Interview : "Schule und Kinder sind schlauer geworden"

Ties Rabe: 'Ich höre oft, dass das Abitur früher schwieriger gewesen sei als heute. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es nicht.' Foto: dpa
Ties Rabe: "Ich höre oft, dass das Abitur früher schwieriger gewesen sei als heute. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es nicht." Foto: dpa

Der Vorsitzende der Kultusminister-Konferenz, Ties Rabe, über Bildung, gute Lehrer und darüber, dass von Schülern heute neue Qualifikationen zusätzlich verlangt werden.

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18. August 2012, 10:20 Uhr

Herr Senator, nach vielen Turbulenzen in der Schulpolitik hat der Hamburger Senat in der Hansestadt den "Schulfrieden" ausgerufen. Was steckt dahinter?
Wir wollten in der leidigen Frage der Schulstruktur endlich einen Konsens finden. Es soll nicht mehr alle Nasen lang an der Schulstruktur herumgedoktert werden. Seit 40 Jahren haben wir leidenschaftlich über Themen wie Schule für alle’, über Sechs Jahre gemeinsam lernen oder nur vier", über "dreigliedrig oder zweigliedrig" diskutiert. Das alles brachte viel Aufruhr, aber in der Regel wenig Nutzen. Damit ist Schluss.
Das setzt voraus, dass Hamburg eine optimale Schulstruktur erreicht hat.
Wir haben in Hamburg eine kluge Schulstruktur. Vier Jahre Grundschule, zwei Wege zum Abitur mit Stadtteilschule und Gymnasium: Diese Struktur hat es verdient, geschützt zu werden.
Hamburgs "Schulfrieden" in Ehren, aber muss es bundesweit nicht mehr Gemeinsamkeit in der Schulpolitik und bei den Schulabschlüssen geben?
Nach dem Pisa-Schock vor zwölf Jahren haben die Kultusminister der Länder viele Anstrengungen unternommen, um größere Übereinstimmung in der schulischen Bildung herzustellen. Diesen Weg müssen wir fortsetzen. Wichtig sind vor allem einheitliche Abschlüsse. Es muss klare einheitliche Schwierigkeitsstufen bei den Abschlüssen geben.
Sie sind Vorsitzender der Kultusminister-Konferenz. Wie weit ist denn die Runde auf diesem Weg?
Die Konferenz hat dieses Ziel einheitlicher Schulabschlüsse zu einer Hauptaufgabe gemacht. Wir sind da schon ein ganzes Stück vorangekommen.
Wann kommt das bundesweit einheitliche Abitur?
Ein einheitlicheres Abitur wird es ab dem Schuljahr 2016/17 geben. Dann werden gleich schwere Prüfungsaufgaben in Deutsch, Mathematik und Englisch eingeführt. Ein Jahr später wird dies auf die Naturwissenschaften erweitert.
Und wann werden die Bundesländer die verschiedenen Schulstrukturen angleichen?
Ich kann verstehen, wenn Eltern mit Schülern bei einem Umzug von einem Bundesland ins andere über unterschiedliche Schulformen verärgert sind. Doch diese unterschiedlichen Schulstrukturen haben oft nicht nur politische Gründe, sondern ihre Wurzeln in unterschiedlichen Traditionen. Deshalb lohnt es sich nicht, sich auf diesem Gebiet zu verkämpfen.
Aber eine wachsende Mehrheit von Bundesbürgern lehnt die Zersplitterung des deutschen Schulwesens ab.
Zugegeben, der Föderalismus im Schulwesen hat zur Zeit in Deutschland einen schweren Stand. Aber glauben Sie doch bitte nicht, dass zentralistische Schulsysteme weniger Probleme hätten. Wer ein einheitliches Schulsystem will, muss die Schulformen in zahlreichen Bundesländern komplett ändern. Das wurde vor drei Jahren schon einmal in Hamburg versucht. Ich kann nur sagen: viel Spaß!
Also bleibt es beim zersplitterten Schulwesen in Deutschland?
Entscheidend ist angesichts der Vielfalt der Schulsysteme in Deutschland die Qualität der Abschlüsse. Hier muss es gleiche Standards geben. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass es einheitliche Richtlinien darüber gibt, wie viel Unterricht in den einzelnen Bildungsgängen erteilt werden muss. Im Übrigen bewegt sich auch bei den verschiedenen Schulsystemen etwas. Alle Bundesländer sind in verschiedenem Tempo auf dem Weg zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Diese Entwicklung macht Mut, dass die Schulsysteme sich immer ähnlicher werden.
Die Qualität in der Bildung ist in den verschiedenen Bundesländern höchst unterschiedlich, wie der jüngste Bildungsmonitor zeigt. Glückwunsch an Sie: Hamburg machte den größten Sprung nach vorn und verbesserte sich von Platz 13 auf Platz 8. Dafür fiel Schleswig-Holstein auf letzten Platz zurück. Wurde aus dem Pisa-Schock nichts gelernt?
Der Pisa-Schock aus dem Jahr 2000 hat uns vor allem in zwei Punkten wachgerüttelt. Erstens: Insgesamt liegen wir im Schulwesen im internationalen Vergleich bestenfalls im Mittelfeld. Das ist für eine Industrienation, die auf Wissen angewiesen ist, ein schwaches Bild. Zweitens: Der Mittelplatz ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass wir überdurchschnittlich viele Bildungsverlierer haben.
Warum ist der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland heute immer noch so stark von deren sozialer Herkunft abhängig? War das Schulsystem in den Sechziger Jahren womöglich durchlässiger?
Ich weiß nicht, ob Kinder aus bildungsfernen Schichten früher eher den Aufstieg geschafft haben. Dass das gelingen kann, dafür gab und gibt es damals wie heute viele Beispiele. Trotzdem führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass die Bildungsnähe der Eltern in Deutschland ganz entscheidend den schulischen Weg der Kinder prägt. Bildungsnahe Elternhäuser geben den Kindern offenkundig mehr Rüstzeug für die Schule mit als bildungsferne. Dieses Problem ist durch die große Zahl von Zuwanderern noch schärfer geworden. Offenbar haben auch die Einschnitte in den Neunziger Jahren, besonders die Massenarbeitslosigkeit, dazu geführt, dass die Bildungsnähe in vielen Familien abgenommen hat.
Hängt das Bildungsgefälle auch mit den wachsenden Einkommensunterschieden zusammen?
Bildungsforscher haben lange geglaubt, es sei der Reichtum einer Familie, der die Bildungskarriere eines Kindes beeinflusse. Doch dieser Automatismus stimmt nicht. Wir haben uns auch in Hamburg davon verabschiedet.
Woran messen Sie dann die Unterschiede?
Sie können Bildungsnähe eher an der Zahl der Bücher messen, die in einer Familie im Schrank stehen, als am Portemonnaie.
Bildungsnahe Familien mit vielen Büchern im Schrank schicken ihre Kinder immer häufiger in Privatschulen. Droht ein Zwei-Klassen-Schulsystem?
Die staatlichen Schulen müssen sich anstrengen, um diese Klientel für sich zu behalten. Das staatliche Schulsystem braucht den Vergleich jedoch nicht zu scheuen. Es muss aber besser mit seinen Angeboten werben.
Müssen Lehrer eigentlich weiter Beamte sein?
Es gab zahllose Versuche verschiedener Bundesländern, auf diesem Gebiet etwas zu verändern. Sie sind am Ende fast alle wieder eingesammelt worden. Deswegen muss ich mich auf diesem Gebiet nicht profilieren. Der Beamtenstatus der Lehrer wird sich in den nächsten Jahren nicht verändern.
Muss zumindest die Lehrerausbildung verbessert werden?
Auf jeden Fall! Deswegen hat die Kultusministerkonferenz mit der Bundesregierung eine entsprechende Initiative vereinbart. Der Bund unterstützt dies in den nächsten zehn Jahren mit einer halben Milliarde Euro. Das macht den Stellenwert dieser Maßnahme deutlich. Lehrer sind der entscheidenden Faktor bei der Verbesserung der Bildung.
Wo soll bei der Verbesserung der Lehrerausbildung angesetzt werden?
Erstens: Die Ausbildung muss von Anfang an auf die Praxis ausgerichtet sein. Zweitens: Lehrer brauchen schon während ihres Studiums eine Beratung für ihre spätere Berufslaufbahn. Drittens: Wir müssen die Fachlichkeit des Unterrichts verbessern. Lehrer müssen ein Fach nicht nur gut unterrichten können, sie müssen von diesem Fach auch wirklich etwas verstehen. Viertens: Wir müssen akzeptieren, dass in ein- und derselben Klasse Schüler sitzen, die in ihrem Leistungsstand zwei Jahre auseinander sind. Damit müssen Lehrer umgehen lernen. Wir brauchen mehr Binnendifferenzierung und Individualisierung des Unterrichts. Und fünftens müssen wir zu klaren Standards in der Lehrerausbildung kommen, damit sich Lehrer nach dem Studium über Ländergrenzen hinweg bewerben können.
Von der Qualität der Lehrer zur Qualität der Schüler. Es gibt immer mehr Abiturienten in Deutschland. Werden die Schüler schlauer - oder sinkt nur das Niveau der Abschlüsse?
Ich höre oft, dass das Abitur früher schwieriger gewesen sei als heute. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es nicht. Wohl aber gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Schüler heute im Durchschnitt klüger sind als in früheren Jahren. Wir haben in Hamburg das Bildungsniveau von Schülern des 10. und 11. Jahrgangs mit Ergebnissen verglichen, die wir vor sieben Jahren gemessen haben. In beiden Studien waren die Schüler von ihren Ergebnissen gleich gut.
Dann sind sie aber nicht schlauer geworden.
Nein, aber der große Unterschied ist: Heute gehen anderthalb Mal so viele Schülerinnen und Schüler in die 11. Klasse als vor sieben Jahren. Es ist also gelungen, eine wesentlich größere Zahl von Schülern in Oberstufen-Jahrgänge zu bekommen, ohne dass das Niveau abgesunken ist. Nein, man sollte nicht glauben, dass schulische Prüfungen immer leichter würden, nur weil immer mehr junge Menschen das Abitur machen. Es hängt auch damit zusammen, dass Schule und Kinder schlauer geworden sind.
Dann haben zahllose Professoren Unrecht, die darüber klagen, dass ihre Studenten oft nicht mehr Orthographie und Grammatik beherrschten?
Schon Sokrates hat sich vor mehr als 2000 Jahren beklagt, dass die Jugend seiner Zeit nicht mehr leistungsfähig genug sei. Trotzdem nehme ich die Klagen der Professoren von heute ernst. Es mag sein, dass bestimmte Basisqualifikationen - und dazu zähle ich die Rechtschreibung, das Lesen, das Textverständnis - ihren Stellenwert ein Stück weit verloren haben. Ich bedauere das, damit dürfen wir uns nicht abfinden. Dafür werden heute von der Schule andere Qualifikationen zusätzlich verlangt. Schüler sollen Powerpoint-Präsentationen beherrschen, sie sollen sich zurechtfinden in der sehr unübersichtlichen sozialen Welt, sie sollen Medienexperten sein und vieles mehr.
Bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen. Deutschland gibt sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Bis 2015 soll dieser Wert auf zehn Prozent steigen. Ist das angesichts leerer Kassen zu schaffen?
Wir müssen dieses Ziel erreichen. Aber dazu sind erhebliche Anstrengungen beim Bund und in den Ländern und nicht zuletzt in der Steuerpolitik notwendig. Mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln in den Ländern und wohl auch beim Bund werden wir es nicht schaffen. Deshalb müssen sich Bund und Länder dringend zusammensetzen, um die Finanzierungsfrage zu klären.
Zum Schluss haben Sie als Vorsitzender der Kultusminister-Konferenz einen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich für die Bildungspolitik?
Sachlichkeit und Vernunft bei schulpolitischen Debatten. Ich habe selten einen Bereich in der Politik erlebt, in dem so emotional, oft auch hysterisch diskutiert wird. Das tut der Sache nicht gut.

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