Küstenschutz : Schleswig-Holstein ist gerüstet für Sturmfluten - zunächst

Sturmflut auf Sylt: Höhere Deiche helfen bald nicht mehr. Es müssen andere Maßnahmen zum Schutz der Küsten getroffen werden. Foto: dpa
Sturmflut auf Sylt: Höhere Deiche helfen bald nicht mehr. Es müssen andere Maßnahmen zum Schutz der Küsten getroffen werden. Foto: dpa

Noch halten die Deiche - aber in Zukunft müssen andere Maßnahmen zum Küstenschutz her. Ideen gibt es einige.

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27. November 2011, 09:15 Uhr

Schleswig-Holstein ist nach Überzeugung des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) gut für die Sturmflutsaison gerüstet. "Die Deiche an Nordsee, Ostsee und Elbe sind in einem guten Pflegezustand", sagte LKN-Direktor Johannes Oelerich. Er hatte in den vergangenen Wochen gemeinsam mit den Sielverbandsvorstehern und den Deichgrafen die Deiche abgelaufen, um den Zustand zu überprüfen. "Was machbar ist, wurde auch gemacht, um sicher durch den Winter zu kommen", betonte Oelerich.
Schleswig-Holsteins Küsten an Nord- und Ostsee sind knapp 1200 Kilometer lang. Davon entfallen 553 Kilometer auf die Westküste (297 Kilometer Festland, 195 Kilometer Inseln und 61 Kilometer Halligen) sowie 637 Kilometer auf die Ostküste (388 Kilometer Festland plus 162 Kilometer für die Schlei und 87 Kilometer für die Insel Fehmarn).
50 Millionen Euro jährlich fließen in den Küstenschutz
Seit rund tausend Jahren bauen die Schleswig-Holsteiner immer höhere Wälle, um sich gegen das Meer zu schützen. Doch letztendlich gibt es keinen Deich, der einen hundertprozentigen Schutz bietet gegen den "Blanken Hans" - wie die Einheimischen die Nordsee bei Sturmflut ehrfurchtsvoll nennen.
So sind auch heute noch fast ein Viertel der Landfläche in Schleswig-Holstein (rund 3700 Quadratkilometer) bei Sturmfluten von Überschwemmungen bedroht. In diesen Regionen an Nord- und Ostsee müssen 344.000 Menschen sowie Sachwerte in Höhe von 47 Milliarden Euro geschützt werden.
Rund 50 Millionen Euro investiert das Land jährlich in seinen Küstenschutz, seit einem halben Jahrhundert erfolgreich. Seit der letzten Flutkatastrophe von 1962 ist es weder zu Toten noch zu größeren Sachschäden gekommen, wie es in einem Bericht zum Thema Küstenschutz des Kieler Umweltministeriums heißt.
Alternativen zu den Deichen gesucht
Doch der Meeresspiegel steigt unaufhaltsam und immer schneller an.
Für den norddeutschen Küstenraum gibt es dazu bislang nur wenige Prognosen. Es gilt jedoch als sicher, dass die Region stärker als bisher durch Sturmfluten bedroht sein wird. Experten vermuten, dass der Meeresspiegelanstieg in der Nordsee und in der südlichen Ostsee wegen der flachen Meeresbecken über dem mittleren globalen Wert liegen wird. Die Prognosen der UNO zum Klimawandel gehen bis zum Jahre 2100 von einem globalen Anstieg des Meeresspiegels zwischen 18 und 59 Zentimetern aus.
Inzwischen suchen Wissenschaftler und Ingenieure nach Alternativen zu den klassischen Deichen aus Kleiboden mit Sandkern und Grasdecke.
Klappdeiche und schwimmende Häuser
Eine moderne Erfindung ist der sogenannte Klappdeich auf der Hallig Hooge. Seine Wände stehen wie ein rechtwinkliges Scharnier zueinander und machen sich die Kraft der Fluten zunutze. Der Klappdeich kann bei Bedarf in wenigen Minuten aufgebaut werden.
Ein anderer Weg mit der Flut zu leben sind Häuser, die ohne Keller auf kleinen Hügeln - den sogenannten Warften - gebaut werden. Das waren früher die Haubarge auf Eiderstedt, rechteckige Bauernhäuser, die auf hölzernen Ständern stehen. Die Mauern im Erdgeschoss haben beim Haubarg keine tragende Funktion und können bei Sturmflut problemlos dem Wasser geopfert werden, während sich Bewohner in die sicheren, oberen Stockwerke zurückziehen. Eine andere Idee sind schwimmende Häuser - eine Mischung aus Haus und Boot. Sie schwimmen bei Hochwasser einfach auf.
Küsten anheben, Marschen fluten?
Eine völlig andere Methode hat der Sylter Meeresforscher Karsten Reise entwickelt. Statt das Land vor dem Meer zu schützen, will der Wissenschaftler letztendlich die gesamte Region neu gestalten, um sie an den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels anzupassen. Vor den Deichen will der Professor das Watt und die Küsten mit Sandaufspülungen anheben und "achtern Diek" die Marsch zum Teil unter Wasser setzen. Gebäude sollten wieder auf Warften und Wurten angelegt werden oder bei Bedarf schwimmen können - verbunden mit Brücken und Dämmen.
"Wo heute nur Weiden und Felder mit einigen Gräben sind, würden unsere Enkel eine Seenlandschaft finden." Die Deiche würden dabei weiterhin als Sturmflutbarrieren bleiben. "Meine Vision ist die einer attraktiven Ferienlandschaft."

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