Südtonderner Marsch : Schwärme am Himmel und am Boden

Wie gigantische Vogelschwingen: der Schwarm der Stare.
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Wie gigantische Vogelschwingen: der Schwarm der Stare.

"Sort Sol" nennen die Dänen das Naturschauspiel, das im Frühjahr und Herbst seine Höhepunkte hat: Hunderttausende von Staren ballen sich zu einem riesigen Schwarm.

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08. Oktober 2011, 11:14 Uhr

Südtondern | Hunderttausende von Staren am Himmel über dem Gotteskoog - Tausende von Dänen am Boden, um ihren Flug zu bewundern. Wenn sich der riesige Schwarm zusammenballt, um einen Greifvogel abzuwehren, verdunkelt sich bisweilen der Himmel. Die dänischen Naturtouristen haben diesem Phänomen einen Namen gegeben: "Sort Sol" - auf Deutsch "Schwarze Sonne".
Dieses Naturschauspiel, das im Frühjahr und Herbst seine Höhepunkte hat, hat sich der dänische Naturführer Iver Gram aus Mögeltondern zunutze gemacht und organisiert Touren, an denen nach groben Schätzungen jährlich 45.000 Dänen aus den Regionen zwischen Tondern und Kopenhagen teilnehmen. Weil sich daraus temporär katastrophale Verkehrsverhältnisse ergaben, hat die dänische Seite mit der besonders betroffenen Gemeinde Neukirchen vereinbart, dass der schmale Wirtschaftsweg für den Pkw-Verkehr zum Gotteskoogsee gesperrt und stattdessen ein Bus-Shuttle vom örtlichen Sportzentrum zum Beobachtungsstandort eingerichtet wurde.
Geringes Interesse der Deutschen
Von Neukirchens Bürgermeister Ewaldsen beauftragte Kontakt- und Aufsichtsperson deutscherseits ist der Neukirchener Gemeindevertreter Dieter Matthiesen, der auch Jäger ist und das Gebiet des Gotteskoogsees zwischen Bundesgarde und Grönland wie seine Westertasche kennt und über den Star und seine Beobachter eine Menge zu erzählen weiß.
Das große Interesse der Dänen ist nach Vermutungen Matthiesens nach der zweiten Hochzeit von Prinz Joachim sprunghaft angestiegen, als das dänische Fernsehen einen Naturfilm aus der Region um Mögeltondern zeigte, wo der Prinz zu Hause ist. In eindrucksvollen Bildern war auch die "Sort Sol" zu sehen, die nun jeder Däne, der den Film gesehen hat, einmal live erleben wollte. Der Naturführer Søren Rask Jessen aus Ribe, den wir am Aussichtspunkt "Richie-Hügel" (benannt nach Altbundes-Präsident Richard von Weizsäcker) trafen, sieht das anders und meint, das dänische Interesse sei in den 90er Jahren entstanden und seither stetig gewachsen. Hingegen rätselt der Einheimische Dieter Matthiesen über nur geringes deutsches Interesse, das er sich ebenso wenig erklären kann wie die Arabesken und anderen geheimnisvollen Figuren, die der Star in den Himmel zeichnet und dabei den dänischen Gästen ein lautstarkes Entzücken entlockt.
Dänische Zuschauerkulisse
Doch zum metallisch glänzenden Sperlingsvogel mit dem "gewöhnlichen" Namen. Der in Europa beheimatete Vogel überwintert in Holland, Belgien und England und ernährt sich unter anderem am reich gedeckten Tisch der Marschen. Bevorzugte Nahrung sind teils Beeren und anderes Obst, teils eiweißhaltige Insekten, mit denen er sich Fett anpickt, das er für seinen Kräfte zehrenden Flug benötigt und 0,5 Gramm pro Flugstunde verbraucht. Der Star ist 75 km/h schnell und kann an die 1000 km nonstop fliegen. Außerdem erkennt ihm die Wissenschaft die Fähigkeit zu, den aus der Gärung von Obst und Beeren stammenden Alkohol 14 Mal schneller abzubauen als der Mensch.
Der "Wundervogel" hat noch andere Eigenschaften, weiß Dieter Matthiesen. Wenns ums Futtern geht, ist er "nehrig" und gönnt seinem Nachbarn im Radiuis von 30 Zentimetern weder Samenkorn noch Beere. Doch wenn Gefahr aus dem Himmel droht und Weihe oder Habicht in den Pulk hinabstoßen, wachsen die Stare solidarisch zu einer Abwehrformation zusammen, die den Greifvogel ihrerseits attackiert und vertreibt. Bei dieser Art "Kampfspiel" bilden sich etwa 20 bis 30 Minuten lang in Wellenbewegungen ständig wechselnde Schaubilder. Plötzlich ist die faszinierende Luftschau zu Ende: Die Stare werden wie von Geisterhand von Schilf und Wiese aufgesogen, um wenig später ihre Nachtruhe zu beginnen.
Dann ist es für die auch Zeit, den Heimweg anzutreten. Picknick-Geschirr, Øl-Dose, Weinflasche und übrig gebliebenes Smørbrø werden eingepackt, Decken zusammengerollt, Mückenspraydose verschlossen und der Weg zum Bus angetreten, der Kurs auf Esjberg, Ålborg und Kopenhagen nimmt - mit Menschen an Bord, die noch lange von diesem wunderbaren Naturschauspiel träumen werden.

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