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Sylt : Schandflecken auf der schönsten Insel

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Mit zwei Schandflecken muss Sylt leben: den Baupleiten Keitum-Therme und Wenningstedter Kurhaus. In beiden Fällen streiten sich Gemeinden und Investoren.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2008 | 05:11 Uhr

Die Wenningstedter Kliffmeile zählt zu den beliebtesten Flecken auf Deutschlands Ferieninsel Nummer eins. Doch den Sylt-Gästen wird dort der Genuss ihres Prosecco oder ihrer Scampi an den vielen Gastronomie-Plätzen unter freiem Himmel seit drei Sommern gehörig vermiest - durch Sand, der zwischen den Zähnen knirscht. Er stammt nicht vom Strand unterhalb der Kliff-Kante, sondern aus dem Bauloch, das der Abriss des alten Kurmittelhauses im Frühsommer 2006 in erster Strandreihe hinterlassen hat.

Längst sollte dort ein Tourismus-Komplex mit Hotel, Geschäften und der neuen Kurverwaltung gebaut werden. Doch verursacht durch einen Fehler der Gemeinde bei der Ausschreibung und einer neuen politischen Mehrheit seit der Kommunalwahl, liegt die Gemeinde mit Investor Herman Densch im Clinch. Und zwar zu Lasten der Urlauber, die sich über den Schandfleck in bester Lage ärgern. Er ist seit kurzem zumindest zugeschüttet.
Vertrag mit Formfehlern

Der Streit zwischen dem Flensburger Unternehmer, der für Abriss- und Planungskosten mit knapp zwei Millionen Euro entschädigt werden will, und der Gemeinde landete nach einem gescheiterten Vergleich vor dem Oberlandesgericht. Es urteilte, dass der Erbbaupachtvertrag mit Densch Formfehler enthält. "Der Vertrag ist ungültig. Das Grundstück gehört der Gemeinde. Dadurch, dass man essen geht, gehört einem doch nicht das Restaurant", sagt Wenningstedts Bürgermeisterin Karin Fifeik mit Blick auf die Vorleistungen des Unternehmers. "Wir werden kämpfen und auch klagen, um einen möglichst großen Teil unserer Kosten zurückzubekommen", kündigt Herman Densch an.

Die zweite hässliche große Baupleite auf der Insel der Schönen und Reichen liegt ebenfalls auf einem touristischen Traumgrundstück - direkt am Watt, mitten in einem Bilderbuch-Friesendorf. Die Keitum-Therme sollte die touristische Infrastruktur der Insel durch eine luxuriöse Bäder- und Sauna-Oase bereichern. Das alte Meerwasserschwimmbad wurde dafür abgerissen. Doch der schöne Plan ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Die Baustelle liegt nach mehreren Baustopps seit Anfang des Jahres still, die Gerüste wurden vom Rohbau entfernt. Selbst für Sylter Verhältnisse haben sich die Projektkosten zu sehr aufgebläht - von 15 auf geschätzte 25 Millionen Euro. 8,5 Millionen Euro wurden bereits an den Stuttgarter Investor Uwe Deyle gezahlt. Er wirft der Gemeinde Vertragsbruch und eine absichtlich forcierte Insolvenz seiner Projektgesellschaft vor. Die Sylt-Oster wiederum kreiden dem Unternehmer Erpressung sowie ein bewusst zu knapp kalkuliertes Angebot an und verkündeten kürzlich die "Scheidung" von der Deyle-Gruppe.
Zur Zukunft des Projekts sagt Sylt-Osts amtierender Bürgermeister Erik Kennel: "Wir wollen, dass an Stelle des alten ein neues Bad entsteht. Entscheidend ist, wie hoch die Investitions- und Unterhaltungskosten für die Gemeinde sind." Diese hängen völlig in der Schwebe.
Empfehlung: Abreißen!

Unabhängig vom Ausgang der Streitigkeiten mit Deyle und Densch - das Signal, das von ihnen ausgeht, kann von potenziellen Sylt-Investoren nur als Indiz dafür gewertet werden, dass kleine Gemeinden mit touristischen Großprojekten leicht überfordert sind. Dafür spricht die politisch abgesegnete Kostenverteilung für die Therme (350.000 Euro beim Investor, den Rest von 25 Millionen Euro beim Steuerzahler). "Abreißen, statt ein finanzielles Desaster fortführen", lautet deshalb die Empfehlung des Steuerzahlerbunds.

Dafür spricht auch die ursprünglich satte politische Mehrheit für die Denschen Kurhaus-Pläne, die sogar mit Flyern der Gemeinde an alle Haushalte verteidigt wurden. Durch die Pleite des Projekts gehen Wenningstedt jährlich Erbpachtzinsen von 200.000 Euro verloren. Wer dort neuer Bauherr wird, ist offen. Densch: "Wir waren bereits der dritte Bauträger, den die Gemeinde zur Umsetzung ihrer eigenen Pläne verschlissen hat."

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