Kieler Landgericht : Rocker-Lockvogel auf freiem Fuß

Beatrice F. möchte nicht erkannt werden, senkt im Gerichtsflur den Kopf. Foto: Dpa
Beatrice F. möchte nicht erkannt werden, senkt im Gerichtsflur den Kopf. Foto: Dpa

Die junge Chefin eines Tattoo-Studios aus Neumünster lockte den Rivalen eines "Hells Angels" an der Holstentherme in einen Hinterhalt.

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28. Mai 2011, 11:02 Uhr

Kiel | Ein Basecap tief ins Gesicht gezogen, Mund und Nase mit einem Tuch verhüllt - Beatrice F. (21, Foto) möchte nicht erkannt werden. Dabei wirbt die strohblonde Chefin eines Tattoo-Studios in Neumünster sonst gern für sich, fährt einen auffälligen pinkfarbenen Ami-Schlitten. Als Lockvogel für einen Rocker der "Hells Angels" ist Beatrice F. gestern zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Außerdem muss sie 400 Euro an eine Behindertenorganisation zahlen - ihr Opfer ist Invalide. Der Fall: Im Januar 2009 fuhr Beatrice F. mit dem Kieler André D. (33) zur Holstentherme in Kaltenkirchen. Im Internet hatte sie zuvor Kontakt zu ihm geknüpft. "Sie spiegelte über erotische Fotos Interesse an einer Beziehung vor", so der Richter. Tatsächlich war Beatrice F. im Auftrag ihres Lebensgefährten unterwegs, dem "Hells Angel" Dennis K. (38).
Er soll von André D. Schutzgeld eingefordert haben. Immer wieder und sehr nachdrücklich. So brach er ihm im März 2007 in der Kieler Diskothek "Mausefalle" den Gesichtsmittelknochen. Allerdings hatte André D. da seinen Bruder dabei, und Tür steher Ralf D. stieß Dennis K. ein Messer in die Leber.

Die Rache des "Hells Angel" war genau geplant. "Ohne Not fuhr die Angeklagte in die hinterste Ecke des Parkplatzes, wo bereits die Täter warteten", sagt der Richter. Schüsse fielen. Eine Kugel zertrümmerte den Oberschenkelknochen von André D., er ist heute zu 80 Prozent schwerbehindert - und noch immer droht der Verlust seines linkes Beines. Statt um Hilfe zu rufen, flüchtete Beatrice F. zu ihren Eltern nach Neumünster. Dort löschte sie sofort ihr Internet-Profil, über das sie den Kontakt angebahnt hatte.
Urteil ohne Regung aufgenommen
Das Amtsgericht Neumünster sprach Beatrice F. in einem ersten Prozess vom Vorwurf der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung frei. Die Staatsanwaltschaft hat dieses Urteil angefochten. In der Berufungsverhandlung vor dem Kieler Landgericht urteilten die Richter: "Die Angeklagte hat als Lockvogel objektiv zur Tat Hilfe geleistet. Sie lockte das Opfer in den Hinterhalt, wohl wissend, dass es angegriffen und möglicherweise sogar lebensgefährlich verletzt würde."

Mit dem Urteil blieb das Gericht weit unter den Forderungen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage, die 18 Monate beziehungsweise 30 Monate Gefängnis gefordert hatten. Weil Beatrice F. laut Jugendgerichtshilfe "keine ausgereifte junge Erwachsene" sei, wurde das Jugendstrafrecht angewandt. Für die Angeklagte spreche zudem, dass sie aus einem behüteten Elternhaus stamme und nicht wieder straffällig geworden ist. Beatrice F. nahm das Urteil ohne Regung auf.

Opfer André D. und sein Bruder zählen mittlerweile zum Umfeld der "Bandidos", "Hells Angel" Dennis K., der von "Bandido" Peter Borchert noch ein zweites Mal niedergestochen wurde, sitzt im Gefängnis.

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