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Leser-Reaktionen : "Schuld hat nicht die Gorch Fock"

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Tödliche Unfälle, die Entlassung eines Kapitäns und mutmaßliche Exzesse: Die Affäre um das Segelschulschiff sorgt für reichlich Diskussion - auch unter unseren Lesern.

Werner Hupfeld, Fregatten Kapitän a.D.; Oeversee
Natürlich wird die Gorch Fock nicht seit über 50 Jahren im Dienst der Marine gehalten, um auf Kosten der Steuerzahler vorrangig Traditionen zu bewahren und nebenbei verwöhnten Kadetten auf möglichst bequeme Art das Segeln beizubringen und dabei noch exotische Gegenden der Welt zu bereisen. Wer dies erwartet, hat den Sinn der Segelschulschiffsausbildung nicht verstanden und wird, sollte er deshalb zur Marine gehen, bitter enttäuscht werden. Genau deshalb sollten gerade angehende Marineoffiziere auch künftig an Bord eines Segelschulschiffs ausgebildet werden. Dort wird in der Enge des Bordlebens und unter dem direkten Einfluss der Naturgewalten von jedem Lehrgangsteilnehmer selbst und seinen Vorgesetzten sehr schnell herausgefunden, ob er (oder sie) für diesen Beruf geeignet ist. Einzelkabinen, Luxus und moderne Technik wie auf einem Kreuzfahrtschiff sind nicht geeignet, Charakterschwächen aufzudecken.
Jürgen Daniel, Leck
Wer glaubt, dass es gut ist, einen ehemaligen Kapitän der Gorch Fock die Untersuchung der Vorfälle durchführen zu lassen, kann sich auch einen Fuchs als Aufpasser für seine Hühner im Stall besorgen.
Dr. Matthias Schenke, Schleswig-Holsteinischer Segler-Verband; Husum
Man kann ein Segelschulschiff als anachronistisches Relikt aus der Kolonialzeit ansehen; aber es bewahrheitet sich auch in diesem Fall der alte Satz: "Die besten Kapitäne stehen immer an Land". Gerade im Computer-Zeitalter ist es wichtig, dass die Notebook- und Blue-Tooth-Kids kennenlernen, wie man mit einem technischen Black-out an Bord umgeht. Mit entsprechenden seemännischen und nautischen Kenntnissen kommt man auf einem Segelschulschiff auch ohne Strom über die Ozeane.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Kommandos an Bord laut gegeben werden müssen, damit sie auch verstanden werden, wenn der Wind in der Takelage heult. Und wenn man als Ausbilder auf einem Segelschiff sieht, dass ein Besatzungsmitglied durch Fehlverhalten zu Schaden kommen könnte, bleibt nur das lautstarke Kommando - das hat nichts mit Trafalgar-Nostalgie zu tun. Um die Zukunft der Gorch Fock zu sichern, sollten die Auswahlkriterien für die Kadetten und die Kompetenzen der Ausbilder überprüft und überdacht werden. Wenn wir alle defizitären Bereiche in unserer Gesellschaft abschaffen, was wird dann noch übrig bleiben?
Dr. Dieter Seehars; Langenhorn
Da bin ich aber dankbar, dass ich ein bei allen persönlichen Nachteilen dieser "Ehre" ein weißer Jahrgang bin und meinen Söhnen jahrelang vor der Entscheidung eingebläut habe, ja nicht den Dienst an der Waffe, sondern den beschwerlichen Zivildienst zu absolvieren. Alte Menschen haben es ihnen gedankt, und "Rotarsch", und "Gasmaskensaufen" sind ihnen damit erspart geblieben. Unglaublich, aber wohl war! Wenn ich böswillig wäre, würde ich argumentieren, dass nach gut 40 Jahren "Friedensdienst" die Truppe endlich eine Aufgabe hat und - wenn auch auf politischen Druck der USA - sich als Weltpolizist gerieren muss. Nach Ende der Wehrpflicht ist es jeder selbst Schuld, wenn er da noch hingeht. Wie bin ich nur froh, dass es eine freie Presse und einen Wehrbeauftragten gibt, der diesen Namen auch verdient.
Detlef Wulff; Ölixdor
Ich bin 2 Jahre als Unteroffizier auf einem Schnellboot und Minensucher gefahren, was bei Seegang und Umgang mit Geschirr bei jeder Wetterlage gefährlich war. Jemand, der so eine Arbeit annimmt, muss sich auch von vornherein über Gefahren im Klaren sein. Ich bin in den letzten Jahren in der Wirtschaft auch als Aus bilder tätig gewesen: Unsere Jugendlichen heute zeigen weder Verantwortung noch Einsatzbereitschaft, und der Kommandant der Gorch Fock ist in jeder Hinsicht unschuldig, Herr zu Guttenberg sollte seinen Hut nehmen - ohne Pensionsansprüche.
Angela Dumrath; Flensburg
"Wer nicht über die Reling pinkeln kann, der gehört nicht an Bord." Diese alte Seemannsweisheit, scheint sich zu bewahrheiten. Nicht weil Frauen schlecht sind, bringen sie Unheil über ein Schiff, sondern weil es nicht in der Natur des Menschen liegt, monatelang auf engstem Raum zusammen leben zu können, ohne dass es zu sexuellen Annäherungen kommt.
Verantwortlich für das, was an Bord geschieht, ist jedoch der Kommandant. Wenn es sich denn bewahrheitet, dass er seelenruhig in Badehose vor Brasilien rum schipperte und mit ansah, dass aus dem stolzen Segelschulschiff Gorch Fock ein "schwimmender Puff" wurde, dann ist es nur folgerichtig, dass er von seinen Verpflichtungen entbunden wurde. Völlig perfide ist die Anordnung, 2 Tage nach dem tödlichen Unfall gefälligst wieder lustig zu sein und Karneval zu feiern. Ich schäme mich dafür. Das hat dieses Schiff nicht verdient. Darüber hinaus ist der Unterhalt und die Ausbildung der Kadetten zu Führungsoffizieren nicht gerade zum Schnäppchenpreis zu haben. Zwischen 2 - 3 Millionen laufende Kosten jährlich sind von uns Steuerzahlern aufzubringen. Dazu kommen alle zwei Jahre die Wartungsarbeiten auf der Werft, die schon mal leicht bis zu 4,5 Millionen Euro verschlucken können. Da kann es nicht sein, dass wir als Bürger derart in der Öffentlichkeit blamiert werden.
Dieter Roßmann, Schleswig
Altkanzler Helmut Schmidt hat anlässlich eines Rekrutengelöbnisses den Soldaten versichert: "Ihr könnt Euch darauf verlassen. Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen." Die bekannt gewordenen Vorfälle auf der Gorch Fock lassen ob der tragischen Vorfälle und Vorkommnisse den Eindruck zu, als wenn die Werteordnung des Grundgesetzes und die Grundsätze der "Inneren Führung" unbeachtet geblieben sind. Insofern gilt es, die Versicherung Schmidts nachhaltig umzusetzen.
Wolf-Rüdiger Hammer; Büdelsdorf
Ich habe die Debatte im Deutschen Bundestag über die Missstände auf der Gorch Fock, den Schießbefehl in Afghanistan und die geöffnete Feldpost am Bildschirm verfolgt. Ich rate der Bundeskanzlerin mit dem Verteidigungsminister so zu verfahren, wie er es mit dem Kommandanten Schatz vorgelebt hat: Aus Gründen der Fürsorge und um Schaden vom Minister und seinem Ministerium abzuwenden, sollte sie ihn von seinen Pflichten entbinden, bis die Vorfälle lückenlos geklärt sind.
Holger Petersen; Schleswig
Wie menschenverachtend ist die Einstellung von fast 80 Prozent der Leserbriefschreiber, die meinen, eine mögliche Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung weiblicher Soldaten gehöre zur normalen "harten Seemannsausbildung"? Wie zynisch ist es zu behaupten, die "verunglückten" Kadettinnen hätten eine "sonnige Urlaubsfahrt" erwartet? Ist es vielleicht möglich, dass sich die Zeiten auf der Gorch Fock geändert haben, seitdem auch Frauen mitfahren? Können sich deshalb selbsternannte Experten, weil "Kapitäne a.D.", irren, weil sie damals nur Männer befehligt hatten?
Jenny Böken hat ihren Eltern offensichtlich eine Email gesendet mit der Bitte, dringend einen Frauenarzttermin zu vereinbaren. Wollte sie eine Vergewaltigung attestieren? Sie ist offensichtlich auf der "falschen" Seite über Bord gegangen (Bei Schräglage des Schiffes Gefälle aufwärts "gefallen"). Das Schiff soll bei Windstärke 8 ruhig im Wasser gelegen haben... Sie hat geschrien, als sie über Bord ging... und? Was hat man daraufhin unternommen? Was passiert, wenn ein Kamerad um Hilfe schreit? Nichts? Der Verdacht, Jenny Böker wurde vergewaltigt und über Bord geschmissen ist begründet und gehört aufgeklärt!
Der Kommandant ist zu Recht abgesetzt! Er behauptet, "die heutigen Rekruten sind nicht fit und verweichlicht" und er setze nur "körperlich geeignete Rekruten ein". Ein Widerspruch. Es soll eine Karnevalsfeier zwei Tage nach dem "Unfall" der Kadettin Seele gegeben haben. Dies muss ein Kommandant unterbinden. Ein Kommandant hat auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den weiblichen Soldaten. Doch der vielbeschworene Corps- und Kameradschaftsgeist scheint nicht für weibliche Soldaten zu gelten!

Henning Burgwald; Kappeln
Selbstverständlich ist die Bundeswehr "keine Skandal-Armee", wie Stefan Petersen in seinem Standpunkt und der Wehrbeauftragte Hellmut Könighaus (FDP)in seinem Jahresbericht deutlich machen. Trotzdem bleiben nach dem tragischen Tod eines BW-Angehörigen, der beim Waffenreinigen in Afghanistan offenbar "versehentlich" von einem Kameraden erschossen wurde, sowie vor allem auch bei den Kadettinnen Jenny Böken und Sarah Lena Seele, die auf der Gorch Fock ums Leben kamen, natürlich Fragen offen, die geklärt werden müssen. Eine der grundsätzlichen Fragen lautet: Sind Frauen in der Armee und vor allem an Bord von Kriegsschiffen nötig und sinnvoll? "Frauen an Bord bringen Unglück", hieß es früher, und dies bezog sich nicht nur auf mögliche Sex-Skandale, sondern auch auf die Belastungen, denen sie nicht gewachsen sein könnten.
Fregattenkapitän a.D. Karl F. Schimkel äußerte angesichts der "heutigen und empfindlichen Designerjugend" deshalb vorsichtig: "Vielleicht sollte darauf verzichtet werden, Frauen in diese Art Ausbildung (gemeint: das alt bewährte Ausbildungskonzept eines Schulschiffes) einzubeziehen". Und Winfried Isfort setzt zu Recht noch einen drauf, indem er schreibt: "Wenn heute Frauen Männerdienste (gemeint: an Bord von Kriegsschiffen) verrichten, nennt man das Emanzipation. Ich nenne es Dummheit". So ist es!
Joachim Arndt; Kappeln
Als ehemaliger Marinefunker habe ich aufmerksam alle Meinungen gelesen und finde irgendwo auch alle teilweise verständlich. Nur wird aus der Gorch Fock wieder eine politische Schlammschlacht sondergleichen von der Opposition aufgezogen. So werden im Volk keine Stimmen gewonnen. Verteidigungsminister zu Guttenberg hat richtig gehandelt! Sicherlich: Die Vorfälle müssen akribisch untersucht werden. Schuld hat nicht die Gorch Fock, sondern die Menschen die darauf Dienst tun und die, die die Kadetten dorthin rekrutieren. Also Vorauswahl: Wer Offizier bei der Marine werden will, muss "das,das und das..." erfüllen. Haben Schatz und seine Mannen Mist gebaut, muss man sie zur Verantwortung ziehen!
Für einen angehenden Marineoffizier sollte es eine Ehre sein, so ein Kommando zu bekommen. Nur sollten die angehenden Frauen und Männer vorher dazu ausgesucht und vorbereitet werden, damit die Ausbildung mit Freude und Herzblut absolviert wird.
Uwe A. Pauschardt; Wasbek
Leser Bareuther (Ausgabe vom 22. Januar) ist sich sicher, dass auch heute noch an Bord der Gorch Fock gilt, was er dort 1962 erlebte. (Dann dürfte es heute auch keinen Dioxin-Skandal geben, weil es damals keinen gab.) Derartige Sichtweisen sind naiv. Er schreibt, dass die damaligen Ausbilder zuerst feststellten, wer wofür geeignet war. Das war diesmal offensichtlich nicht der Fall, denn die verunglückte Offiziersanwärterin war nur 1,59 m klein. Ausgerechnet sie sollte geeignet gewesen sein für die oberste (Royal) Rah? In diesem Zusammenhang von "Weicheiern" an Bord zu sprechen, ist unerträglicher als Mast- und Schotbruch auf einmal.
Dieter Konetzny; Neumünster
Der deutsche Nachwuchs wird nun schon seit langem von der Kita bis zum Abitur überwiegend von Frauen erzogen, unterrichtet, beeinflusst. Das war nicht immer so. Nach dem Krieg hatten wir Jungen es mit Lehrern zu tun, die im Ersten, Zweiten und mitunter in beiden Kriegen als Reserveoffizier gedient hatten. Wir waren an männlich-laute Stimmen gewöhnt. Als Rekruten machte uns ein rauer Ton daher nichts aus. Gott sei Dank erlebten wir Gefechtslärm nur in Manövern. Mit Flüsterstimme ist da nichts zu machen. Im Zivilleben hört der Nachwuchs oft nur Mama-Lieb-Piepsstimmchen. Beim Übergang zu weiterführenden Schulen oder gar zur Armee ist da wohl manch einer schon etwas irritiert.
Claus Lutz; Langholz
Wo bleibt eigentlich die alte Seemannsregel: Frauen an Bord bringen Unglück? Bei allem Respekt vor dem weiblichen Geschlecht, rein biologisch kann das schon nicht funktionieren. Vorfälle aus den letzten Jahren, nicht nur auf unserem Schulschiff belegen das.
Dipl.-Ing. Heinrich Dräger; Flensburg
Es ist vollkommen unverständlich, dass nach mehreren Abstürzen mit Verletzten und Toten beim Aufentern in die Takelage diese Gefahrenquelle nicht mit am Markt verfügbarer Sicherheitstechnik nachhaltig abgestellt wurde. Unverständlich auch, dass auf einem Schulschiff mit Vorbildfunktion nachts bei Starkwind keine Schwimmwesten getragen wurden. Die Vorschriften der Seeberufsgenossenschaft, die auch für die Bundesmarine verbindlich sind, fordern sowohl das Tragen der Schwimmweste als auch eine Absturzabsicherung.
Utta Weißling, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Harrislee; Schafflund
Nicht bange werden, zu keiner Zeit und Stunde? Frauen an Bord bringen Unglück? Der Hinweis auf Naturvölker, die ihre Frauen auch nicht auf die Palmen schicken würden, weil es ja von Natur aus Frauen - und Männerarbeiten gibt? Was für ein Quatsch! Warum sollten weibliche Crew-Mitglieder per se Unglück bedeuten? Wenn die ungeheuerlichen Gerüchte um Preise für denjenigen, "der die Hässlichste knallt", stimmen, ging das Leid und Unglück, das den jungen Kadettinnen widerfahren ist, doch wohl von Männern aus! Drill, Erniedrigung und sexuelle Belästigung waren wahrscheinlich auch schon vor Aufnahme von Frauen ein Thema auf "dem größten schwimmenden Puff", und das mit Wissen der Vorgesetzten! Das hat gar nix damit zu tun, dass Frauen an Bord sind, sondern mit einem Männerbild, das auch beim Militär noch eine große Rolle spielt!
Es gibt kein Natur-Gesetz, dass Frauen- oder Männeraufgaben bestimmt! Wenn es einer Führung nicht gelingt, eine Vertrauensbasis herzustellen, wenn sie es nicht schafft zu vermitteln, warum gewisse Abläufe so sein müssen oder sie zu ändern, wenn sie falsch sind, hat die Führung versagt - und nicht die noch jungen Menschen, deren Leben ihr anvertraut wurde. Kommt nicht gerade aus dem Bereich der Natur-Gesetze die Anforderung, uns ständigem Wandel immer wieder kritisch anzupassen? Alle Wesen, die dazu nicht im Stande waren, sind ausgestorben!

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erstellt am 01.Feb.2011 | 06:39 Uhr

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