Kriminalität : Schüsse, Stiche, Säure – wenn Liebe zu Hass wird

Jüngste Beziehungstat: In Lübeck erschoss diese Woche ein Mann seine Ex-Partnerin und deren jetzigen Ehemann, bevor er sich tötet.
Jüngste Beziehungstat: In Lübeck erschoss diese Woche ein Mann seine Ex-Partnerin und deren jetzigen Ehemann, bevor er sich tötet.

Schmetterlinge im Bauch – so beginnen in aller Regel Liebesbeziehungen. Doch wenn Partnerschaften zerbrechen, kommt es oft zu Streitigkeiten. Im Extremfall kann am Ende ein Mord stehen.

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05. Juli 2014, 19:09 Uhr

Kiel | Dezember 2007 – ein Polizist erschießt in Neumünster seine Ex-Frau und deren neuen Partner, richtet sich später auf der Flucht selbst. Im Februar 2009 bringt ein Flensburger seine Frau und seine siebenjährige Tochter mit insgesamt 150 Messerstichen um. Ein 33-Jähriger schleicht sich im Mai 2010 in Eckernförde nachts in die Wohnung seiner schwangeren Ex-Freundin (18) und tötet sie mit mehreren Messerstichen. Im Juli 2013 überfällt ein Taxifahrer in Pinneberg seine Ehefrau am hellichten Tag auf offener Straße, rammt ihr ein Messer in den Bauch und überschüttet sie mit Säure. Sie überlebt schwerverletzt. Und erst in dieser Woche erschießt in Lübeck ein Mann seine Ex-Partnerin und deren jetzigen Ehemann, bevor er sich tötet.

Dies sind nur einige der spektakulärsten Beispiele aus dem Norden dafür, was passieren kann, wenn aus Liebesgefühlen Hass wird. Dass es keine Einzelfälle sind, können wenige Zahlen rasch verdeutlichen: Im Jahr 2013 ereigneten sich laut Landeskriminalstatistik 21 der insgesamt 49 Fälle von Mord/Totschlag in der eigenen Verwandtschaft, ein Anteil von 42,9 Prozent. „Der absolut überwiegende Part sind Konflikte in Ehen oder eheähnlichen Gemeinschaften“, weiß Markus Langenkämper, Sprecher der Polizeidirektion Flensburg.

Solche Taten ließen sich keinem Milieu oder einer bestimmten sozialen Schicht zuordnen, sagt Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamts in Kiel. „Das kann man nicht differenzieren, es geht quer durch alle Gesellschaftsschichten und reicht von Taten im Affekt bis hin zu sorgfältig geplanten Delikten.“ Die Motive variierten von Kränkung über Eifersucht bis hin zu Geldgier.

Was aber bringt einen aktuellen oder ehemaligen Ehe- oder Lebenspartner zu solch einer Tat? „Jeder Mensch hat einen aggressiven Impuls in sich“,  sagt Christian Huchzermeier, Leiter der forensischen Psychiatrie am Zentrum für integrative Psychiatrie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Er begutachtet und therapiert Gewalt- und Sexualstraftäter. „Durch ihre Sozialisierung lernen die allermeisten Menschen, sich zu beherrschen, finden Mittel und Wege zur Kontrolle, um destruktive Impulse nicht in Taten umzusetzen.“

Doch es gibt immer wieder Ausnahmen. „Man muss die klassische Beziehungstat aber zunächst von echten kernpsychiatrischen Störungen wie Psychosen oder Depressionen unterscheiden“, sagt Huchzermeier. „Wenn man genau hinschaut, lassen sich häufig bestimmte Störungen der Persönlichkeit finden.“ Ein Eifersuchtswahn etwa sei die typische Auswirkung einer Psychose, die unter anderem auch durch eine Alkoholsucht ausgelöst werden kann. „Ein unter einer Psychose leidender Mann verdächtigte zum Beispiel seine Frau, die als Krankenschwester arbeitete, heimlich während ihrer Abwesenheit Pornos zu drehen und ihn zu betrügen“, erinnert sich Huchzermeier. Das Beziehungsdrama endete damit, dass der Mann seine Partnerin massiv mit einem Messer verletzte. Auch aus einer Depression heraus kann ein Mensch sowohl seinen Partner als auch sich selbst schädigen. „In dessen Wahnvorstellungen bringt die Zukunft für ihn nur Schlechtes, den Partner und die Kinder erwarten ohne ihn schlechte Zeiten, vor denen er ihn oder sie bewahren will.“ Der Täter wolle seinem direkten Umfeld zukünftiges Leid ersparen, man spreche hier deshalb von einer altruistischen Tötung.

Abseits der kernpsychiatrischen Störungen gibt es laut Huchzermeier noch eine Reihe weiterer Persönlichkeitsstörungen, welche die Gefahr einer Beziehungstat vergrößerten. „Narzisstische Persönlichkeiten etwa verkraften es nicht, verlassen zu werden“, so Huchzermeier. „Der Partner wird als erweiterter Teil des Ichs wahrgenommen, in den Allmachtsfantasien des Narzissten hat er keinen Anspruch auf ein eigenes Leben und sein Wille wird nicht akzeptiert.“ Handele der Partner gegen den Willen des Narzissten, könne es zu Rachehandlungen kommen, die bis zum Mord reichten. Ganz anders verhielten sich hingegen abhängige Persönlichkeiten. „Diese Menschen hängen symbiotisch an dem Partner, lassen sich von ihm über lange Zeit sehr viel gefallen, sich demütigen und ausnutzen, wirken nach außen sehr schwach. Irgendwann bringt eine Situation das Fass zum überlaufen. Solche Angriffe sind dann oft tödlich.“

Doch auch Menschen ohne psychische Auffälligkeiten können zu Tätern werden. „Sie leben wie du und ich, plötzlich gibt es in ihrer Beziehung krisenhafte Zuspitzungen, eine Trennung droht oder wird befürchtet.“ Ein typisches Beispiel sei, wenn ein Partner mehr liebt, als er sich vom Anderen geliebt fühlt. Dies führe zu Eifersucht und Abhängigkeitsgefühlen und könne sich über lange Zeit hinstrecken. „Diese Menschen leben mit der steten Hoffnung auf eine Wiederannäherung. Werden sie vom Partner gedemütigt, kann es irgendwann zum Affektdelikt kommen. Dafür reicht eine provokative Situation, möglicherweise auch unter Einfluss von Alkohol“, beschreibt Huchzermeier. Sehr häufig gebe es bei den Tätern im Vorfeld zusätzliche Belastungen in anderen Lebensbereichen, ein Burnout-Syndrom könne auschlaggebend sein.

Klassisch bei diesen Delikten im Affekt ist die Erinnerungslücke für den Tatzeitpunkt, so Christian Huchzermeier. „Eine Schutzfunktion des Körpers, auch für den Täter ist das Geschehen kaum zu verkraften. Die Psyche spaltet das ab – wie bei einer Traumatisierung.“

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