Abschreckung : Schock-Therapie im Gefängnis

Heilsamer Schreck oder doch nur coole Show? Die Jugendlichen mit Betreuern vor dem Gefängnis in Neumünster.  Fotos: Beckwermert
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Heilsamer Schreck oder doch nur coole Show? Die Jugendlichen mit Betreuern vor dem Gefängnis in Neumünster. Fotos: Beckwermert

Kann ein Besuch im Knast Jugendliche vom kriminellen Weg abbringen? Ein Flensburger Verein setzt reumütige Gefangene zur Abschreckung ein.

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19. September 2009, 09:22 Uhr

Neumünster | Am Anfang ist das Eingeschlossen werden in der Zelle noch cool. Eine Minute in dem Raum mit den nackten uringelben Wänden, zwei Stühle, ein Aschenbecher, der Schlüssel knackt im Schloss. Und schon sind sie wieder auf dem Gang. Gefängnis, das ist doch "geil", sagen zwei der Jungs, Hände in den Hosentaschen, sie grinsen.
Der Beginn eines halben Tages in der Justizvollzugs anstalt (JVA) Neumünster für Ertugrul T. (17), Kay C. (14), Beau Joshua P. (18), Mark W. (15), Alex B. (15), Tom D. (13), Michael B. (16) und Michel R. (16). Sie kommen aus einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche in Bordesholm, jeder hat schon mal was ausgefressen, Diebstahl, Auto geknackt, Waffenbesitz, Körperverletzung, sexueller Übergriff. Sie sind die potenziellen Straftäter von morgen, werden an diesem Tag auf Verbrecher treffen, die ihnen die harte Realität im Knast verdeutlichen sollen. Es ist Teil des Projekts "Gefangene helfen Jugendlichen" des Flensburger "Fördervereins gegen Jugendgewalt". Präventive Schock-Therapie.
Stumm werden die Jugendlichen erst im Beruhigungsraum
Beau hat CDs geklaut, mit einem Luftgewehr auf Styropor geschossen, stand vor Gericht, bekam Sozialstunden aufgebrummt. Hat ihn alles nicht abgeschreckt. Er fällt auf mit seinen stoppelkurzen blondierten Haaren, den zwei pinkgefärbten Streifen. Betont locker federt er die Treppen im Gefängnis hoch, so wie überhaupt alle sehr lässig tun an diesem Tag.
Stumm werden sie erst im Beruhigungshaftraum, "den wir Gummizelle nennen", erklärt der Justizvollzugsbeamte Sascha Storbeck (31). "Da kommen die hinein, die aggressiv gegen sich oder andere waren." Es ist warm, denn die Gefangenen werden ausgezogen, stehen 24 Stunden unter Beobachtung. Eine dünne blaue Matte in der Ecke, ein metallenes Loch im Boden zum Pinkeln. Das ist alles. "Was passiert, wenn sich einer selbst Schaden zufügt, kriegt er dann eine Zwangs jacke?" will Beau wissen. Storbeck: "Wir können ihn an Händen und Füßen fesseln, und wenn alles nichts hilft, kommt er in den sechsten Stock. Und was ist da?" fragt der Beamte. Beaus Augen weiten sich. "Die Klapse?" Storbeck: "Genau." Das sitzt.
Wenig später begrüßen fünf Gefangene die Jungen mit Handschlag im Besucherraum. Tom, 45, Totschlag, elf Jahre. Axel, 34, Ex-Junkie, bewaffneter Raubüberfall, fünf Jahre. Marco, 37, versuchter Totschlag, schwerer Betrug, zehn Jahre. Christof, 30, Drogenhandel, vier Jahre. Und Sebastian, 36, Autoschieberei, zehn Jahre.
"Ich habe alles verloren"
Jeder packt aus, schonungslos ehrlich, sie wollen vor allem eines: warnen. Sie sprechen die Sprache der Straße, setzen ihre Glaubwürdigkeit ein. "Ich habe alles verloren", sagt der eine, "ihr kriegt von niemandem eine Chance", der nächste, "deine angeblichen Freunde haben dich abgefuckt", sagt jemand - und "dann bumsen die euch richtig, die Bullen." Da wird vom kalten Entzug berichtet, "mit Kotze und Vollscheißen", "die Eltern sind durch die Hölle gegangen", "ich war so weit, aus dem Fenster zu springen".
Die Jungen hören aufmerksam zu, nach vorn gebeugt. "Ist es immer noch cool?" will der Beamte Storbeck später wissen. Die beiden Jungs vom Anfang drucksen herum. "Das war doch ein Scherz", sagt einer kleinlaut. Und Beau? Ihm reicht es. "Ich hoffe, ich komme nicht ins Gefängnis - nie."

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