Alleingelassene Robben-Babys : Seehundstationen bereiten sich auf Ankunft der Heuler vor

Ein Seehund-Jungtier schaut aus einem Eimer in der Seehundstation.

Ein Seehund-Jungtier schaut aus einem Eimer in der Seehundstation.

Mehr als 300 Heuler wurden im vergangenen Sommer in der Seehundstation Friedrichskoog aufgepäppelt.

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19. Mai 2018, 09:45 Uhr

Friedrichskoog | Die Seehundstationen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen wappnen sich für die Ankunft der Heuler. Die Seehunde in der Nordsee bringen ihren Nachwuchs in der Regel Anfang Juni bis Mitte Juli auf einer trockengefallenen Sandbank im Wattenmeer zur Welt, sagte Biologin Eva Baumgärtner. Aus unterschiedlichen Gründen werden die Tier-Babys manchmal von ihren Müttern getrennt.

Ohne menschliche Hilfe wären die kulleräugigen Seehund-Waisen (Heuler) dann zum Hungertod verurteilt. In den beiden Stationen Friedrichskoog und Norden-Norddeich bekommen sie jedoch eine zweite Chance. Allein in Schleswig-Holstein wurden im vergangenen Jahr nach Angaben von Stationsleiterin Tanja Rosenberger insgesamt 304 Seehundjunge aufgenommen.

In diesem Jahr könnte es wieder voll werden in den Stationen. Dafür wird zurzeit die Ausstattung geprüft: Ob genügend Schlauch-Trichter zum Füttern der Robben-Babys vorhanden sind, und ob zum Sattwerden der hungrigen Mäuler ausreichend Hering vorbestellt wurde. „In der Haupt-Saison holen wir eine halbe bis eine Tonne Fisch pro Tag aus unserer Kühlzelle“, sagte Biologin Baumgärtner in Friedrichskoog.

Dann helfen dort bis zu 30 Menschen, damit der Laden läuft. Neben den fest angestellten Tierpflegern kümmern sich auch Junge Menschen vom Bundesfreiwilligendienst beziehungsweise dem freiwilligen ökologischen Jahr sowie Praktikanten aus Schulen und Universitäten um die tierischen Gäste. „Die Jungs und Mädels dürfen zurzeit die Becken mit schönem kalten Wasser füllen, um dann mit einer Wathose hineinzusteigen, und sie auf Dichtigkeit zu testen“, erzählte Baumgärtner: „Sie kommen entweder kreischend oder glücklich wieder heraus.“ Was nicht mehr geflickt werden kann, muss ersetzt werden.

Die freiwilligen Helfer kommen aus ganz Deutschland. „Wir haben Unmengen von Bewerbungen: Junge Leute, die nach der Schule oder während des Studiums mal etwas anderes sehen wollen und sich für zwei, drei Monate bewerben.“ Ihnen wird schon in ersten Gesprächen am Telefon geschildert, was sie in Friedrichkoog erwartet, wie ein Arbeitstag in der Seehundstation in etwa aussieht. Zum Beispiel, dass es eine anstrengende Zeit ist, und man im Sommer auch ganz lange Tage hat, weil Seehunde sich nicht an einen Zeitplan halten, sondern auch mal abends gefunden und eingeliefert werden.

„Und immer wieder kommt es vor, dass die kleinen Heuler allen Bemühungen zum Trotz in der Station sterben. Aber die Tiere geben einem ja auch viel zurück. Es ist das Besondere an der Arbeit, das einmal zu erleben.“ Die meisten Helfer würden am Ende ihrer Zeit glücklich zurück nach Hause gehen. „Klar hat man immer wieder welche, die abspringen, weil sie es sich ganz anders vorgestellt haben. Für manche ist es eine Enttäuschung, dass es keine Kuscheltiere sind mit großen Kulleraugen, sondern Raubtiere, die nicht angefasst werden möchten und beißen“, sagte Baumgärtner. „Manch ein Mädchentraum wird hier zerstört. Doch meistens klappt die Vorauswahl.“

Die Seehundstationen Friedrichskoog und Norden-Norddeich sind gemäß internationalen Abkommen die einzig berechtigten Aufnahmestellen für Heuler in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. In Friedrichskoog stehen für sie 15 Becken im Quarantäne-Bereich sowie elf Aufzucht-Becken zur Verfügung. Zu den Aufgaben der Stationen gehören neben der Aufzucht der Seehund-Waisen auch wissenschaftliche Forschung und Informationen über Seehunde und Kegelrobben.

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