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Gefährliche Sucht : Schnüffeln: Der Tod aus der Dose

vom
Aus der Onlineredaktion

Sie stehen in jedem Badezimmer und gelten als harmlose Hygiene-Artikel. Doch in den Händen von Jugendlichen können Deos tödlich sein. Die CDU fordert Warnhinweise auf Produkten wie Haarsprays und Nagellackentfernern.

Kiel | Ihre Eltern fanden sie leblos auf dem Boden ihres Zimmers. An ihrem Mund hing eine Plastiktüte, neben ihr lag eine Dose Deospray. Für die 13-jährige Judith aus Kronshagen bei Kiel kam jede Hilfe zu spät. Sie starb, weil sie Deo aus einer Plastiktüte inhaliert hatte, am Sudden Sniffing Death Syndrom (SSDS) – dem plötzlichen Schnüffeltod.

Der Fall, der sich im März dieses Jahres ereignet hatte, sorgte landesweit für Schlagzeilen. Immer wieder wurden in den letzten Jahren in Deutschland ähnliche Fälle bekannt, zwei davon in Niedersachsen. Ein elfjähriger Junge aus Oldenburg starb 2006 durch das Schnüffeln von Deo, ebenso wie 2008 ein 13-Jähriger aus Hemmoor. Die Landesfraktion der CDU fordert nun, dass potenzielle Schnüffelstoffe wie Deos, Haarsprays oder Nagellackentferner mit Warnhinweisen gekennzeichnet werden – wie es zum Beispiel bei Zigaretten der Fall ist. „Die Schüler sehen die Gefahren oft gar nicht, die damit verbunden sind. Deshalb müssen sie davor gewarnt werden“, sagt Hans Hinrich Neve, CDU-Landtagsabgeordneter.

In Schleswig-Holstein ist die 13-Jährige bisher der einzige bekannte Fall von SSDS. Ihr Tod sei ein tragisches Unglück, eine Ausnahme, heißt es. Doch es gibt Zahlen, die etwas Anderes sagen. Jeder zehnte deutsche Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren soll laut einer europäischen Studie (ESPAD) schon einmal geschnüffelt haben. Weniger dramatisch ist die Zahl, die aus einer deutschen Studie aus dem Jahr 2014 hervorgeht: hier gaben nur 0,1 Prozent der 12-17-Jährigen an, bereits Erfahrungen mit Schnüffeln zu haben.

Dass es in den Studien zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommt, könnte an der Art der Befragung liegen. Ein Schüler wird bei einer Umfrage am Telefon – wie es bei der Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung der Fall war – nicht so offen antworten, wie in einem anonymen Fragebogen in der Schule, der unter anderem bei der europaweiten Studie ESPAD eingesetzt wurde.

In Schleswig-Holstein liegt die Zahl der schnüffelnden Schüler derzeit bei 2,2 Prozent, wie jetzt aus einer Erhebung der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein (LSSH) hervorgeht. Jungen sind nach diesen Ergebnissen anfälliger als Mädchen. Die Schulart jedoch spiele keine Rolle, hier sind Gymnasien gleichermaßen betroffen wie Gesamtschulen. Björn Malchow, Referent für Suchthilfe, rät jedoch, diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Oft seien die Stichproben der befragten Schulen zu klein, um eine realistische Einschätzung der Situation zu erhalten. Für aussagekräftigere Werte müsste jedoch eine Erhebung unter allen Schulen in Schleswig-Holstein erfolgen.

Anders als in vielen osteuropäischen Ländern wie Slowenien, Lettland oder Kroatien, in denen fast jeder dritte Schüler Schnüffelstoffe konsumiert, spiele das Thema bei deutschen Jugendlichen nur eine untergeordnete Rolle. Die Kernprobleme zum Thema Sucht seien nach wie vor Alkohol, Drogen und Cannabis. Wenn jedoch geschnüffelt wird, dann mit fatalen Folgen. Durch den hohen Druck in den Deodosen, lässt sich das Gas sehr schwer dosieren. Inhaliert durch eine Plastiktüte kann es zu schwersten Nebenwirkungen wie Erbrechen, Krampfanfällen und Verwirrtheit kommen. Im schlimmsten Fall kann die Sauerstoffaufnahmefähigkeit der Lunge blockiert werden und zusammen mit Störungen des Herzkreislaufsystems innerhalb von Minuten zum Tod führen.

Im Gegensatz zu Alkohol oder Tabak sind Schnüffelstoffe für Minderjährige frei zugänglich. Deo und Haarspray gibt es legal in jeder Drogerie zu kaufen. Genau deshalb seien Warnhinweise so wichtig, sagt Hans Hinrich Neve (CDU). „Sie sollen eine abschreckende Wirkung haben.“ Dass solche Hinweise tatsächlich etwas bewirken, glaubt Malchow hingegen nicht. „Gerade weil diese Stoffe überall frei verfügbar sind, wird man es dadurch nicht einschränken können.“ Außerdem seien sich die Schüler meist durchaus darüber im Klaren, dass sie etwas Gefährliches tun. Denn genau darum gehe es oft. „Das hat etwas mit Ausprobieren zu tun“, weiß Malchow.

Aus diesem Grund schnüffeln die meisten Schüler während der Pubertät, danach verliert es seinen Reiz. „Wir sehen an den Zahlen, dass das Schnüffeln mit zunehmendem Alter zurückgeht.“ Seiner Ansicht nach müsse das Problem eher in der Ursache bekämpft werden. „Es gibt bestimmte Faktoren, die das Risiko  erhöhen. Dazu gehören in erster Linie Stress in der Schule, im Freundeskreis oder in der Familie.“ Wichtig sei deshalb, die Schüler durch Präventionsprojekte und „resilienzfördernde Maßnahmen in ihrer psychischen Gesundheit zu stärken“ und ihren Umgang mit Stress zu schulen.

Familien oder Lehrer bekommen von den ersten Rauscherfahrungen oft gar nichts mit. Auch Judiths Eltern sei der hohe Deo-Konsum ihrer Tochter erst im Nachhinein aufgefallen. Auch die häufigen Kopfschmerzen und die Schwindelanfälle ergaben plötzlich Sinn. Hätte eine Warnung auf der Sprühdose ihren Tod verhindern können? In anderen Ländern gibt es die Warnhinweise jedenfalls schon, zum Beispiel in England und den USA.

Hintergrund: Sudden Sniffing Death Syndrom
Beim „Sudden sniffing death syndrome“ (SSDS)  kommt es durch den Konsum flüchtiger Substanzen wie Deo- oder Feuerzeuggas zu Herzrasen, Sauerstoffmangel oder einer hohen Konzentration an Kohlenstoffdioxid im Blut sowie einem plötzlichen Reiz, der zur Freisetzung von Adrenalin führt. Ist kein Defibrillator verfügbar, kann dies bei jungen Menschen innerhalb von Minuten  zum Tod führen – auch nach einmaligem Konsum. Besonders gefährlich ist es, wenn zum Einatmen der Gase  eine Plastiktüte benutzt wird. Im Fall der länger wirkenden Substanzen wie Toluol (in Lösungsmitteln für Klebstoffe enthalten) kann der Tod auch infolge eines Traumas auftreten. Quelle: EMCDDA
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erstellt am 27.Sep.2015 | 12:35 Uhr

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