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Rader Hochbrücke und Nord-Ostsee-Kanal : Schleswig-Holstein, Land der maroden Infrastruktur

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Die Rader Hochbrücke, die Schleusen am Nord-Ostsee-Kanal, die Molen im Marinehafen in Eckernförde: marode. Experten warnen vor Image-Schäden in Schleswig-Holstein.

Kiel | Längst geht es nicht mehr nur um die Fragen nach politischer Verantwortung und zeitweiligen Ausweichrouten. Seit zwei Wochen ist die Rader Hochbrücke gesperrt - und Experten aus Industrie und Wirtschaft warnen, dass der Standort Schleswig-Holstein zunehmend in Gefahr gerät. Denn das Bild vom Norden hat im Rest der Republik längst Risse bekommen. Bereits jetzt ist absehbar, dass die Schäden für die Wirtschaft in die Millionen gehen werden. Erste Unternehmen ziehen bereits Konsequenzen aus der angespannten Verkehrssituation. Und auch die viel diskutierte Energiewende erhält einen gewaltigen Dämpfer.
Zwei größere Logistikbetriebe aus dem Norden haben Thomas Rackow zufolge bereits ihre Standorte von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen verlagert. Die Großen hätten meist ein gutes Gespür bei langfristigen Entwicklungen, so der Geschäftsführer der Fachvereinigung Spedition und Logistik Schleswig-Holstein. Mit anderen Worten: Viele weitere Betriebe könnten folgen. 75 Prozent des Warenverkehrs finden Rackow zufolge über die Straße statt, ein Ausweichen auf die Schiene sei oft nicht möglich. Den Logistiker Voigt in Neumünster, eines von zwei Unternehmen im Land, das Lang-Lkw einsetzt, trifft dies in besonderer Weise. Eine Route der überlangen Gespanne führte bislang über den Kanal. Jetzt aber muss der sogenannte Gigaliner stehen bleiben. Auf Alternativrouten gen Norden kann das Unternehmen nach eigenen Angaben nur mit seinen normalen Lastwagen fahren.

Altersruhesitz Schleswig-Holstein

"Wir stehen auf der Kippe und müssen uns überlegen, ob wir ein mittelständisch geprägtes Land sein wollen", sagt Rackow. Die Alternative sei, dass der Norden nur noch vom Tourismus lebe und das Land ein Altersruhesitz der Reichen werde.
Tatsächlich sieht es an der Tourismus-Front kaum besser aus. Auch Gäste wollen bewegt werden - und nicht im Stau stehen. "Unsere Busunternehmen aus dem touristischen Bereich sind ganz erheblich betroffen von der Sperrung", sagt Joachim Schack vom Omnibusverbandes Nord (OVN). Selbst wenn der Kanaltunnel in Rendsburg vollständig freigegeben werde, sei das kein Königsweg. 20 bis 30 Prozent sämtlicher Buchungen würden regulär noch bis Ende des Jahres eingeholt werden. Viele Unternehmen nördlich des Kanals werden diese Werte nach Schacks Einschätzung aber nicht mehr erreichen. "Der Schaden ist da." Und: "Ich weiß von einer Reihe von Unternehmen, bei denen Fahrten storniert worden sind." Daneben hätten Unternehmen selbst Fahrten absagen müssen, da sie zum Beispiel das Erreichen von Fähren zu den jeweiligen Zeiten nicht länger garantieren konnten.

Lob für die Regierung in Kiel

Auch Schleswig-Holsteins Nachbarn bekommen die Probleme zu spüren. "Bislang bemühen sich die Unternehmen noch nicht um Alternativrouten, da die Umstellung auf neue Verkehrswege zu kostspielig ist", schilderte eine Sprecherin der Deutsch-Dänischen Handelskammer in Kopenhagen die Situation. Und selbst wenn sie dies täten, wären die Ausweichmöglichkeiten gering. "Der Transport über die Route Rødby-Puttgarden ist nur eine Alternative für Transportlieferungen aus Seeland, für Transporte aus Jütland ist der Umweg zu groß", sagt sie mit Blick auf den nördlichen und südlichen Teil Dänemarks. Die Folgen könnten ihr zufolge bald die Verbraucher zu spüren bekommen. "Der Endpreis für transportierte Güter könnte mittelfristig steigen."
Wer in diesen Tagen mit Unternehmensverbänden und Wirtschaftsförderern im Land spricht, bekommt viel Lob für die Regierung in Kiel zu hören - dafür, wie sie das Thema inzwischen anpacke. Auch Pascal Ledune, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Rendsburg-Eckernförde, äußert sich so. Zugleich verschweigt er eines nicht: "Im Wettbewerb der Standorte ist es so, dass Unternehmen eine perfekte Infrastruktur erwarten." Dass sich mit der gegenwärtigen Situation nicht werben lasse, sei klar. Kaputte Schleusen am Nord-Ostsee-Kanal, einstürzende Molen im Marinehafen von Eckernförde und eben die gesperrte Rader Hochbrücke - zuletzt sorgte der Norden vor allem mit solchen Geschichten für Schlagzeilen. Ledune betont aber: "Die Probleme in der Infrastruktur gibt es nicht nur in Schleswig-Holstein." In ganz Deutschland gebe es einen massiven Investitionsstau.
Die Situation mit der Rader Hochbrücke sei zunächst einmal ärgerlich, sagt auch Martin Kruse, Verkehrs experte der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein. Problematisch könne es ihm zufolge daher nicht jetzt, aber in der Zukunft werden: "Wenn das häufiger auftritt, ist das etwas, was Schaden hinterlässt." Er warnt: "Wir müssen aufpassen, dass dieses Bild sich nicht in den Köpfen festsetzt." Und auch Wirtschaftsförderer Ledune betont: "Das ist nicht das Image, das wir wollen."

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erstellt am 12.Aug.2013 | 01:33 Uhr

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