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Leitstellen in Harrislee und Elmshorn : Retter in SH: Mit veralteten Kartendaten auf Irrfahrt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht immer finden Notfallhelfer den Einsatzort sofort. Grund: Veraltete digitale Karten in zwei regionalen Leitstellen.

Wenn bei einer der landesweit sieben Einsatzleitstellen das Telefon klingelt, geht es nicht selten um Leben oder Tod. Dann zählt im Zweifel jede Minute. Hier nimmt der Disponent alle Informationen über die Art des Notfalls und den Einsatzort auf – um zu entscheiden, welches Rettungsfahrzeug von wo aus am schnellsten zum Einsatzort kommt. Allein die beiden regionalen Leitstellen in Harrislee und Elmshorn sind für knapp die Hälfte der Landesfläche zuständig. Ihr Kartenmaterial bekommen sie im Gegensatz zu den anderen Leitstellen über eine Kooperation vom Landespolizeiamt (LPA).

„Genau da fängt das Problem an, denn unser digitales Datenmaterial ist veraltet“, sagt Stephan Bandlow, Abteilungsleiter der Regionalleitstelle West in Elmshorn. Von dort aus werden die Rettungseinsätze für die Kreise Dithmarschen, Pinneberg und Steinburg koordiniert. „Und wir haben bei uns Bereiche, in denen die Daten gut und gerne fünf Jahre alt sind.“

Beispiel Itzehoe: Dort wurde 2007 eine Eisenbahnunterführung Wellenkamper Chaussee gebaut, so Bandlow, „die ist bis heute nicht im System zu finden. Und an der A-23-Ausfahrt Itzehoe Süd haben wir seit einigen Jahren einen Kreisel, auf der Karte gibt es ihn einfach nicht“. Probleme mit mangelnder Aktualität der Kartendaten gebe es besonders häufig bei neu angelegten Straßen in Neubau- oder Industriegebieten. „Stellen Sie sich vor, beim Hausbau verunglückt jemand, aber die Straße ist nicht erfasst“, so Bandlow. „Oder ein Anrufer berichtet, dass er in einem Industriegebiet steht, aber im Datensystem der Einsatzleitstelle befindet sich dort noch eine grüne Wiese.“

Natürlich könne man jederzeit auf übliche Hilfen wie Google Maps, Google Earth und normale Navigationsgeräte zurückgreifen, so Bandlow. „Aber damit kommt es bei Notrufanfragen zu Verzögerungen bei der Verifizierung von Ortsdaten und wir bekommen im Gegensatz zu unserem Kartensystem keinen automatisierten Einsatzmittelvorschlag. „Das bedeutet unnötigen Stress für den Anrufer, der um schnelle Hilfe bittet, und für den Disponenten, der die Straße nicht findet. Wir haben zwölf Minuten Hilfsfrist, davon wollen wir nicht kostbare Zeit bei der Notruf-Aufnahme verbrauchen. Wir wollen schnell beim Patienten sein, werden aber durch das Kartensystem ausgebremst.“ Das Kartensystem sei für die Leitstelle das einzige Fenster nach draußen. Aber es bilde zum Teil nicht die Realität ab.

„Es ist ein tägliches Problem im Einsatz, dass Kollegen bestimmte Straßen einfach nicht finden“, sagt auch Sacha Münster, stellvertretender Leiter der zweiten betroffenen Regionalleitstelle Nord in Harrislee, die für die Stadt Flensburg sowie die Kreise Schleswig-Flensburg und Nordfriesland mit den Nordseeinseln Sylt, Amrum, Föhr und Pellworm zuständig ist. „Regelmäßig wird die Effektivität von Einsätzen verwässert, weil das digitale Kartenmaterial nicht auf dem neuesten Stand ist.“ Die Fahrzeuge seien mit der aktuellsten Technik ausgerüstet – die Leitstelle jedoch nicht. Von den schon vor Jahren versprochenen vierteljährlichen Updates sei bis heute in Harrislee nichts eines angekommen.

„Wir bekommen vom Landesamt für Vermessung und Geoinformation quartalsweise unsere aktualisierte Daten“, bestätigt Bernd Koop, Verantwortlicher für den Digitalfunk im LPA. „Unsere Aufgabe ist es, die Daten ins System zu bekommen und Tatsache ist: Das gelingt uns nicht immer.“ Im Jahr 2014 habe man sich mit der Endabnahme des Leitstellensystems und dem Erreichen eines störungsarmen Betriebes sowie der Anbindung der Einsatzleitsysteme der Regionalleitstellen an den Digitalfunk beschäftigen müssen. „Es gab andere Prioritäten und wir haben dafür nur vier Stellen. Es war uns aus personellen Gründen nicht möglich, die Updates durchzuführen. Aber in diesem Jahr sollen die Updates kommen.“

Davon abgesehen hätten die beiden betroffenen Leitstellen jederzeit die Möglichkeit, eigenständig händisch die Karten zu aktualisieren. „Als Provisorium lassen sich aktuelle Bebauungspläne von den Bau- und Katasterämtern ins System übertragen.“ Man müsse dabei zwar sehr genau vorgehen und es bedürfe der Präzision und der Konzentration, „aber so anspruchsvoll ist das nicht“. Bei späteren regulären Updates könne dann mit den neuen Daten korrigiert und berichtigt werden.

Diesem Punkt widerspricht Stephan Bandlow: „Wir haben im Personalbestand keinen Kartografen, der solche Neuerungen einzeichnen könnte. Vor allem aber ist so etwas rein zeitlich überhaupt nicht von uns leistbar.“

Doch selbst wenn das LPA alle drei Monate die Updates ins System einspielen würde – ganz aktuell könne das digitale Kartenmaterial ohnehin niemals sein, betont Cornelia Weber, Leiterin des Landesamts für Vermessung und Geoinformation. Man beliefere das Landespolizeiamt mit zwei Arten von Datenmaterial. Die Geobasisdaten von Liegenschafts- sowie Katasterämtern und topografischen Karten aktualisiere man zwar vierteljährlich. „Zudem werden aber Luftbilder durch Befliegung erzeugt. Allerdings schaffen wir pro Jahr nur ein Drittel der Landesfläche.“ Deshalb sei auch das aktualisierte Material in dieser Hinsicht stets bis zu drei Jahre alt.

Die Leitstelle Neumünster – nicht Kooperationspartner des LPA – geht sehr pragmatisch an die Thematik heran. Dort verlässt man sich nicht nur auf digitales Datenmaterial und Navigationsgeräte, so Rettungswachen-Leiter Thomas Koch. „Auf jedem Rettungsfahrzeug gibt es einen dicken, ständig überarbeiteten Ordner mit allen Straßen und Routen im Einsatzgebiet.“ Bei der Suche nach einem Namen für das Papierbündel bewies man Humor. Es heißt „Wahrsager“.  

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erstellt am 28.Feb.2015 | 10:29 Uhr

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