Prozess in Schleswig : Richter prüfen Sicherheit von Castor-Lager in Brunsbüttel

Hält das Atommüll-Zwischenlager Brunsbüttel einem A 380-Absturz stand? Der Leiter der Anlage erklärt im Prozess in Schleswig, Terroristen würen an Windrädern hängen bleiben.

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18. Juni 2013, 09:59 Uhr

Schleswig | Sie kämpfen aus Überzeugung und sind bereit, dafür zu bezahlen. Verlieren Anke Dreckmann (70) und ihr Ehemann diesen Prozess, dann kommen die Rechnungen: Von der Riege der Vattenfall-Anwälte, den Sachverständigen des Bundesamts für Strahlenschutz und den Rechtsanwälten der Bundesrepublik Deutschland, die in diesem Verfahren die Beklagte ist.
All das ficht die Rentnerin aus Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) nicht an. "Zu sehen, wie wir unsere Erde kaputt machen, ist nur schwer zu ertragen", sagt sie in einer Verhandlungspause. Vor mehr als sechs Jahren hatte ihr Ehemann, der mittlerweile erkrankt ist, gegen das Zwischenlager am Atomkraftwerk Brunsbüttel geklagt. Peter Dreckmann argumentierte: Bei dessen Genehmigung sei der absichtliche Absturz des Riesen-Airbus A 380 oder der Beschuss der Castoren mit modernen panzerbrechenden Waffen der dritten Generation nicht berücksichtigt worden. Die erste Runde vor dem Oberverwaltungsgericht in Schleswig ging 2007 verloren - das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig kassierte die Entscheidung jedoch ein Jahr später wieder ein. Seit Mittwoch wird neu verhandelt.

Bundesamt rückt Akten nicht heraus

"Der Senat befindet sich in einem Dilemma", erklärt der Vorsitzende Richter Dierk Habermann zu Verhandlungsbeginn. "Wir sollen prüfen, ob die Genehmigung zu Recht erteilt wurde, kennen aber die Grundlagen der Entscheidung nicht." Das Bundesamt für Strahlenschutz hat einen großen Teil der vom Gericht angeforderten Akten nicht herausgerückt, beruft sich auf Geheimhaltung. Das Bundesverwaltungsgericht erklärte das für rechtmäßig. Habermann: "Wir stochern daher mit einer Stange im Nebel herum."
Trotzdem schlägt er Pflöcke ein. Die Genehmigung für das Zwischenlager erfolgte 2003. Zuvor war ein Gutachten zu den Folgen von Abstürzen verschiedener Passagierjets erstellt worden. Der A 380 allerdings fehlte - denn damals gab es den Riesen-Flieger nur auf dem Papier. Doch Richter Habermann sagt: "Der A 380 hätte berücksichtigt werden müssen." Unruhiges Herumrutschen auf den Plätzen der Bundesrepublik. Der Richter: "Ich sehe entsetzte Gesichter. Ja, es war ein Fehler, ihn gar nicht zu beachten."

"Aus Presseberichten schreibt man keine Gutachten"

Er folgt damit der Argumentation der Kläger. Die hatten belegt, dass Konstruktionsdaten zum A 380 bereits 2003 veröffentlicht worden waren - in Fachmagazinen und Zeitschriften. Der Richter will wissen: "Warum reichte das 2003 abrufbare Wissen über den A 380 für eine grobe Beurteilung der Absturzfolgen nicht aus?"

Hartmut Gaßner, Sprecher der Rechtsanwälte der Bundesrepublik, und seine Sachverständigen brauchen eine Weile, um sich zu sortieren. Dann sagen sie: "Aus Presseberichten schreibt man keine Gutachten. Nur die Angaben des Herstellers sind für eine naturwissenschaftliche Analyse zu gebrauchen." Und diese Daten habe man erst im Jahr 2005 bekommen.

Terroristen blei
Ulrich Wollenteit, Anwalt des Ehepaares Dreckmann, entgegnet: "Das Gutachten zeigt die Auswirkungen eines Boing 747-Absturzes. Der A 380 ist größer, hätte berücksichtigt werden müssen." Die Kläger kritisieren ferner, dass die Angaben zur Verstrahlung nach einem Anschlag klein gerechnet worden seien. "Da wurden typische Wetterlagen der Küste nicht berücksichtigt." Zudem seien die angedachten Dekontaminationsmaßnahmen unrealistisch.

Zum A 380 wurde 2010 nachträglich ein Gutachten erstellt. Doch das liegt dem Gericht nicht vor. Der Leiter des Zwischenlagers erklärt jedoch, Terroristen könnten Brunsbüttel "für einen gezielten Treffer" gar nicht anfliegen. An den Windrädern und Freileitungen würden sie "hängenbleiben".

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