Kiel-Gaarden : Rundgang durch die Armut

Vor der neuen 'Trinkhalle' von Hempels im Kieler Brennpunkt Gaarden: Tresenkraft Chris steht vor dem Eingang. Er sagt: 'Betrunken war hier noch keiner.' Foto: Staudt
Vor der neuen "Trinkhalle" von Hempels im Kieler Brennpunkt Gaarden: Tresenkraft Chris steht vor dem Eingang. Er sagt: "Betrunken war hier noch keiner." Foto: Staudt

Besuchertouren in Problemvierteln: Wie in Kiel-Gaarden die Schauplätze des Prekariats besichtigt werden.

shz.de von
29. September 2010, 07:42 Uhr

Kiel | Uringeruch, ganz deutlich. Gleich um die Ecke des Sky-Supermarkts, einen Steinwurf von der Sozialkirche entfernt, riecht es streng, und auf wenigen Quadratmetern verteilt stehen dort Männer und Frauen, die diesen sonnigen Vormittag im Kieler Stadtteil Gaarden mit Bierdose und leeren Blicken verbringen.
Hartmut Rimkus lotst seine Besuchergruppe vorbei, und eine Teilnehmerin, die eben noch von ihrer neuen kleinen Einzimmerwohnung schwärmte, platzt jetzt mit ihrer Bitte heraus. Sie sei Hartz-IV-Empfängerin, ob er nicht einen Ein-Euro-Job für sie habe?
Rimkus, 61 Jahre alt, Diakon und Sozialpädagoge bei der Evangelischen Stadtmission, begleitet an diesem Tag rund 15 Teilnehmer eines neuen "Armut-Rundgangs" durch den Kieler Problemstadtteil. Ein Bündnis aus Stadtmission, der Stadt Kiel, der Kieler Tafel und des Straßenmagazins "Hempels" bietet diese Touren an. Hintergrund ist das Europäische Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung.
Was ist Armut?
Warum er das macht? "Ich will nicht die 36. Podiumsdiskussion veranstalten", sagt Rimkus. Man könnte auch sagen: Die Menschen sollen nicht nur hören, sie sollen sehen. Was ist Armut, was richtet sie an, und wie gehen wir damit um?
Was liegt also näher, als da anzusetzen, wo die Probleme so sichtbar und drängend sind wie eine offene Wunde - in Gaarden am Ostufer. "Das ist der schwierigste Stadtteil von allen", sagt Rimkus. "Migrantenanteil 25 Prozent, die Hälfte der Bewohner von Transferleistungen abhängig, 67 Prozent der Kinder unter fünf Jahren erhalten Sozialleistungen." Noch im Herbst soll es einen neuen Armutsbericht geben. Rimkus geht davon aus, dass die Situation sich verschlechtert hat.
Sechs Stationen hat Rimkus für die Tour ausgesucht, darunter den neuen "Trinkraum" von Hempels, das "Flexwerk", eine Anlaufstelle für Suchtkranke, ein Beschäftigungsprojekt für Wohnungslose, die Zentrale der Kieler Tafel. Ausgangspunkt ist die Sozialkirche St. Matthäus, die mehr Zufluchtsort für Bedürftige ist als Kirche. Vorn im Gebäude der "Tafel-Laden", wo arme Gaardener gegen eine kleine Spende Lebensmittel abholen können, und gleich daneben das "Café Feuerherz", das günstige Preise bietet. Irritiert betrachten später die Menschen draußen vor der Sozialkirche die Gruppe um Hartmut Rimkus. "Was sind das für Teilnehmer?", fragt sich Klaus-Adalbert Hoppe von der katholischen St.-Heinrich-Gemeinde, einer aus der Gruppe, auf dem Weg. "Was sind deren Beweggründe, sich Armut anzusehen, und bewirkt so ein Rundgang etwas?"
Keine Begegnung mit den Menschen im Prekariat
Viele werden sich während der dreistündigen Tour Zigaretten drehen. Viele tragen ein Ansteckschild einer sozialen Einrichtung. Ein paar Vertreter der Kieler Ratsfraktionen sind dabei, unter ihnen der Ratsherr Michael Schmalz (SPD) und sein Vorgänger Eckehard Raupach, "Hempels"-Kolumnist. Ein ergrauter Käppi-Träger empfiehlt sich als "Konflikt-Trainer für die Arbeitswelt". Auch zwei Studenten sind dabei, Marie (26) und Marcin (28) von der Fachhochschule. Sie studieren Soziale Arbeit, wollen erfahren, "wie Vernetzung stattfindet und wie soziale Einrichtungen verteilt sind".
Klaus-Adalbert Hoppe hat am Westufer zu tun, bietet Mittagstische für Obdachlose und Arme an. Was er von der Runde nicht erwartet, ist die "Begegnung mit den Menschen im Prekariat, denen, die im unteren Tiegel der Gesellschaft gelandet sind". Ganz Unrecht hat er damit nicht. Beim kurzen Stopp am neuen "Trinkraum", wo es nach Auskunft von Mitarbeiter Chris (24) Softdrinks "zu humanen Preisen" gibt und die Möglichkeit, mitgebrachtes Bier und Wein zu trinken, geht kaum einer hinein. Die drei Gäste am Tresen, die sich an Teegläsern festhalten, sitzen mit dem Rücken zur Tür. Keiner dreht sich um. Chris, der selbst auf der Straße gelebt hat, erklärt draußen, wie das bei ihnen so läuft: "Die Gäste trinken vier bis fünf Bier, das sind Gewohnheitstrinker. Betrunken war hier noch keiner."
Dennoch bietet der Spaziergang eine Möglichkeit - das wird später Eckehard Raupach sagen: Nämlich "da hineinzugucken, won man sonst überlegt: Bin ich zu neugierig oder stört das wen?"
In der Schlussrunde fehlen die beiden Studenten. Marie hatte schon vorher gesagt, es habe ihr gut gefallen, "aber jetzt reichts auch". Sie hat genug gesehen. Vorher hatte sie noch auf einen Automaten für Spritzen hingewiesen.

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