Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : Rettungsassistent aus Hohenlockstedt berichtet: Die letzte Fahrt

Ein scheinbar normaler Krankentransport wurde für ihn zum eindrücklichsten Erlebnis seiner Berufslaufbahn: Christian Mandel.
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Ein scheinbar normaler Krankentransport wurde für ihn zum eindrücklichsten Erlebnis seiner Berufslaufbahn: Christian Mandel.

In einer Serie schildern Retter aus Schleswig-Holstein den Einsatz, der ihr Leben geprägt hat. Heute: Christian Mandel (44) aus Hohenlockstedt.

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08. Januar 2018, 17:24 Uhr

Ich weiß noch genau, was ich zuerst gedacht habe: „Muss das jetzt sein?“ Die Leitstelle hatte unseren Rettungswagen im September 2010 zu einem Krankentransport geschickt – und das an einem Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend. Dabei sind solche Transporte doch planbar, dafür hätte man mich und meinen Kollegen nicht unnötig Überstunden machen lassen müssen.

Es war nicht das erste Mal, dass ich jemanden ins Hospiz gefahren habe. Ich habe auch objektiv viel dramatischere Erlebnisse gehabt. Bei mehreren tausend Einsätzen, die ich bis dahin in meiner damals 15-jährigen Arbeit als Rettungsassistent erlebt habe, war ich bei schweren Unfällen und Feuern. Ich habe Tote und Verletzte gesehen. Ich habe Patienten auf der Trage in unserem Wagen verloren, auf der vielleicht Stunden später eine Frau ein Kind zur Welt gebracht hat. Leben und Tod sind in unserem Job oft nah beieinander – am meisten habe ich das aber bei diesem vermeintlich leichten, 37 Kilometer langen Krankentransport aus einer Gemeinde bei Itzehoe nach Elmshorn ins Hospiz gespürt.

Vielleicht hätten wir es ahnen können – und ein wenig verwundert waren mein Kollege und ich schon, als wir auf dem Melder lasen, dass die Patientin noch einmal durch ihren Garten geführt werden wollte. Als wir bei ihrem Haus ankamen, wartete eine etwa 75-jährige Frau mit ihrer Familie auf uns. Die Situation war irgendwie angespannt. Und ich begriff plötzlich, dass das hier ein Abschied war. Wir haben die Frau in unseren Tragesitz hinüber gehoben und sind mit ihr noch einmal durch die Räume ihres Hauses gegangen. Wenn ich daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut – aber ganz positiv. Unsere Patientin hatte Krebs im Endstadium, sie wirkte sehr gefasst. Sie zeigte uns im Garten ihre Blumen, zu jeder Ecke konnte sie eine Geschichte erzählen. Das hat mich sehr berührt, weil sie und ich und alle anderen dort wussten, dass sie diesen Ort nie wieder sehen würde. Plötzlich waren uns die Überstunden egal, wir haben uns lange Zeit genommen für den Rundgang, weil wir spürten, dass das hier wichtiger war als unser pünktlicher Feierabend.

Bevor wir losfuhren und die Patientin schon im Rettungswagen lag, wollte ihre Familie noch einmal zu ihr. Mein Kollege und ich sind ausgestiegen und haben gewartet bis sich die Familie verabschiedet hatte. Als sie herauskamen, hatten fast alle Tränen in den Augen. Das berührt mich noch heute.

Der Ehemann ist mitgefahren, hat ihre Hand gehalten und fast nur geschwiegen. Während des 40-minütigen Transports haben seine Frau und ich uns unterhalten. Dazu muss ich sagen, dass es bei vielen Fahrten oft nur Smalltalk gibt. Und man hat manchmal auch Patienten, die man möglichst schnell wieder loswerden will. Bei diesem Transport war das anders: Für mich hätte der auch bis München gehen können – so intensiv war das Gespräch.

Die Frau wusste, dass es ihre letzte Fahrt sein würde. Sie war tapfer, dabei hat sie sich sicher auch gequält. Aber sie war vorbereitet auf ihren letzten Weg, hatte ihren Frieden gefunden. Sie hat voller Freude von ihrer Goldenen Hochzeit erzählt, die sie kurz vorher noch feiern konnte. Wir haben über Werte gesprochen, über das, worauf es wirklich ankommt im Leben. Und wir haben über den Tod geredet – und das, was danach kommt. Viele Menschen klammern sich ans Leben, sie wirken verkrampft, sie fürchten den Sterbeprozess. Unsere Patientin hat gesagt: „Ich habe keine Angst.“ Das hat mich tief bewegt. Auch Jahre später muss ich noch daran denken.

Im Hospiz sind wir alle nett aufgenommen worden, die Pflegerinnen haben sich gleich liebevoll um das Ehepaar gekümmert. Sie waren zwar Patienten, aber wurden Gäste genannt. Wir haben die Frau auf ihr Bett umgelagert, und ich weiß noch, dass ich diesmal nicht wie sonst so häufig „Gute Besserung“ sagen konnte. Was ich genau gesagt habe, weiß ich heute nicht mehr. Sinngemäß so etwas wie: „Alles Gute auf dem Weg, den Sie jetzt gehen.“

Als mein Kollege und ich aus dem Zimmer gingen, merkte das Hospizpersonal wohl, dass dies für uns kein gewöhnlicher Einsatz war. Wir haben im Aufenthaltsraum einen Kaffee bekommen, und ich weiß noch, dass ich dort vor Rührung und Respekt vor meiner Patientin geweint habe.

In der Regel haben wir nur kurze Momente mit den Patienten, für eine persönliche Beziehung bleibt oft keine Zeit. Das hilft uns aber auch, Abstand zu gewinnen, traumatische Ereignisse nicht zu nah an uns heranzulassen. Heute bin ich froh, dass wir bei Bedarf professionelle psycho-soziale Unterstützung bekommen können. Denn auch wenn wir vom Rettungsdienst manchmal so hart tun, bin ich sicher, dass viele von uns unter der Schale einen ganz weichen Kern haben, den man aber nicht immer beschützen kann. Wir sind auch nur Menschen, die mitfühlen können und sollen, und keine Rettungsroboter.

Damals brauchte ich zum Glück keine professionelle Hilfe, ich konnte ruhig schlafen, ich habe normal gearbeitet, irgendwann auch nicht mehr so häufig an die Frau gedacht. Erst als ich ein paar Wochen später die Zeitung aufschlug und ihre Todesanzeige sah – da waren plötzlich viele Emotionen wieder da und mir kamen erneut die Tränen. Ich wusste aber auch: So lange du so empfinden kannst, schlägt dein Herz am richtigen Fleck.

Heute ist das alles etwas verblasst, aber es gibt Momente, in denen ich gerne an den Einsatz zurückdenke. Wenn ich etwa an dem Haus der Patientin vorbeikomme oder wenn ich Bilder aus einem Hospiz anschaue. Und immer sehe ich das Gesicht der Frau vor mir, als wir uns verabschiedet haben. Es war so friedlich – und bei aller Tragik war dieser Moment auch schön. Ich bin dankbar, dass ich diese Fahrt machen durfte.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie auf shz.de.

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