Kreis Plön : Schäden durch "Rüttel"-Suche nach Öl

'Da können Sie durchpusten' - Sabine Molck zeigt den Riss in der Außenwand ihres Hauses. Fotos: Ruff
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"Da können Sie durchpusten" - Sabine Molck zeigt den Riss in der Außenwand ihres Hauses. Fotos: Ruff

Ärger im Kreis Plön: Die Suche nach Erdöl sorgt für Schäden an Gebäuden. Wände und Fliesen halten den Vibrationen, die durch die Erdbeben-ähnliche Messtechnik erzeugt werden, nicht stand.

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14. Dezember 2008, 10:14 Uhr

Ascheberg | Der Riss ist wenige Millimeter breit und meterlang. Er zieht sich durch die gesamte Front des 1880 gebauten Hauses, vom Blumenbeet bis zum Giebel. Sabine Molck (52) steht davor und sagt: "Das war wie ein Erdbeben. Wir wussten von nichts, als der Boden und das Gebäude plötzlich zitterten."

Es war jedoch keine Naturgewalt, die Teile der Bahnhofstraße in Ascheberg am frühen Montagabend in Schwingungen versetzte. Ursache war die Suche nach Erdöl. Ein von der RWE-Tochter Dea beauftragtes Unternehmen forscht südöstlich von Kiel nach neuen oder noch nicht erschöpften Lagerstätten. In einem etwa 30 mal 13 Kilometer großen Rechteck zwischen Kiel-Ost und Großem Plöner See finden seismische Messungen statt. Dabei werden nahe der Erdoberfläche Schallwellen durch unterirdische Sprengungen oder spezielle Vibrator-Fahrzeuge erzeugt. Aus dem Echo unter der Erde wird am Computer ein dreidimensionales Abbild des Untergrundes erstellt. Daraus will RWE Dea Schlüsse auf Vorkommen ziehen.
Der Boden vibrierte zehn Sekunden lang
Am Montag rückte ein Messtrupp der Informations- und Planungsservice GmbH in Ascheberg an. Vor der Praxis des Allgemeinmediziners Jürgen J. Molck brachten Geophysiker die tonnenschweren "Rüttel"-Unimogs in Position. Gelbe Markierungen auf der Straße direkt vor dem Eingang zur Praxis zeugen von den Arbeiten. Um 17.30 Uhr vibrierte der Boden zehn Sekunden. Arzt-Gattin Sabine Molck: "Meine Kollegin kommt aus dem Bonner Raum, dort sind Erdbeben ja nicht so selten. Sie dachte, jetzt geht es hier los."

In drei Behandlungszimmern haben die Wände nun Risse. Ein weiterer Raum in der dahinter liegenden Privatwohnung der Molcks ist ebenfalls lädiert. Der Spalt an der Hausfront zieht sich bis nach innen. "Da können sie durchpusten", sagt Sabine Molck, die von den Arbeiten überrascht wurde. "Man hätte uns benachrichtigen müssen. Kurz Bescheid sagen hätte gereicht. In der Praxis stehen viele empfindliche Geräte, die hätten beschädigt werden können, wenn sie während der Vibrationen in Betrieb gewesen wären."

Auch in der Nachbarschaft bröckelte eine Hauswand. Ebenfalls in der Bahnhofstraße schwächelte die Außenmauer eines geklinkerten Gebäudes unter dem Kunstbeben. Über einem Fenster im ersten Stock drohen einige Steine aus der Wand zu fallen.
11.000 Sprengungen geplant
Der dritte Schadensfall in Ascheberg betrifft den bekanntesten Kopf der Gemeinde: Bürgermeister Joachim Runge (59). In seinem 13 Jahre alten Einfamilienhaus zieht sich seit Montagabend eine feine Linie durch den Küchenboden. "Beim Feudeln sagte meine Frau: Hier ist ja ein Riss!" Kaputt sind auch zwei Kacheln im Gäste-WC. Ursache: eine Explosivladung, die unweit des Hauses gezündet wurde.

Runge hat alle Fälle gesammelt und an das Amt Großer Plöner See weitergeleitet. Ob sie tatsächlich in Verbindung mit den Seismik-Messungen stehen, ist noch nicht bewiesen. Weitere Fälle aus dem benachbarten Dersau, wo Mauerrisse in drei Wohnhäusern gemeldet wurden, werden ebenfalls untersucht.

RWE-Dea-Sprecher Derek Mösche sagte, man werde Gutachter in die betroffenen Gebäude schicken. "Wenn wir feststellen, dass die Schäden durch die Messungen verursacht wurden, werden wir sie schnell und unbürokratisch begleichen." Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Messungen befürchtet Mösche nicht. Von den geplanten 11.000 Sprengungen sind erst ein Viertel erledigt.

Aschebergs Bürgermeister Runge erwartet "eine großzügige Regulierung der Schäden". Dass es ausgerechnet ihn trifft, ist nicht ohne Ironie: Er besitzt eine Tankstelle und handelt mit Mineralöl.

Die Seismik-Messarbeiten dauern noch bis Ende Februar. Für Fragen und Meldungen von Schäden hat RWE Dea ein Info-Telefon geschaltet: Tel. 0431/719 49 692

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