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Gymnasium oder Regionalschule : Schulempfehlung wird abgeschafft

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Künftig haben Eltern die freie Wahl, für welche weiterführende Schule sie ihr Kind anmelden wollen. Kritiker befürchten aber, dass die Freigabe soziale Ungleichheit verstärken wird.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2014 | 16:37 Uhr

Kiel | Spätestens wenn die Kinder in die dritte Klasse kommen, ist es mit dem unbeschwerten Lernen vorbei. Es beginnt die Rallye zum Abitur. Weil Eltern davon überzeugt sind, dass mit dem Schulabschlusszeugnis auch Lebenschancen verteilt werden, wird nur noch auf die Noten geschielt. Reichen die Leistungen des Kindes für eine Gymnasialempfehlung? Das ist das dominierende Gesprächsthema mit Omas und Opas, Nachbarn und Freunden. Parallel zur Verabschiedung des neuen Schulgesetzes will die Landesregierung jetzt auf dem Verordnungswege die sogenannte Schulartempfehlung abschaffen.

Was ändert sich dadurch?

Bisher ist es so, dass die Eltern von Grundschülern mit dem Halbjahreszeugnis in der 4. Klasse eine Schulübergangsempfehlung erhalten, die mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer in Einzelgesprächen erörtert wird. Kinder, die eine Empfehlung zum Erwerb des Hauptschulabschlusses bekommen, dürfen nicht am Gymnasium angemeldet werden. Künftig können Eltern ihre Kinder nach der vierten Klasse auf derjenigen Schule anmelden, die sie für die richtige halten – unabhängig von der Leistung. Das Beratungsgespräch der Lehrer mit den Eltern wird verpflichtend, aber nicht verbindlich.

Warum ändert die Küstenkoalition das Schulgesetz?

Ausschlaggebend sind organisatorische und pädagogische Gründe. Weil es künftig keine drei, sondern nur noch zwei weiterführende Schularten gibt (Gemeinschaftsschulen und Gymnasien) erübrigt sich das bisherige Verbot, eine Schulart zu „überspringen“, also etwa mit einer Hauptschulempfehlung ans Gymnasium zu wechseln. Die Möglichkeit, die nächst höhere Schulart zu wählen, gab es schon immer. Die Neureglung ist also auch eine Reaktion auf die Strukturreform.

Pädagogisch war die Empfehlung immer umstritten. Das Gutachten habe „bereits in der 3. Klasse zu einem Druck auf Schüler, Lehrer und Eltern“ geführt, sagt SPD-Bildungsexperte Martin Habersaat aus Stormarn. „Das geht bei Nachhilfestunden für Neunjährige los und endet bei juristischen Einwendungen gegen Notenvergaben“. Der pädagogischen Arbeit an der Grundschule sei das nicht dienlich. „Wir wollen Druck aus der Grundschule herausnehmen und das Wahlrecht, damit aber gleichzeitig auch die Verantwortung der Eltern stärken“.

Wie treffsicher sind Schulartempfehlungen bisher?

Ältere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel dieser Empfehlungen eine gute Aussagekraft haben, ein Drittel überhaupt nicht – sie können sogar falsch sein. Aktuellen Erkenntnisse aus der Pisa- und Iglu-Studie zeigen jedoch, dass nach Ansicht von Bildungsforschern bei rund 50 Prozent der Kinder die Empfehlung falsch liegt. Ihre Interpretation: Es ist zu früh, ein Leistungspotenzial in diesem Alter zu prognostizieren. Die Empfehlung sei häufig an die soziale Herkunft und das Geschlecht des Kindes gebunden. Die Empfehlungen für den Besuch eines Gymnasiums werden für 20 Prozent mehr Mädchen als Jungen ausgesprochen – meist von Lehrerinnen. Die Grundschuluntersuchung Iglu zeigte, dass Ärztekinder eine dreifach höhere Chance haben, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen als Arbeiterkinder – bei gleichen Kompetenzen. In die Empfehlung des Lehrers fließe nicht nur die reine Leistung des Kindes ein, sondern auch seine Erfolgschancen auf dem Gymnasium und die Unterstützung durch die Familie.

Als Beispiel für die Fehldiagnosen bei den Schulempfehlungen werden gerne die integrierten Gesamtschulen von Schleswig-Holstein erwähnt: Bei der Grundschulempfehlung lag die Trefferquote nur bei 57 Prozent. Etwa jedes achte Kind war schlechter als diagnostiziert, während etwa jeder dritte Schüler besser war. Von den Schülern mit einer Hauptschulempfehlung machten fünf Prozent auf direktem Weg ihr Abitur. Pisa und Iglu haben zudem gezeigt: Es gibt mehr zu gute Hauptschüler als zu schlechte Gymnasiasten.

Welche Folgen hat es, wenn die Grundschulempfehlung abgeschafft wird?

Das ist umstritten. Zentrale Aussage etlicher Studien ist: Die Freigabe des Elternwillens verstärkt soziale Ungleichheit. Eltern aus sozial privilegierten Schichten streben häufiger einen hohen Bildungsabschluss für ihr Kind an als Eltern aus niedrigen Schichten.

Gibt es Kritik an der Abschaffung in Schleswig-Holstein?

Ja. CDU-Bildungsexpertin Heike Franzen (Schleswig-Flensburg) hält die bisherige Schulartempfehlung für eine wichtige Hilfestellung und Entscheidungsgrundlage für Eltern. Sie hat den Philologenverband – also die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer – auf ihrer Seite. Der schlägt Alarm. „Vor allem bildungsferne Eltern werden ihre leistungsstarken Kinder ohne ausdrückliche Empfehlung künftig noch seltener auf das Gymnasium schicken“, warnt der Vorsitzende Helmut Sigmon. Er fürchtet mehr Ungerechtigkeit. „Warum belässt man es nicht einfach bei der bisherigen Regelung? Dem hält das Ministerium entgegen, dass die Chancen, bildungsferne Eltern von der guten Leistungsfähigkeit ihrer Kinder zu überzeugen im direkten (künftig sogar verpflichtenden) Lehrergespräch womöglich größer sind, als wenn nur ein Brief geschickt wird.

Führt eine falsche Schulartwahl zu verbauten Lebenschancen?

In den vergangenen Jahren ist das Schulsystem immer durchlässiger geworden. Auch die neuen Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein, die längeres gemeinsames Lernen versprechen, halten die Türen für einen Durchmarsch zum Abitur offen. Was passiert, wenn übereifrige Eltern Kinder gegen den Rat der Lehrer auf ein Gymnasium schicken, kann man nach Ansicht des Philologenverbandes derzeit in Berlin besichtigt werden, wo Schülerströme „aus dem Ruder laufen“. Dort werden eigens Rückläuferklassen eingerichtet, für Schüler, die am Gymnasium scheitern. Es sei nur eine Frage der Zeit, „wann wir in Schleswig-Holstein solche Verhältnisse haben“, warnt Sigmon. 

 
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