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Ostseefähren zwischen Eis und Palmen : Schleswig-Holsteins Butterfähren: Hier sind sie gestrandet

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Aus der Onlineredaktion

Frisch lackiert eroberten unsere Butterfähren nach dem Ende von Duty Free die Meere. Manche von ihnen fanden ganz exotische Heimathäfen in weiter Ferne. Fünf maritime Geschichten ohne Seemannsgarn.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2015 | 19:04 Uhr

Eine schöne Schiffstour nach Dänemark und zurück für drei Mark – inklusive Frühstück und verbilligtem Schnaps in Literflaschen: Die Zeit der Butterfahrten eröffnete jahrelang Horizonte für Jung und Alt, hatte positive Auswirkungen für den Fremdenverkehr in strukturschwachen Gebieten und bescherte den Einheimischen auch in den kleineren Küstenorten Arbeitsplätze und Perspektiven. Auch als Versammlungspunkt für ältere Menschen waren die Butterschiffe eine Institution.

Um so erschütternder schlug das jähe Ende der maritimen Tradition in Wirtschaft und Herz Schleswig-Holsteins ein. Zwar hatte der neue Bundeskanzler, Gerhard Schröder (SPD), seinerzeit noch versucht, den lange nahenden und doch so plötzlich hereinschneienden Nackenschlag doch noch irgendwie abzuwenden, doch nach dem Veto Dänemarks blieb es endgültig bei der Umsetzung der EWG-Richtline 12 von 1992. Der steuerfreie Wareneinkauf war somit ab 1. Juli 1999 verboten. Sogar die verkehrstechnisch bedeutenden Routen wie Gelting-Faaborg, die Jahr für Jahr Hunderttausende Passagiere befördert hatten, wurden postwendend eingestellt.

Tausende Bedienstete verloren durch den Wegfall des Wirtschaftssektors „Duty Free“ ihre Jobs und mussten sich nach anderen Tätigkeiten umsehen. Schwere Zeiten für die Menschen in Schleswig-Holstein. Und was passierte mit den Butterfahrtenveteranen aus Stahl, sprich den Schiffen?

Zum Teil speziell für die Butterfahrten auf der Ostsee gebaut, mussten für die hohen Schiffe neue Nutzungsformen gefunden werden. Wenn das wenig vielversprechend erschien, wurden sie den außereuropäischen Reedereien angeboten.

Diese konnten hier so manches Schnäppchen schlagen, denn die Pötte waren robust und unter hohen Standards gebaut worden. Dazu waren sie auf viele Passagiere ausgelegt, manche boten reichlich Platz für Entertainment und große Schlunde mit viel Stauraum für Waren oder Fahrzeuge. So war es dann auch kein Wunder, dass die ehemaligen Umschlagplätze für Schnaps und Zigaretten zum Exportschlager wurden und sich bald in exotischen neuen Heimathäfen in aller Welt wiederfanden. Unter neuer Fahne schrieben sie große Geschichten, von denen wir im ersten Teil unserer Serie fünf vorstellen möchten.

MS Apollo/Gelting Nord – Packeisfähre auf Neufundland

Foto: dpa
 

Die heutige MS Apollo war lange Jahre ein echter Weltenbummler. 1970 in der Meyer-Werft in Papenburg gebaut, bediente sie zunächst die schwedischen Hafenstädte und gewöhnte sich früh an die eisigen Wogen. Bei einer Zwangsversteigerung 1980 schnappte die Reederei Nordisk Færgefart zu, taufte die Fähre in „Gelting Nord“ um und setzte sie auf der viel frequentierten Route Gelting-Faaborg zwischen Deutschland und Dänemark ein.

Die 108 Meter lange Fähre wechselte ihre Besitzer und Bestimmungsländer in Folge sehr regelmäßig, ganze neun Mal wurde ihr Name geändert. 1990 fand sich der Pott auf den Bahamas wieder, später dann auf dem Ärmelkanal.

1999 charterte der ehemalige Besitzer Nordisk Færgefart die Fähre, die jetzt wieder Apollo hieß, und nutze sie anstelle der bereits nach Kroatien verkauften „Langeland III“ auf der Route Kiel-Bagenkop. Ein halbes Jahr später ging das Kapitel Butterfahrt zu Ende. Das Schiff wurde in einer 16-tägigen Überfahrt nach Neufundland an der Ostküste Kanadas gesteuert.

Foto: Dave Leyden
 

Hier fand die vorher haltlose Apollo offenbar ihre Bestimmung: Für die Reederei Woodward Group transportiert sie seit 2000 Fahrzeuge, Passagiere und Güter zwischen St Barbe/Neufundland und dem nahe der Grenze von Labrador gelegenen Blanc Sablon in der kanadischen Provinz Quebec. Die Eisberge, die sich regelmäßig vor der Küste tummeln, das launige Wetter in der Region und der harte Frost konnten dem robusten Seefahrzeug bisher nichts Großes anhaben. 2008 brach ein leichtes Feuer an Bord aus, das aber schnell gelöscht werden konnte. Beizeiten ebnet der Apollo ein Eisbrecher den Weg. Dave Leyden, Betriebsleiter der Reederei, lobt sein Schiff in den höchsten Tönen: „Trotz ihres Alters leistet die Apollo in dieser Region sehr gute Dienste.“

Gelting Syd/MS Atlas – Charterschiff in Marokko

Sie war ein gern gesehener Farbtupfer in der Landschaft Angeln: Die Autofähre Gelting Süd.
Sie war ein gern gesehener Farbtupfer in der Landschaft Angeln: Die Autofähre Gelting Süd. Foto: G. Bonsen

Die 1975 zuerst als „Stella Scarlett“ getaufte Autofähre übernahm als „Gelting Syd“ 1981 den Fährdienst der Gelting Nord in der westlichen Ostsee zwischen Gelting Mole und Faaborg auf Fünen. Zwei Restaurants, eine Cafeteria, zollfreie Genussmittel und der Stellplatz für 135 Pkw boten den Fahrgästen die spottbillige Möglichkeit eines Kurzausflugs, der die Strecke nach Kopenhagen praktischerweise um einiges verkürzte.

Die Betreiber sollten es später bereuen, dass sie der Route nach dem Fall des Duty Free keine Chance mehr einräumten. Die Fähre wurde 1999 postwendend nach Casablanca verkauft. Die Reederei „International Maritime Transport“ (IMTC) übernahm das rote Schiff, das in Svendborg daraufhin erstmal einen weißen Anstrich bekam und fortan auf den Namen „MS Atlas“ hörte. Zwischen der Stadt Tanger und den südspanischen Häfen Algeciras und Cadiz operiert die alte Gelting Syd seitdem.

2006 hatte es die unvergessene Fähre, die viele Jahre lang Hunderttausende Urlauber, unternehmungslustige Rentner und Alkoholtouristen zwischen Gelting Mole und Faaborg hin und her geschippert hatte, beinahe unerkannt noch mal in die Medien geschafft: Als „MS Atlas“ hatte sie das Schnellboot „Avemar Dos“ gerammt und dem modernen Schiff gehörige Schäden zugeführt. Fünf Menschen wurden verletzt, die massive Atlas kam dagegen vergleichsweise unbeschadet davon. 2010 schlugen ihr die hohen Wellen in der Straße von Gibraltar noch einmal die oberen Fenster aus, sonst kam sie auch in der Fremde gut klar.

Die alte „Gelting Syd“ im Jahr 2007.
Die alte „Gelting Syd“ im Jahr 2007. Foto: Neill Rush

Viel schwerwiegender als die Unglücke traf die „Altlas“ die Insolvenz der Reederei vor einem Jahr. Ihre Zukunft ist ungewiss. Im Frühjahr 2015 wurde sie stillgelegt und die im Sommer fällige Maschinenprüfung wurde nicht mehr durchgeführt. Nach dem Ende der Träume von der Wiederbelebung der Linie Gelting-Faaborg ist die Wiederkehr eines der charismatischsten Schiffe der Butterfahrt-Epoche nach SH kein Thema mehr.

Pacific Queen/Hansaline – Panama-Gondel

Foto: Archiv

Klein, aber legendär: Der Fördedampfer MS „Hansaline” wurde 1968 für die Reederei Hansa Linien A/S in Sonderburg gebaut. Seine bis zu 350 Passagiere an Bord beförderte er hauptsächlich auf den Routen Sonderburg – Gelting und Flensburg – Kollund. 1976 kaufte eine Bremer Reederei das Schiff und ließ sie unter der Flagge Panamas fahren. Nach fünf Jahren in Griechenland kam das Schiff 1986 nach Flensburg zurück. Die „Viking“-Reederei ließ die Hansaline noch bis 2003 auf dem Fördetörn Flensburg – Kollund – Glücksburg Heimatluft schnuppern. Dann kam das Aus.

Mangels TÜV wurde sie aus dem deutschen Seeverkehr gezogen. In der Kieler Friedrichswerft umgebaut, die unteren Salonfenster verschweißt, den unteren Salon zum Schlafsaal umfunktioniert und mit zusätzlichen 32.000 Litern Diesel an Bord, ging sie auf Überführungstour nach Panama. Dort erfreut sie sich noch heute als „Pacific Queen“ bester Gesundheit und bootet weiterhin amerikanische Kreuzfahrt-Touristen auf ihren drei Decks aus.

Für viele war es damals verwunderlich, dass es ein so kleines Schiff auf eigenem Kiel über den großen Teich schaffte. Die abenteuerliche, 42-tägige Überführung des Mini-Liners nach Panama sorgte aber allemal für großes Aufsehen.

Foto: sh:z

Auf der Nordsee musste das Schiff gleich gegen einen Gewittersturm andampfen. In England wurde dann ein Reparaturstopp nötig, weil die eingespielte Flensburger Vier-Mann-Besatzung mit Problemen am Steuergerät zu kämpfen hatte. Aufgrund von Zahlungsproblemen mit der Hafengebühr mit den neuen Besitzern saß die Hansaline beinahe zwei Wochen lang im Hafen von Las Palmas fest. Es war eine schaukelige und anstrengende Tour. Am Schlimmsten aber setzten die glühend heißen Temperaturen in der Karibik Schiff und Besatzung zu. Als der Kapitän am Ende gefragt wurde, ob er so eine Überfahrt nochmals machen würde, soll er geantwortet haben „Nöö, datt langt! Sowas macht man nur einmal im Leben“

Galapagos Legend/MS Helgoland – Kreuzfahrtschiff Galapagos

Hospitalschiff, Prunkstück, Butterfähre, Kreuzfahrtdampfer: 1963 in Hamburg für die die Reederei HADAG als Seebäderschiff gebaut, erreichte die MS Helgoland einen beinahe mystischen Status, noch lange bevor sie im zollfreien Handel eingesetzt wurde. Das Deutsche Rote Kreuz mietete das Schiff ab 1966 und setzte es nach aufwändigen Umbauten im Auftrag der Bundesregierung bis 1972 als schwimmendes Krankenhaus – offiziell bezeichnet als „Hospitalschiff Helgoland“ in Vietnam ein. Es verfügte seinerzeit über drei Operationssäle und 150 Betten.

Als es dieser Tätigkeit 1972 nicht mehr bedurfte, siedelte sie ins Hafenbecken der schwedischen Hauptstadt Stockholm über, von wo sie unter dem Namen Stena Finlandica die See-Verbindung ins finnische Mariehamn herstellte. Mit reichlich Bier, Schnaps und Zigaretten an Bord operierte sie beizeiten auch zwischen Kiel und Korsør.

Als „Baltic Star“ kam sie 1975 zur Förde-Reederei und half, die Verbindungen zwischen Travemünde und Rødbyhavn/später Warnemünde zu etablieren. Mit einer Kapazität von 1500 Passagieren war sie lange Zeit das größte auf der Ostsee verkehrende Seebäderschiff.

Foto: Screenshot www.galapagosisland.net

Auch nach Ende der Butterfahrten war das „weiße Schiff der Hoffnung“, wie es in Vietnam genannt wurde, weltweit gefragt. 2000 kaufte die Reederei Latin Cruises in Georgetown auf den Cayman Islands in der Karibik das sagenumwobene Schiff. Umbenannt in „Galapagos Legend“ und umfunktioniert zum Kreuzfahrtschiff, bereitete die ehemalige Helgoland den Passagieren auf den Galápagos-Inseln ein edles und geschichtsträchtiges Reisevergüngen. 2006 wurde sie an eine Reederei in Ecuador verkauft für die sie nach wie vor als hochpreisiges Kreuzfahrtschiff mit bis zu 100 Passagieren an Bord zwischen den Inseln im Einsatz ist, die nun ihre Heimat sind.

MS Afrodite – Luxus-Partyschiff im Libanon

Foto: Wikimedia Commons, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Es ist nun auch schon eine Weile her, dass die „Afrodite“ die heimischen Küsten als Fahrgastschiff mit ihrer Anwesenheit beehrte. Als Butterfähre lernte das 1964 in Elmshorn gebaute Schiff, das 28 Jahre lang in Besitz der Flensburger Förde-Reederei war, die meisten unserer Ostseehäfen kennen. So schipperte es von Kappeln, Flensburg, Heiligenhafen, Langballigau und Glücksburg und Kiel auf ständig wechselnden Routen zu den dänischen Hafen Faaborg, Ærøskøbing, Sonderburg, Rødby und Apenrade. 1998 umbenannt zur „Nordlicht“, erlebte sie das Ende der Butterfahrt auf der Route Langballigau-Sonderburg im Auftrag der Kappelner Reederei Gert Müller.

Nach dem Ende von Duty Free war die 55 Meter lange Afrodite nur schwer an den Mann zu bringen und lag viel vor Anker. 2004 bot sich ihr ein Intermezzo als Elbfähre in Wischhafen, das bald darauf in der Insolvenz endete. Zwei Jahre später wurde sie nach Husum überführt, wo sie aufgemöbelt werden sollte. Eigentlich hatte es nur ein kurzer Aufenthalt sein sollen, doch Auseinandersetzungen mit dem damaligen Eigentümer sorgten seinerzeit dafür, dass sie an die Kette gelegt wurde. Nach langem Hin und Her wurde sie dann schließlich zum Verkauf freigegeben – ihr Weg in den Libanon war damit geebnet.

Im November 2009 ging Afrodite dann auf große Fahrt in Richtung Beirut. Hier sollte sie mit Millionenaufwand zu einer Exklusivjacht umgebaut werden. Das mutig gewählte Abfahrtdatum erwies sich für den vernachlässigten Kahn allerdings als ungeeignet. Schon im Ärmelkanal stotterte die Afrodite – ein Maschinenschaden. Die griechische Crew musste sie ins nah gelegene Hythe/Südengland lenken. Eine kostspielige Reparatur wurde fällig.

Nach all den Strapazen und den Jahren der Einsamkeit erlebt die alte Dame heute einen fröhlichen Herbst im nahen Osten: Unter togolesischer Flagge dient das schwimmende Fünf-Sterne-Hotel als exklusives Partyschiff. Sieht man von der Lautstärke ab, ist alles in Butter.

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