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Orkantief „Christian“ : Schleswig-Holstein im Ausnahmezustand

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Tote, Stromausfälle, Verkehrschaos, schulfrei: So tobte Tief „Christian“ in Schleswig-Holstein. Auf Sylt wurden Erinnerungen an den zerstörerischen Sturm „Anatol“ von 1999 wach.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2013 | 07:00 Uhr

Das Orkantief „Christian“ hat am Montag für Chaos in ganz Deutschland gesorgt. Der Sturm forderte bundesweit mindestens sieben Todesopfer – auch im Norden. In Flensburg wurde ein Mann von einem Baum erschlagen, in Heiligenhafen (Kreis Ostholstein) wurde eine 66-Jährige tödlich von einer einstürzenden Mauer auf ihrer Terrasse getroffen.

Mit bis zu 173 Stundenkilometern fegte der Orkan seit dem Mittag durch Schleswig-Holstein – dieser Wert wurde in St. Peter-Ording gemessen. Das ARD-Wetterstudio maß eigenen Angaben zufolge sogar einen neuen Rekord bei den Windgeschwindigkeiten für Norddeutschland. Die Stationen auf Helgoland und Borkum hätten am Nachmittag jeweils 191 Stundenkilometer verzeichnet, etwa acht km/h mehr als der bisherige Topwert, teilte ein Sprecher vom zuständigen Unternehmen Bavaria Film aus München mit. Erst am Abend wurde die Warnung vor extremen Orkanböen aufgehoben.

Das Unwetter hat zu einer Reihe von Stromausfällen geführt – zunächst vor allem an der Westküste und später in ganz Schleswig-Holstein. Auslöser für die Störungen waren umherfliegende Äste, die sich in Hochspannungsleitungen und Umspannwerke verfangen hatten oder in die Leitungen gestürzte Bäume. Die Schleswig-Holstein Netz AG zog alle verfügbaren Kräfte an den Brennpunkten zusammen.

Auch der Straßen- und Schienenverkehr brach teilweise zusammen. Auf der A 7 gab es mehrere Unfälle. Die Lage war für die Polizei und die Feuerwehren sehr unübersichtlich. Die Rader Hochbrücke wurde wegen des starken Windes komplett gesperrt, die Fehmarnsundbrücke für Lkw und Anhängergespanne. Der komplette Regionalverkehr der Deutschen Bahn und der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) in Schleswig-Holstein wurde eingestellt. Laut einem Sprecher der Deutschen Bahn sollen auch heute viele Strecken gesperrt bleiben. Dies gelte für die Linien Lübeck-Puttgarden, Kiel-Flensburg, Pinneberg-Elmshorn, Neumünster-Padborg und Itzehoe-Husum.

Auf der Bahnstrecke Husum-Westerland fuhr ein Zug der NOB im Bereich Bredstedt gegen einen umgestürzten Baum. Dabei sprang eine Achse des Zuges aus dem Gleis. Die 60 Reisenden im Zug wurden evakuiert. Auch der Fährverkehr zu den Inseln und Halligen wurde unterbrochen.

In den Kreisen Nordfriesland und Dithmarschen wurden die Schüler mittags sicherheitshalber nach Hause geschickt. In Flensburg und Nordfriesland bleiben die öffentlichen Schulen auch heute geschlossen.

Auf Sylt wurden Erinnerungen an den zerstörerischen Sturm „Anatol“ von 1999 wach. Damals sei der Wind 180 Stundenkilometer schnell gewesen, sagte die Sylter Bürgermeisterin Petra Reiber, nun bis zu 160. „Das ist schon eine beängstigende Situation.“ Sie habe ihren Mitarbeitern anheimgestellt, nach Hause zu gehen. Es seien Bäume, Bänke und Fahrräder umgestürzt, Dachteile herabgerissen worden, Strom ausgefallen, das Telefonnetz teilweise zusammengebrochen. „Und die Luft ist nicht mehr klar“, getrübt von Sand und Unrat, „wie bei Nebel, sehr schlechte Sicht“. Es seien zwar noch Leute unterwegs, „aber längst nicht so viele wie sonst“.

Bei der Polizei in Schleswig-Holstein waren alle verfügbaren Kräfte im Einsatz. Mehrere Hundert Hilferufe konnten laut Landespolizeiamt nur zeitverzögert bearbeitet werden. Eine Bilanz der Einsätze werde es nicht vor heute Mittag geben. Es gab jedoch zahlreiche Verletzte.

Die Feuerwehr in Hamburg hatte allein in neun Stunden mehr als 170 Einsätze gezählt. Über 140 Bäume seien umgefallen, viele Autos seien beschädigt worden, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auf dem Hamburger Flughafen konnten 1300 Fluggäste zunächst nicht aussteigen. Die Abfertigung musste eingestellt werden. Zeitweise standen deshalb bis zu 13 Flugzeuge auf dem Vorfeld, zudem wurden mehrere Flüge nach Hamburg gestrichen.

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