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Endstation Grundsicherung : Schwerbehinderter Feuerwehrmann braucht Hilfe

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Der schwerbehinderte Thorsten Hesse hat seine Wohnung in Nutteln verlassen müssen. Die neue Bleibe auf Fehmarn muss umgebaut werden, doch das Amt stellt sich quer. Weil er Grundsicherung bezieht, darf er keine Spenden annehmen.

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erstellt am 23.Sep.2013 | 06:00 Uhr

Fehmarn | „Es war Verzweiflung. Für Wut hat’s nicht mehr gereicht.“ Thorsten Hesse spricht diese Worte ohne lange nachzudenken, wenn er sich an das Gerichtsurteil erinnert, das ihn und seine Frau beinahe auf die Straße gesetzt hätte. Hesse ist 47 und schwerbehindert. Auslöser: ein Unfall 1997. Auf dem Weg vom Nachtdienst nach Hause wird das Auto des Feuerwehrmanns und Rettungssanitäters von einem Lkw gerammt. Es folgen 18 Monate Krankenhaus. An zwei Stellen ist Hesses Rückenmark gequetscht, durch starke Medikamente wird er zum Diabetiker. Heute liegt er im Rollstuhl.

In Nutteln (Kreis Steinburg) wollte Hesse mit seiner „Lütten“, wie er seine Frau Astrid (44) liebevoll nennt, alt werden. Sie verkaufte ihren Blumenladen, steckte das Geld in den behindertengerechten Umbau des ebenerdigen, gemieteten Hauses. „Mit dem Vermieter haben wir damals per norddeutschem Bauernhandschlag geregelt, dass wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben“, erinnert sich der frühere Feuerwehrmann. Aber als alles gemacht ist, will sich der Vermieter nicht mehr daran erinnern. Stattdessen melden er und seine Frau Eigenbedarf an. Zweimal scheitern sie vor Gericht.

Der Vermieter stirbt, seine Witwe klagt 2012 erneut auf Räumung wegen Eigenbedarfs – und bekommt Recht am Amtsgericht Itzehoe. Zitat aus dem Urteil (Az 92 C 357/12): „Das Gericht verkennt nicht, dass eine Räumung und ein Umzug für den Beklagten mit gesundheitlichen Problemen behaftet sein können sowie dass die Beklagten finanziell nicht besonders gut aufgestellt sind (...). Dies bedeutet dennoch nicht, dass die Kündigung und Räumung unzumutbar hart für die Beklagten wären.“

Hesse lebt mit Pflegestufe 3, seine Frau kümmert sich rund um die Uhr um ihn. „Ich bekomme Morphium in höchster Dosis“, erzählt Hesse. Weil er immer wieder Krampfanfälle hat, kann er keine Minute alleine sein. Ersparnisse, Versicherungen und Vorsorgen für die Rente – alles weg. Das Paar musste es verleben. Jetzt bekommt Hesse Grundsicherung und eine Erwerbslosenrente – zusammen 747,24 Euro im Monat – ausgezahlt. Mit dem Pflegesold von Ehefrau Astrid kommt das Paar auf rund 1000 Euro.

Bevor sie obdachlos wurden, fanden Hesses eine Doppelhaushälfte auf Fehmarn. Am 12. September sind sie dort eingezogen. Ein Lift ist bereits installiert, oben steht ein zweiter Rollstuhl. So kommt Hesse immerhin ins Bett.

Zwei Drittel des Umzugs sind vollzogen – die Behinderungen blieben. Das beginnt an der Haustür: vor ihr liegen vier Stufen. Kosten für eine Rampe: rund 7000 Euro. Die soll eigentlich das Grundsicherungsamt des Kreises Steinburg tragen, es hatte den erzwungenen Umzug schon genehmigt. Doch dann wurde die Genehmigung widerrufen. Hesses Widerspruch ist in Bearbeitung. Kreissprecherin Britta Glatki darf sich auf Anfrage zum laufenden Verfahren nicht äußern.

Hesses brauchen Hilfe, haben aber ein weiteres Problem: „Wir dürfen von niemandem Geld annehmen. Das wird auf die Grundsicherung angerechnet.“ Alle drei Monate muss Hesse sämtliche Ausgaben rechtfertigen. „Als wäre ich noch in der Lage, schwarz zu arbeiten“, sagt er schnippisch in einer Art Galgenhumor. Christian Schultz vom Sozialverband Deutschland (SoVD) in Kiel kritisiert diesen Zustand – in Schleswig-Holstein beziehen 33.177 Menschen Grundsicherung, 16.650 von ihnen sind noch nicht im Rentenalter. „Wenn jemand Geld für dringend nötige Umbauten bekommt und es nachweislich nur dafür einsetzt, sollte das nicht angerechnet werden“, sagt Schultz. Hier sei die Politik gefordert.

Für Thorsten Hesse und seine Frau besteht Hoffnung, dass zumindest die Rampe und weitere nötige Umbauarbeiten gemacht werden: Die Gisela-Hagemann-Stiftung aus Kiel will helfen. „Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet und werden auch selbst spenden“, kündigt Vorstandsmitglied Volker Paustian an. Die nötigen Arbeiten gibt dann die Stiftung in Auftrag.

Ebenso steht der Kreisfeuerwehrverband Ostholstein bereit. „Thorsten Hesse ist einer von uns. Einige Kameraden werden beim restlichen Umzug helfen und bei Renovierungen, die sie selbst leisten können“, sagt Feuerwehrsprecher Stephan Perner. Er hatte auf Facebook von Hesses Lage gelesen. Der sagt: „Ich wollte es immer alleine schaffen und habe mich nie getraut, Kameraden um Hilfe zu bitten, weil ich weiß, wie knapp ihre Freizeit ist.“ Jetzt, wo er Hilfe bekommt, ist er umso glücklicher darüber.

> Spendenkonto der Gisela-Hagemann-Stiftung: 011 77 13 02 bei der Deutschen Bank, Bankleitzahl 210 700 24, Verwendungszweck: Spende für Thorsten Hesse

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