Lübecker Restauratoren : Respektvolle Handarbeit

Mit dem Skalpell durch die Jahrhunderte - Wolfgang Quistorf entdeckt
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Mit dem Skalpell durch die Jahrhunderte - Wolfgang Quistorf entdeckt

Die Restauratoren Petra Arent und Wolfgang Quistorf arbeiten in die Jahre gekommene Möbel auf. Manche bergen faszinierende Geschichten.

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30. März 2013, 10:46 Uhr

Lübeck | Hölzernes, wohin man blickt in dieser Werkstatt: Kästchen, Truhen, Stühle, Bänke, ein altes, notgeborgenes Wandpaneel, das möglicherweise aus der Renaissance stammt, hier, ein historischer Uhrenkasten dort. Hohes Alter eint die Objekte, von denen viele wertvoll sind. Ob eher kulturell, materiell oder ideell, ob von Denkmalpflegern oder Privatleuten beauftragt, das fällt bei den Lübecker Restauratoren Petra Arent und Wolfgang Quistorf nicht ins Gewicht, wenn sie untersuchen, konservieren, restaurieren.

Am Nachlass Thomas Manns haben sie gearbeitet und an Ausstellungsobjekten im Buddenbrookhaus. "Holzobjekte, Möbel, Kunsthandwerk, Objekte in Materialkombinationen und Geflechte", stehen auf ihrem Programm. Noch immer berührt von der Begegnung, erzählen Arent und Quistorf von der Frau, die mit einem rostigen Metalltisch zu ihnen kam und um dessen Wiederherstellung bat. "Dass der Tisch nicht älter als 80, 90 Jahre sein konnte, war auf den ersten Blick zu sehen", sagt Arent. "Und Metall ist ja auch nicht unser Fachgebiet. Aber dann erfuhren wir, dass dieser Tisch zu den wenigen Dingen gehört, die die Familie bei der Flucht über das Haff retten konnten. Und da haben wir uns ganz besonders viel Mühe gegeben." Es geht überhaupt ganz wertfrei oder vielmehr gleichberechtigt zu im Umgang mit den Objekten. "Die emotionale Ebene nötigt uns mindestens ebenso viel Respekt ab wie der Sammlerwert", sagt Quistorf und gesteht seine eigene Leidenschaft: "Ich bin begeisterter Kästchen sammler." Diese drängeln sich an einer Wand neben- und übereinander, schöne Intarsienarbeiten finden sich da, fast schwarze Eichenkisten. Und eine knapp130 Jahre alte, die in Schnitzbuchstaben zu "Heldentum!" auffordert, verkündet, dass jeder seines Glückes Schmied und "seines Unglücks Meister" sei.

Eine ganz besonders innige Beziehung zum Beruf

Mit den Kästchen frönt Quistorf allerdings nicht nur einer privaten Leidenschaft, sie sind vor allem auch handliche Versuchsobjekte zur Erprobung von Restaurierungsmethoden. "Sie bieten die ganze Bandbreite der Phänomene, die es auch im Großen gibt", erläutert Arent. Halb als Versuchs-, halb als Naturkunstobjekte sind gleich daneben skurrile hölzerne Gebilde aufgestellt - Strandfunde, die restauratorisch behandelt, beim Betrachter Assoziationsfluten freisetzen.

In dem Werkstattatelier spricht alles von einer ganz besonders innigen Beziehung zum Beruf, der Petra Arent und Wolfgang Quistorf aus purem Zufall zugefallen ist und schließlich zu einer beruflichen Gemeinschaft zusammengebracht hat. Auch wenn Quistorfs Vater Tischler war und im Keller eine Hobelbank stand, hat er Architektur studiert und auch mal in der Sozialpädagogik gearbeitet, bevor er einen Restaurator kennen lernte, viele Jahre mit ihm zusammen arbeitete und schließlich dessen Werkstatt übernahm. "Ein Studium der Restaurierung gab es bis zur Maueröffnung in der Bundesrepublik ja nicht", sagt Quistorf. In seiner Werkstatt fand sich die junge Petra Arent zum Vorpraktikum fürs Studium ein. Sie hatte in der Schule vom Beruf der Restauratorin gelesen und wusste schon auf dem Weg in die Uni, dass sie nach dem Diplom in die Werkstatt zurückkommt.

Und die ist ein Ereignis für jeden, der Sinn für Werkzeuge, Lacke, Leime und Holz hat. Dort gibt es den drei Millimeter dünn längs geschnittenen Nussbaum-Stamm, der Furnier-Material für Jahrzehnte liefert. Geheimnisvolle Schubladen mit allerlei hölzernen Resten, ein kleines Labor mit Gerätschaften und allerlei Fläschchen, Regale mit alten Drogistenbüchern, die beispielsweise verraten, wie früher Lacke angemischt wurden. Andere wiederum klären auf, wie Möbel zu pflegen sind. "Früher gehörte das Wissen um Nachhaltigkeit zur Ausbildung höherer Töchter", sagt Quistorf und legt den Finger in die drastisch geänderte, gegenwärtige Wohnkultur. Die, das unterstreicht Arent, ist zugleich auch eine deutlich weniger kontaminierte. Holzschutzmittel, Gifte gegen Schädlinge - womit Möbel Jahrhunderte lang diskussionsfrei getränkt wurden, machen den Umgang mit historischer Wohnkultur zum Gesundheitsrisiko. Petra Arent sagt es lakonisch: "Der gesündeste ist unser Beruf nicht."

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