Studie : Schon 2008 übten Kadetten Kritik an der Sicherheit

Kadetten als "Frustspielzeug der Unteroffiziere"? Eine Studie zur Sicherheit auf der "Gorch Fock" kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

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28. Januar 2011, 08:16 Uhr

Glücksburg | Das Bundesverteidigungsministerium ist offenbar bereits seit Jahren über Ausbildungsprobleme auf der "Gorch Fock" informiert gewesen. Aus einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr geht hervor, dass Kadetten bereits nach dem Tod von Jenny Böken (18) im Jahr 2008 über das Sicherheitskonzept an Bord des Schulschiffes geklagt hatten.
Seit sechs Jahren begleitet das Institut in Strausberg (Brandenburg) die Offiziersanwärter bei ihrer Ausbildung. Nach dem Tod der Rekrutin sei die Sicherheit auf der "Gorch Fock" erstmals thematisiert worden, so der Autor der Studie, Carsten Pietsch. Elf junge Offiziersanwärter der Crew VII/2008 bemängelten offen Probleme. So kritisierten sie, nachts klettern und unter Zwang aufentern zu müssen. Beklagt wurde außerdem die Sicherheit der Posten in Bord- und Gefechtsanzug. Jenny Böken war als vorderer Ausguck eingeteilt, als sie am 3. September kurz vor Mitternacht über Bord ging. Sie trug weder eine Schwimmweste noch hatte sie sich mit einem Karabinerhaken an der Reling festgemacht, was durchaus möglich ist - wenn es denn der Kommandant erlaubt.
Chronischer Schlafmangel und Frust mit den Vorgesetzten
Vom Aufentern unter Zwang hat sich die Marine nach dem tödlichen Sturz von Obermaatin Sarah Lena Seele (25) scharf distanziert: Es erfolge immer freiwillig. Mit Blick auf die Studie muss nun geklärt werden, ob dies auch allen Kadetten stets ausreichend bewusst gemacht worden ist. Negativ beurteilt hatten die Kadetten schon 2008 das Verhalten der Stammbesatzung. Sie seien "Frustspielzeug der Unteroffiziere", litten unter Schlafmangel und geringen Erholungsmöglichkeiten. Der Autor der Studie mahnt an, den Offiziersanwärtern aus Gründen der Sicherheit "ausreichende Erholung zu gewähren". Möglich sei dies durch abgetrennte Schlafplätze. Das erschreckende Fazit der Befragung: Von allen Abschnitten ihrer Ausbildung waren die Kadetten mit der "Gorch Fock" am unzufriedensten. Das wusste auch die Marineführung. Ob Schlussfolgerungen daraus gezogen worden sind, ist nicht zu erfahren. Das Flottenkommando in Glücksburg will sich wegen der laufenden Untersuchungen zu der Studie nicht äußern.
Unterdessen ist auch der neue Kommandant der "Gorch Fock" in die Schlagzeilen geraten. Kapitän zur See Michael Brühn (55) führte die Bark zwischen 2001 und 2006, soll sie nun in ihren Heimathafen Kiel bringen. Gestern veröffentlichte die "Bild"-Zeitung Bilder eines Videos, die Brühn bei einem Wasserski-Trip vor Lanzarote zeigen. Er soll dafür das Speedboat der "Gorch Fock" benutzt haben. Vor seinem Wasserski-Ausflug soll der Kommandant die Besatzung aufgefordert haben, keine Fotos davon zu machen. Aus gutem Grund: Nach der Kraftfahrvorschrift der Bundeswehr gilt der Grundsatz der "Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit". Kapitän zur See Michael Brühn gehört übrigens auch der Kommission an, die jetzt prüfen soll, ob es Fehlverhalten oder Missstände an Bord der "Gorch Fock" gegeben hat.
Die Marine teilte gestern mit, die Fotos ließen kein vorwerfbares Verhalten erkennen.

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