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Frigga Kruse aus Mörel : Schnee im August: Schleswig-Holsteinerin arbeitet als Reiseführerin in der Arktis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Frigga Kruse ist Polarforscherin. Ein ungewöhnliches Leben zwischen norddeutscher Dorfidylle, Eisschollen und dem Rest der Welt.

Mörel | Frigga Kruse ist schon als kleines Mädchen anders. Mit Puppen spielen, hübsche Kleidchen anziehen und sich von Mama Zöpfe flechten lassen, nein, damit kann sie so gar nichts anfangen. Sie will raus, hinein in die Wälder, auf die Wiesen und Felder, die es in ihrem kleinen Heimatort Mörel reichlich gibt. Das kleine Dorf mit nicht mal 240 Einwohnern liegt etwa 20 Kilometer westlich von Neumünster und bietet noch unberührte Natur.

Die Haare lässt sich Frigga Kruse auf ein Minimum schneiden, und bis heute hat die Schleswig-Holsteinerin ihren Igelschnitt behalten. Einen Friseur brauchte sie dafür noch nie. Frigga Kruse ist völlig schnörkellos und ungeschminkt geblieben. „An mir verdient die Wirtschaft nichts“, sagt sie. Ihre Jeans hat sie von ihrer Schwester geerbt und ihre Arbeitskleidung bekommt sie meist gestellt.

Frigga Kruse in voller Montur. Das Gewehr ist wegen der Eisbären Pflicht.
Frigga Kruse in voller Montur. Das Gewehr ist wegen der Eisbären Pflicht.
 

Der Vater ist Schiffsbauingenieur, muss ständig verreisen und die Familie verbringt viel Zeit im Ausland. Eine Station ist Papua-Neuguinea, und die Tochter macht dort auch ihr Abitur. Immer wieder wird sie mit ihrer deutschen Herkunft konfrontiert. „Schließlich waren wir die deutsche Minderheit. Doch damals waren ich und meine zwei Geschwister in einem Alter, in dem wir kaum selbst wussten, wer wir waren.“ Die Mitschüler und Freunde stellen oft Fragen: „Wie ist es, mit deiner Geschichte zu leben? Wie verstehst du andere Kulturen und wie sieht es denn bei deiner Oma aus?“ Doch Frigga Kruse lernt damit umzugehen. „Meistens war es einfach nur Neugier“, vermutet sie. „Es sind die Kurzsichtigen, die dumme Kommentare machen.“

Während ihre Schwester Gesa Kriminologie in England und ihr Bruder Niels „irgendwas mit IT“ in Kanada studieren, setzt sich Frigga Kruse in den Kopf, Meeresforscherin zu werden. Dass ausgerechnet die kalte Arktis ihr Hauptthema werden sollte und sie sogar als Reiseführerin für Touristen angeheuert wird, hätte sie sich damals noch nicht vorstellen können.

Sie schreibt sich an einer Uni in Schottland ein und belegt die Fächer Archäologie und Geologie. Die Auswahl ist eher zufällig. „Es gibt in England einen zentralen Katalog, in dem jede Uni und jedes Fach aufgelistet sind. Ich habe diesen Daumenkino-mäßig durchgeblättert und bin an diesen Fächern hängen geblieben, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Das war wie ein Rubbellos und das Beste, was mir passieren konnte“, erinnert sich die 37-Jährige und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ich weiß, tote Menschen und Gesteine, das ist jetzt nicht gerade supersozial.“

Sie ist ehrgeizig und der Satz „Da muss noch mehr sein“ ist fest in ihrem Kopf eingebrannt. „Für die Geologie interessieren sich die wenigsten Menschen“, stellt Frigga Kruse immer wieder fest. Sie allerdings schon. „Bei uns im Möreler Wald steht ein Schalenstein. Als ich klein war, wollte man mir erzählen, dass das ein Opferstein der Wikinger ist. Da dachte ich mir, das kann nicht sein, ich sehe hier nirgends Wasser für Wikingerboote.“ Später wird sie ihre Diplomarbeit über Schalensteine in Schleswig-Holstein schreiben. „Und die kam richtig gut an“, erzählt sie mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Ihre Magisterarbeit macht sie in forensischer Archäologie. „Besonders in Russland habe ich deswegen viel geforscht und erlebt. Das Thema Grabschändung ging mir damals besonders nahe.“

Zwölf Jahre verbringt sie in Großbritannien und wechselt von Nord bis nach Süd öfter ihre Adresse. Doch immer wieder zieht es sie in ihre Heimat zurück und in ihr Elternhaus, eine alte Schmiede mit vielen Zimmern und großem Garten. „Trotz allem Herumschwirren in der Welt fühle ich mich als Schleswig-Holsteinerin. Meine Wurzeln sind hier, und irgendwann möchte ich auch wieder zurückkehren und am liebsten in einem Freilichtmuseum wohnen.“

Irgendwann liest sie in einer Fachzeitschrift eine Stellenausschreibung: Für Feldarbeiten auf Spitzbergen, eine norwegische Inselgruppe im Nordatlantik und Arktischen Ozean, werden Wissenschaftler gesucht. Frigga Kruse wird hellhörig. Sie bewirbt sich und wird angenommen. Ihr Thema trägt den Titel „400 Jahre Ausbeutungsgeschichte auf Spitzbergen“. Was hat der Mensch damals gemacht? Welche Spuren haben der Walfang, die Walrossjagd, der Bergbau und der Pelzhandel hinterlassen und vor allem: Welcher Druck lastet deswegen bis heute auf den Ökosystemen?

Hinterlassenschaften der Walrossjäger: Ein Schlachtfeld auf Spitzbergen.
Hinterlassenschaften der Walrossjäger: Ein Schlachtfeld auf Spitzbergen. Foto: Frigga Kruse
 

Doch Frigga Kruse will nicht darüber urteilen, nur feststellen und dokumentieren. „Ich bin nicht da, um abzustempeln, dann wäre ich eine schlechte Archäologin. Die Gesellschaft brauchte eben Öle und Fette, da gibt es starke Parallelen zu heute.“ Für sie ist es immer wieder der gleiche Teufelskreis: „Die Menschen möchten etwas haben und unsere Geschichte zeigt, dass wir uns das nicht nachhaltig beschaffen. Vieles wiederholt sich, die Frage ist, ob wir diesen Kreis unterbrechen können.“

Warum in der Stellenausschreibung stand „Muss körperlich fit sein und mit einer Waffe umgehen können“ hat die Schleswig-Holsteinerin schnell verstanden. „Wir mussten auf Spitzbergen in Zelten schlafen und Eisbären können ständig irgendwo in der Nähe sein.“ So hat sie auf ihren Erkundungstouren vorschriftsmäßig ein Gewehr dabei, hat es bisher aber nur „zum Üben“ genutzt. Mulmig ist ihr noch nie gewesen. „Einmal haben wir einen schlafenden Eisbären geweckt, das war schon einen Moment lang kritisch. Wir hatten ihn für einen Schneeberg gehalten. Aber der Eisbär hat sich zum Glück nicht für uns interessiert,“ erzählt die Polarforscherin.

Zurzeit lebt und arbeitet sie im niederländischen Groningen, hier hat sie nach einer Arbeitszeit von fünfeinhalb Jahren auch ihre Doktorarbeit abgegeben und sie als Buch unter dem Titel „Frozen Assets“ herausgebracht. Die Arbeit bekommt die höchste niederländische Auszeichnung. „Es ist eine Art Katalog geworden, der die Ausbeutung der Insel durch Großbritannien dokumentiert und beleuchtet. Ich versuche, die Vergangenheit anzuwenden. Es geht hier auch um Weltpolitik, den britischen Bergbau und vor allem um die Menschen dahinter.“

Das Projekt auf Spitzbergen findet Frigga Kruse „hoch motivierend“. „Es ist spannend zu sehen, welche Veränderungen in den Ökosystemen herrschen. Ich möchte dazu beitragen, dass wir unsere Geschichte verstehen und dass wir aus ihr lernen.“ Was hätte man anders machen können und was kann man in Zukunft anders machen? Das sind für sie die entscheidenden Fragen. Dafür beleuchtet sie archäologische Quellen aus allen Ecken, wertet Tagebücher aus und steckt Quartiere ab, um ein klein wenig mehr über dieses Stück der Arktis zu erfahren. „Doch meine Karriere ist nicht mein Ein und Alles. Ich bereite mich selten gut vor und überhäufe mich auch nicht mit überflüssigem Wissen.“

Egal wo sie gerade lebt, überall spielt sie in Rugby-Teams und engagiert sich aktiv für den Naturschutz. „Das hat auch System, denn meine Hobbys bauen schnell Brücken zu den Leuten“, sagt sie. Erst vor ein paar Wochen wurde sie außerdem noch niederländische Meisterin im Mähen mit der Sense. Die 37-Jährige spricht fließend Niederländisch und lernt jetzt nebenbei noch Norwegisch.

Ist ein Projekt beendet, muss sich Frigga Kruse wieder eine neue Arbeit suchen – irgendwo auf dieser Welt. Auch war sie einmal über eineinhalb Jahre arbeitslos. „Das ist das Unschöne an der Akademie, man arbeitet an den Projekten und steht danach auf der Straße.“

Ob sie bei so viel Bewegung in ihrem Leben überhaupt beständige Freundschaften aufbauen kann, beantwortet sie mit einem klaren Ja. „Es gibt Beziehungen, die lassen sich über die Lande und die Zeit hinweg halten. Es ist toll, auf der ganzen Welt Freunde zu haben.“ Heimatlos hat sie sich daher noch nie gefühlt. Im Moment denkt sie über ein Lehramtsstudium in Kiel oder Hamburg nach. „Gerade habe ich wieder den großen Drang, in meinem Elternhaus zu wohnen.“

Frigga Kruse ist mittlerweile nicht nur Polarforscherin, sondern arbeitet auch als Reiseleiterin in der Arktis. Während die meisten Menschen den warmen Süden für ihren Urlaub ansteuern, konnte man in diesem Sommer für neun Tage und etwas über 5000 Euro Ferien in Eis und Schnee buchen. An die 55 Touristen und gut noch mal so viele Archäologen, Biologen, Meteorologen, Journalisten und Klimaforscher nahmen an der SEES Expedition nach Edgeoy auf Spitzbergen teil und überquerten mit einem Forschungsschiff den 80. Breitengrad.

Warum man das freiwillig tut? „Es sind unglaubliche Landschaften und Bilder auf und um Spitzbergen. Viele wollen einfach einmal einen Eisbären in seiner Umgebung und die beeindruckende Mitternachtssonne sehen“, beantwortet die Reiseführerin. „Doch vor allem ist es der Wunsch, die Natur verstehen zu wollen und natürlich die Faszination, die von diesem Ort ausgeht.“ Frigga Kruse bezeichnet die Reisenden nicht gern als Touristen, sondern mehr als „Sponsoren“. Auch wenn die Niederländische Organisation für Wissenschaftliche Forschung (NWO) viel Geld für das Projekt auf Spitzbergen beisteuert, ließe sich die Reise ohne die Hilfe der Mitreisenden nicht finanzieren.

Bis zu 14 Stunden pro Tag waren die Teams mit Forschungsarbeit beschäftigt.
Bis zu 14 Stunden pro Tag waren die Teams mit Forschungsarbeit beschäftigt. Foto: Kruse

Frigga Kruse stellt kleine Gruppen zusammen, und wer denkt, er kann einfach mal Urlaub machen, hat nicht mir der robusten Deutschen gerechnet. Da die Tage in der Arktis lange hell sind, könne man auch lange arbeiten. Die eine Gruppe wird zum Moos sammeln abbestellt, andere wiederum rutschen den ganzen Tag auf ihren Knien über den Erdboden, um nach Knochen zu suchen und Erdproben zu nehmen. Einige laufen in diesen Tagen einen Marathon, um die Gegend mit Kameras zu erkunden.

14 Stunden an der arktischen Luft, das ist selbst für Frigga Kruse noch eine Herausforderung. „Es ist schon anstrengend, doch die Luft ist unglaublich sauber und man atmet ganz anders durch. Es ist auf der Insel unheimlich still, es sein denn, man stößt auf eine Vogelkolonie, oder ein Walross taucht neben dem Boot auf, dann sind die Laute umso intensiver zu hören.“ Nur an einem Tag hat die Gruppe knappe 14 Grad Außentemperatur, ansonsten bewegt sich das Thermometer um den Gefrierpunkt.

 

Stundenlang wird jeder Quadratmeter der Insel untersucht und wenn es sein muss, dann watet man auch mal durch Eiswasser. „Wir haben keine wasserfeste Kleidung mit, aber man läuft die Nässe dann schon irgendwann wieder raus“, sagt Frigga Kruse gelassen. Das Programm gestaltet sie flexibel und achtet darauf, dass ihre Schützlinge immer warm bleiben. Thermoskannen mit heißem Tee gehören in jeden Rucksack.

Auch das muss mal sein: Durch kaltes Eiswasser zu laufen gehört zur Arktis-Expedition.
Auch das muss mal sein: Durch kaltes Eiswasser zu laufen gehört zur Arktis-Expedition. Foto: Frigga Kruse
 

Ein Teil des Teams sucht Spuren der Pomoren. „Das waren russische Walrossjäger, die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Spitzbergen gejagt haben“, erklärt Kruse. Die Schlachtfelder auf Spitzbergen erzählen heute noch ihre Geschichte. Massenweise Tierknochen schaffen reichlich Lehrmomente, und auch Überreste von Werkzeugen werden mit einem Metalldetektor ausfindig gemacht. Ebenso können einige Proben mit Resten von Urin, Blut und Gülle entnommen werden. „Jeder der hier ist, will auch etwas erreichen“, freut sich die Polarforscherin.

Trifft man auf einen Eisbären, gibt es strenge Verhaltensregeln, um die eigene Sicherheit nicht zu gefährden. Männlichen Walrössern kann man sich bis zu 30 Metern näher, denn die haben die Ruhe weg und ignorieren meist die Zweibeiner. Sie dürfen sich nur nicht gestört fühlen. „So ein Walross hat unheimlich viel Zeit“, sagt Frigga Kruse und lacht. Ein Führer mit einem Gewehr und Leuchtpistole muss dennoch immer vor Ort sein. Selbst beim Toilettengang ist man nie ganz allein. „Es ist Wahnsinn, was wir alles in diesen Tagen gelernt haben. Die meisten sehen die Arktis jetzt mit ganz anderen Augen“, weiß die Forscherin.

Spitzbergen hat sie in nächster Zeit noch ein paar Mal auf ihrer To-Do-Liste stehen. Zum Beispiel bei verschiedenen Ausgrabungen. Vor allem die Latrinen und Misthaufen in den verlassenen Dörfern will sie unter die Lupe nehmen. „Das sind wahre Fundgruben“, erklärt sie.

Trotz aller Routine und Erfahrung empfindet die Schleswig-Holsteinerin immer wieder Demut und Dankbarkeit. „Für mich ist es ein unheimliches Glück, nach Spitzbergen fahren zu dürfen. Daher möchte ich mein Wissen nach außen transportieren und vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen, dass wir lernen, bewusster mit unserer Umwelt umzugehen.“

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erstellt am 31.Okt.2015 | 17:58 Uhr

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