Zivilisation und Klimawandel : Schlechte Aussichten für die Saimaa-Robben

Kimmo Saarinen erklärt  an einem Präparat in der kleinen Ausstellung die Biologie der Saimaarobben. Foto: Schulz
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Kimmo Saarinen erklärt an einem Präparat in der kleinen Ausstellung die Biologie der Saimaarobben. Foto: Schulz

Die Fischerei ist immer noch das größte Problem für die Saimaa-Robben in Finnland. Dort hofft man, dass die uneinsichtigen Fischer vor den Robben aussterben.

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24. Juli 2009, 10:20 Uhr

Imatra | "War es schwierig, den Treffpunkt zu finden?" Aus dem quietschgelben Kleinwagen, der neben mir hält, lacht Dr. Kimmo Saarinen mich jungenhaft an. Ich bin in Imatra am Saimaa, dem größten See Finnlands. Hier, im Südosten des Landes, nur zehn Kilometer von der russischen Grenze, will ich mehr über die geheimnisumwitterten Saimaa-Robben erfahren.

Auf kleinen Schotterwegen fahren wir durch parkähnlichen Wald und erreichen eine Villa am Hang direkt über dem See. Die Terrasse ist genau der richtige Platz für unser Gespräch: 20 Meter weiter unten plätschert das Wasser des Saimaa ans Ufer. Kimmo, im gelben blumenbedruckten T-Shirt, ist sichtlich stolz auf seinen idyllisch gelegenen Arbeitsplatz: "Vor vielen Jahren war es das Wohnhaus des Chefarztes einer Klinik", erzählt er. Jetzt sei es Standort des privat getragenen "Südkarelischen Allergie- und Umweltinstituts".

Wenn Kimmo Saarinen erzählt, dann lacht er viel. Aber sobald es ums Thema geht, wird er ernst und überzeugt mit fundiertem Wissen. Nicht umsonst ist der Biologe im Alter von gerade mal 38 Jahren Institutsleiter, Naturschutzbeauftragter und Dozent an der Universität. Die Betreuung seiner beiden Söhne (drei und neun Jahre alt) teilt Kimmo sich mit seiner Frau, die ebenfalls voll im Berufsleben steht. Trotz seiner vielfältigen Aufgaben schafft er es, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.
Gerade einmal 100 Tiere hatten um 1980 überlebt
Als Wissenschaftler ist Kimmo Saarinen hauptsächlich an Schmetterlingen interessiert. In Sachen Naturschutz liegt sein Schwerpunkt bei den Saimaarobben, einer Unterart der in der Ostsee heimischen Ringelrobben. "Schätzungen gehen davon aus, dass früher einmal 5000 bis 6000 Robben im Saimaasee lebten", erzählt Saarinen. Damals war die Fischerei dort noch ein wichtiger Erwerbszweig, und die tierischen Konkurrenten wurden erbittert verfolgt: "Bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts hat man den Jägern Prämien für jede erbeutete Robbe bezahlt." Gerade mal 100 Tiere hatten um 1980 die Bejagung überlebt. Dank dann eingeführter Schutzmaßnahmen stieg der Bestand zwischenzeitlich auf wieder etwa 300 Robben an. Seitdem verheißen die jährlichen Zählungen nichts Gutes. Heute leben noch etwa 260 Tiere - Tendenz: abnehmend.

"Die Fischerei ist noch immer ein großes Problem für die Saimaarobben", erklärt Kimmo Saarinen. Nur seien es heute nicht mehr Berufsfischer, die die Tiere gefährden, sondern Hobby- und Nebenerwerbsfischer: "In deren Stellnetzen in Ufernähe ertrinken alljährlich bis zu 50 Prozent aller Robbenbabys." Mit seinen Mitstreitern kämpft Saarinen deshalb für ein zweimonatiges Verbot der Stellnetzfischerei im Frühjahr - bisher leider ohne Erfolg. "Wir hoffen darauf, dass die alten, uneinsichtigen Fischer vor den Robben aussterben", lacht Kimmo, meint es aber irgendwie ernst. "Das Schlimme daran ist: Von den beiden Faktoren, die die Saimaarobben bedrohen, könnte man diesen ganz leicht und schnell abstellen." An der zweiten Bedrohung dagegen lasse sich kurzfristig nichts ändern.
"Am fehlenden Schnee können wir nichts ändern"
Und damit sind wir beim Klimawandel. Saimaarobben gebären ihre Jungen normalerweise in Schneehöhlen, die sie sich auf dem Eis oder am Strand graben. Aber in Folge der steigenden Temperaturen gibt es von Jahr zu Jahr weniger Schnee. "Während der letzten beiden Winter mussten die Robben ihre Jungen auf blankem Eis oder den Felsen zur Welt bringen", weiß Saarinen. "Auch im Winter fallen die Niederschläge jetzt häufig als Regen. Die für die Höhlen erforderliche dicke Schneeschicht kann sich somit nicht mehr aufbauen." Viele der Babys würden deshalb erfrieren oder Füchsen, Wölfen und Bären zum Opfer fallen. Zusätzlich nehme der Verkehr mit Motorschlitten und Autos auf dem Eis stetig zu, stellt Saarinen fest. Mit schlimmen Folgen für die ungeschützt auf dem Eis liegenden Robbenbabys: Sie folgen ihren fliehenden Müttern ins Wasser, und ihre Sterblichkeit steigt dramatisch an.

Inzwischen sind wir über eine Felstreppe vom Institut hinunter zum See gestiegen. Während wir über die knirschenden Kiesel am Ufer entlang wandern, frage ich den Biologen, wie er die Zukunft für die Saimaarobben sieht. "Sehr schlecht, leider", meint Kimmo Saarinen bedrückt. Das alljährliche Monitoring durch die Behörden mache deutlich, dass trotz des Schutzes die Zahlen der Robben alljährlich zurückgehen. Zwar werde man die hohen Verluste in den Stellnetzen hoffentlich in naher Zukunft beseitigen können. "Aber am fehlenden Schnee können wir leider nichts ändern", bedauert Kimmo. Aus seiner Stimme höre ich erstmals so etwas wie Resignation.

Die sh:z-OstseeTour: Seit dem 18. Juni ist Holger Schulz exklusiv für unseren Verlag auf "sh:z OstseeTour". Mit einem Kleinbus umrundet er das Baltische Meer, um über verschiedene Aspekte des Klimawandels zu berichten.

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