächtigen blieben damals auf freiem Fuß. "Ich kann das nicht verstehen", sagt Nadines Vater, Volker M. (48), der in Thomasburg (Niedersachsen) lebt. Für seine Tochter sei eine Welt zusammengebrochen. "Sie schämte sich." Bis nach Weihnachten blieb Nadine bei ihren Eltern, ließ sich krankschreiben, weil sie nicht mehr arbeiten konnte. "Wir dachten trotzdem, sie würde darüber hinwegkommen", sagt der Vater. Doch Nadine schaffte es nicht. Obwohl sie es versuchte: Sie las Bücher anderer Frauen, die Ähnliches erlebt hatten - und allen Ängste zum Trotz besuchte sie schließlich wieder eine Disco. Dort habe sie ihren Peiniger getroffen, sagt die Freundin. Er habe sie sogar frech angesprochen.
"Es ist wie Stillstand des Lebens, lebendig tot sein"
Nadine habe sich danach regelrecht in ihrer Wohnung vergraben, sei nicht mehr an die Tür gegangen. Sie habe es nicht geschafft, aufzustehen, nur noch an die Decke gestarrt. Wegen Depressionen wurde Nadine wochenlang behandelt. Doch vergessen, was ihr angetan wurde, konnte sie nicht. "Ich ekele mich vor mir selbst", vertraute sie der Freundin an. Und gab doch nicht auf, meldete sich für eine Therapie an. Doch die Warteliste war lang. "Es ist wie Stillstand des Lebens, lebendig tot sein", strich sie mit Textmarker in einem Fachbuch an.

Nadine beschloss, zu sterben. Am 15. August schrieb sie einen Abschiedsbrief, verschickte drei letzte SMS: An ihre Freundin, an ihren Vater und an ihren Ex-Freund. Sie schrieb: "Ich liebe Dich." Dann nahm sie eine Überdosis Schlaftabletten. Vater Volker M. hat jeden Prozesstag verfolgt, obwohl die Tat gegen seine Tochter erstmals am 16. Januar diesen Jahres in die Beweisaufnahme geht. Mit einem Wort der Reue der mutmaßlichen Täter rechnet er nicht. Und es ist ihm nur ein kleiner Trost, dass zumindest Isaac B. jetzt doch in Untersuchungshaft sitzt. Das hatte das Gericht entschieden, nachdem der junge Schwarze, der gerade seinen Hauptschulabschluss macht, einen Lehrer und einen Koch des Ausbildungswerks bedrohte.

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