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Mit Kommentar : Resistente Keime sind überall

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung hat sich deutlich reduziert – aber er bleibt ein Problem.

Die Meldung ist so einfach wie erschreckend: „Multiresistente Keime und Antibiotika in Gülle gefunden“ lautete kürzlich eine von vielen Schlagzeilen, die nach einer Pressemitteilung von Greenpeace zu lesen und zu hören waren. Der Umweltorganisation waren 19 Gülleproben aus sechs verschiedenen Bundesländern zugespielt worden. Die Analyse zeigte: 13 Proben enthielten Bakterien, die gegen eine Antibiotikagruppe resistent waren, in sechs Proben fanden sich sogar Bakterien mit Resistenzen gegen drei Gruppen.

Ein Skandal, könnte man meinen, und doch ist es wohl eher eine PR-Aktion. „Das haben wir schon in unzähligen Studien beschrieben“, sagt Uwe Roesler von der FU Berlin. Der Professor für Tierhygiene und Infektiologie arbeitet im Forschungsverbund „Reset“, der sich mit resistenten Keimen bei Mensch und Tier sowie den Übertragungswegen beschäftigt. „Die Keime finden wir eigentlich überall, wo wir suchen“, erzählt er. „Da hätte man genauso gut die Abwässer von zehn Kläranlagen untersuchen können.“ Auch jede sechste Ratte in Berlin trägt multiresistente Darmbakterien in sich, und selbst bei einigen Hunden und Katzen, die Sofa und Bett mit uns teilen, sind die Keime nachgewiesen worden.

Beim Hund etwa hat das Bundesamt für Verbraucher und Lebensmittelsicherheit (BVL) in jeder zweiten Probe MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylokokken) gefunden. Solange Hund und Herrchen gesund und wohlauf sind, ist das kein Problem. Doch vergisst etwa das Herrchen, sich bei einem Besuch auf der Intensivstation die Hände zu desinfizieren, kann ein mehrfach resistenter Erreger lebensgefährliche Entzündungen hervorrufen. Keine andere Nutztierart hat bei diesem Keim eine ähnlich hohe Resistenzrate wie der Hund.

Gefahr für Mensch und Tier

Zudem fanden sich auch Keime, die bereits gegen Reserveantiobiotika resistent waren. Das bedeutet nicht, dass die Keime aus der Nutztierhaltung und in der Gülle ungefährlich wären. Auch hier finden sich sehr hohe Resistenzraten für verschiedene Erreger. Diese können zum Beispiel als Dünger in die Umwelt gelangen, in den Boden, ins Wasser, auf Pflanzen und letztlich natürlich auch auf den Menschen übergehen.

Gelangen sie etwa vom Stall in ein Krankenhaus oder Altenheim, kann das für stark geschwächte Patienten tödlich sein. Das sind Kreisläufe, die Landwirte kennen und beachten sollten, wenn sie Tiere mit Antibiotika behandeln lassen. Denn wie in der Humanmedizin gilt: Wer zu sorglos und großzügig mit Antibiotika umgeht, setzt ihre Wirksamkeit aufs Spiel. Dann lernen die Erreger mit der Zeit dazu und werden schließlich resistent gegen das Mittel.

Doch der Umgang mit Antibiotika habe sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert, meint Michael Acktun. „Früher wurde viel sorgloser mit Antibiotika umgegangen und viel weniger kontrolliert“, sagt der Schafflunder Tierarzt, der seine Praxis vom Vater übernommen hat und gerade an den Sohn weitergibt. Wer heute gegen Vorschriften verstoße, müsse damit rechnen, dass die Veterinär- und Lebensmittelaufsicht mit sechs, sieben Autos anrolle und den ganzen Hof einmal auf den Kopf stelle.

<p>Tierarzt Michael Acktun beobachtet einen Wandel im Einsatz von Antibiotika. </p>

Tierarzt Michael Acktun beobachtet einen Wandel im Einsatz von Antibiotika.

Foto: Tomma Schröder
 

Michael Acktun ist gemeinsam mit einer weiteren Tierärztin an diesem Morgen unterwegs zum Hof Kokkedahl in Leck, einem Milchviehbetrieb mit etwa 800 Tieren. Es gäbe immer Bauern, die einfach weitermachen wollen wie bisher, sagt der Tierarzt. Aber Hof Kokkedahl sei ein Vorzeige-Betrieb in der konventionellen Landwirtschaft, der viel investiert habe, um gesetzlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, ohne das Wohl der Tiere aus dem Blick zu verlieren.

Gemeinsam mit dem Landwirt Niels Johannsen geht der Veterinär durch die Ställe – offene, helle Ställe, in denen sich die Kühe frei bewegen können und eine Box mit Stroh haben. Die Tierärztin untersucht derweil die trächtigen Kühe sowie die Kühe, die gerade ein Kalb zur Welt gebracht haben. „Kannst du einmal kommen?“ ruft sie Michael Acktun zu Hilfe. Eine Kuh scheint noch Reste der Nachgeburt in der Gebärmutter zu haben. Die Tierärztin schlägt ein Antibiotikum vor. Doch Michael Acktun winkt ab: Eine Jodlösung reiche in diesem Fall. Eine Entscheidung, die er sich nicht leicht machen darf. Für die Kuh kann eine nicht vollständig abgegangene Nachgeburt lebensbedrohlich werden. Hätte er hier am Ende ein Antibiotikum zu viel eingespart, wäre weder der Kuh noch dem Bauern geholfen.

Deutliche Reduzierung der Mengen

Im Bundesvergleich steht Schleswig-Holstein bei der Antibiotikagabe in der Tierhaltung vergleichsweise gut da. Die Datenbank, in der landwirtschaftliche Betriebe seit 2014 jede Antibiotikagabe melden müssen, weise niedrigere Werte auf als im restlichen Bundesgebiet, teilt Nicola Kabel vom Umweltministerium mit. Auch Untersuchungen nach Antibiotika-Rückständen in Gülle, Boden und Sickerwasser ergaben vergleichsweise geringe Werte. „Dies könnte mit dem insgesamt abnehmenden Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung zusammenhängen“, so Kabel.

In dieser Datenbank müssen allerdings nur Betriebe mit Mastvieh ihren Antibiotika-Einsatz melden. Was insgesamt an Veterinärmediziner ausgegeben wird, ist erst seit 2011 dokumentiert und auch nur für das gesamte Bundesgebiet. Seitdem zeigt sich ein deutlicher Rückgang:

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Foto: Grafik: Sönke Lundt
 

In den letzten fünf Jahren hat sich die Menge von 1700 Tonnen Antibiotika auf 800 Tonnen mehr als halbiert. Der Wert ist nun in etwa vergleichbar mit den Mengen, die an Humanmediziner abgegeben wurden. „Das ist ein guter Erfolg“, sagt Annemarie Käsbohrer, die den Fachbereich „Antibiotikaresistenz“ für das Bundesamt für Risikobewertung leitet. „Er zeigt allerdings auch, dass da viel Luft für Verbesserungen war. Und ich denke, dass sich der Antibiotikaverbrauch auch noch weiter reduzieren lassen wird .“

Dafür ist es vor allem wichtig, dass die sogenannte „Metaphylaxe“ nicht mehr so häufig angewendet wird. Erkrankt ein Tier oder werden Tiere mit unterschiedlicher Herkunft in einem Stall zusammengeführt, so wurden und werden häufig alle Tiere eines Bestandes vorsorglich mit Antibiotika behandelt. Mehr und mehr gehen Tierärzte und Landwirte aber dazu über, Tiere gegen bestimmte Erreger zu impfen und so den Ausbruch einer Krankheit von vornherein zu vermeiden.

Auch die Hygiene in den Ställen spielt eine große Rolle. Doch spätestens hier macht sich in der konventionellen Landwirtschaft ein Dilemma bemerkbar: „Wenn man den Antibiotika-Einsatz minimieren und gleichzeitig verhindern will, dass Keime in den Stall hinein oder aus ihm heraus gelangen, muss der Stall von der Außenwelt abgesperrt und möglichst steril sein“, erklärt Uwe Roesler. Es bräuchte also Ställe, in denen die Tiere ohne Frischluft und in abwaschbaren Boxen aufwachsen. Das ist nicht unbedingt das, was sich der Verbraucher gemeinhin vorstellen möchte, wenn er sich mal fragt, woher das Steak auf dem Teller kommt. „Das ist ein nicht auflösbarer Interessenskonflikt“, meint Roesler.

Unlösbarerer Interessenskonflikt

Diesen Konflikt kennen auch die Landwirte auf Hof Kokkedahl sehr gut. Reinhard Brydda streichelt einem wenige Tage alten Kalb über die Schnauze und schaut in den Milchbehältern mit der frischen Biestmilch nach, ob es genug getrunken hat. „Kälberpapa“ wird Brydda hier genannt, denn er betreut die jungen Tiere in ihren kleinen Hütten, den sogenannten „Iglus“. Sie werden früh von der Mutter und voneinander getrennt großgezogen, weil sie so weniger Infekte bekommen. Natürlich sähen es die Verbraucher lieber, wenn die Kälber neben den Müttern über die Wiese sprängen, sagt Brydda. Aber dann würden auch viel mehr Tiere krank, müssten mit Antibiotika behandelt werden oder stürben. Ein konventioneller Betrieb könne sich das gar nicht leisten.

„Landwirtschaft ist eben auch Wirtschaft“, meint der Veterinärmediziner Roesler. „Und es ist eine schwierige Situation, in die wir die Landwirte bringen, weil wir als Verbraucher der Devise „Geiz ist geil“ folgen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Verbraucher, was die artgerechte Haltung oder etwa den Einsatz von Antibiotika angeht. Das bringt die Landwirte oft in eine Zwickmühle. Wer bei den derzeitigen Milchpreisen überleben möchte, ist auf Hochleistungskühe angewiesen, die bis zu 10.000 Liter Milch im Jahr geben. Deren Euter allerdings ist so groß und die Zitzen so klein, dass Entzündungskeime schnell aufsteigen können.

Auf dem Hof Kokkedahl sind allein elf Kühe wegen Euterentzündungen in antibiotischer Behandlung. Bauer Niels Johannsen braucht diese Hochleistungskühe, damit er bei den derzeitigen Preisen für konventionelle Milch wettbewerbsfähig bleibt und die Kosten für seinen neuen offenen Stall abbezahlen kann. Hier zeigt sich ein Dilemma, das durch eine Zucht ausgelöst wurde, die vor allem auf Leistungssteigerung abzielt. Stattdessen müssten auch die Robustheit und die Tiergesundheit wieder in den Vordergrund rücken, sagt Uwe Roesler. Aber eines müsse man sich klarmachen: „Ganz ohne Antibiotikum geht es nicht.“ Nicht nur ökonomisch, auch ethisch wäre es schwer vertretbar, ein krankes Tier nicht zu behandeln.

Es braucht klare Vorgaben

Allein die Antibiotikamenge zu reduzieren, ist ohnehin nicht die Lösung des Resistenzproblems. Darauf weisen Experten immer wieder hin. Es geht nicht nur um das „Wie viel“, es geht auch um das „Was“. Werden etwa Antibiotika verschrieben, die gegen die zu bekämpfenden Erreger gar nicht wirken, bilden sich schneller Resistenzen aus. Und vor allem müsste der Umgang mit sogenannten Reserveantibiotika sorgfältiger werden.

Reserveantibiotika sind Präparate, die nur dann eingesetzt werden sollten, wenn andere, gängige Antibiotika nicht mehr wirken. Damit soll verhindert werden, dass sich auch gegen neuere oder seltenere Mittel Resistenzen bilden. Das zumindest ist die Theorie. In der Praxis ist die Menge einiger Reserveantibiotika in der Tierhaltung zuletzt gestiegen oder aber zumindest nicht zurückgegangen.

Auch hier spielen oft ökonomische Gründe eine Rolle. So gibt es für jedes Antibiotikum eine sogenannte „Wartezeit“ auf Fleisch, auf Milch oder auf Eier. Wenn also Tierarzt Michael Acktun einer Kuh ein Antibiotikum verschreibt, dann muss Bauer Johannsen die Milch dieser Kuh für eine bestimmte Anzahl an Tagen wegschütten. Es gibt allerdings Reserveantibiotika, sogenannte Cephalosporine, für die keine Wartezeit vorgeschrieben ist.

„Das ist eine unglaubliche Situation, dass wir Antibiotika mit null Tagen Wartezeit haben“, sagt Annemarie Käsbohrer. Das stelle auch den Tierarzt vor eine Herausforderung, der sich fragen müsse: „Verwende ich jetzt aus rein ökonomischen Gründen dieses Präparat mit einem kritischen Antibiotikum, aber ohne Wartezeit statt einem anderen Präparat mit einer Wartezeit?“ Im Zweifelsfall verliere man dann einen Betrieb, wenn man sich weigere, beschreibt auch Michael Acktun das Problem. „Da brauchen wir klare gesetzliche Vorgaben und Kontrollen, die uns gegenüber den Landwirten den Rücken stärken.“ Eine Forderung, die auch Käsbohrer erhebt.

Kampf gegen Resistenzen

Es ist wahrscheinlich, dass ein korrekter Einsatz der Antibiotika am Ende noch entscheidender ist als die Frage nach der verwendeten Menge. Doch die Forschung, woher Keime kommen, wie sich Resistenzen bilden, steht noch relativ am Anfang. Bisher weiß man, dass etwa in Krankenhäusern zumeist Keime auftreten, die vom Menschen und nicht vom Tier gekommen sind. Wenn der Kampf gegen die Verbreitung der resistenten Keime angegangen werden soll, da sind sich Experten einig, müssen aber sowohl die Human- als auch die Tiermedizin ihren Umgang mit Antibiotika überdenken und verbessern. Ob ein multiresistenter Keim ursprünglich vom Tier oder vom Menschen stammt, ist ohnehin nur mit mühsamer Detektivarbeit von Mikrobiologen herauszufinden. „Irgendwann wird die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier akademisch“, sagt Uwe Roesler. „Das ist ein Kreislauf. Da hängt alles mit allem zusammen.“ Schon seit Längerem verfolgt die Wissenschaft daher das sogenannte „One Health“-Konzept – also einen Ansatz, der Tier, Mensch und Umwelt gemeinsam in den Blick nimmt. Ob es der Tierarzt oder der Humanmediziner ist, der überflüssigerweise Antibiotika verabreicht, beides schadet.

Ein Bereich, der dabei gerne aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerät, ist die Kleintiermedizin. Im Gegensatz zur Landwirtschaft wird hier oft viel mehr für ein Tierleben getan, weil es nicht um den ökonomischen Wert des Tieres, sondern um seine Bedeutung für den Menschen geht. Daher dürfen hier laut Gesetz in einigen Fällen auch Antibiotika eingesetzt werden, die eigentlich dem Menschen vorbehalten sind. Durch den direkten Kontakt mit den Haustieren ist eine Übertragung von Keimen auch viel wahrscheinlicher.

Kommentar: Kritik ja, aber bitte fair!

Ist es legitim, dass Greenpeace altbekannte Fakten über resistente Keime in der Landwirtschaft aufbereitet, als wäre es ein neu enthüllter Skandal? Ja, ist es. Schließlich hat die Nichtregierungsorganisation (NGO) sich das Ziel gesetzt, die moderne Landwirtschaft radikal zu verändern, und versucht, möglichst viele Menschen von diesem Ziel zu überzeugen.

Die Frage aber ist: Warum behandeln viele Medien solche Pressemitteilungen allzu oft als objektive Quelle, die es durch keinerlei weitere Quellen zu bestätigen oder zu bewerten gilt? Würde irgendjemand eine Pressemitteilung des Bauernverbandes nacherzählen, ohne vorher mit NGOs, Wissenschaftlern, Behördenmitarbeitern zu sprechen? Nein, und zwar mit Recht.

Die zunehmende Anzahl an resistenten Keimen sollte Anlass sein, den Antibiotika-Einsatz bei Menschen und Tieren gleichermaßen zu überdenken und zu korrigieren. Dabei sollten wir nicht immer nur auf die anderen schimpfen – auch wenn die Kritik in vielen Teilen gerechtfertigt ist. Wir sollten uns aber mit gleichem Recht an die eigene Nase fassen: Wer greift zur teureren Butter? Wer lässt das Nackensteak im Discounterregal liegen? So viele können das nicht sein, sonst wäre unsere Landwirtschaft nicht so, wie sie ist.

Und: Würden wir uns eigentlich genauso aufregen, wenn nicht die resistenten Keime in der Schweinegülle untersucht würden, sondern diejenigen im Katzen- oder Hundekot? Den müsste man sich noch nicht mal „zuspielen“ lassen, sondern könnte ihn gleich auf der Straße oder auf dem Kinderspielplatz einsammeln. 

Das macht die Antibiotika-Problematik in der Landwirtschaft nicht kleiner. Aber die Debatte darüber sollte fair geführt werden.

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erstellt am 11.Jun.2017 | 11:40 Uhr

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