Aufkleber, Körperverletzung, Drohung : Rechtsextreme Gruppe „Aryan Circle“ will im Raum Bad Segeberg rekrutieren

Avatar_shz von 24. Oktober 2019, 20:27 Uhr

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Ein Aufkleber der Rechtsextremen an einer Scheibe – daneben die Reaktion der Sülfelder unter dem Motto „Wir sind mehr“.

Ein Aufkleber der Rechtsextremen an einer Scheibe – daneben die Reaktion der Sülfelder unter dem Motto „Wir sind mehr“.

Eine Gruppe namens „Aryan Circle“ versucht offenbar, Mitglieder an Schulen zu rekrutieren. Die Gemeinde wehrt sich gegen Neonazis.

Sülfeld | Umtriebe einer Gruppe um den bekannten Rechtsextremen Bernd T. im Kreis Segeberg haben die Landesregierung auf den Plan gerufen. „Es ist wichtig, dass die Menschen in Sülfeld ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus in ihrem Ort setzen wollen“, sagte Innenminister Hans-Joachim Grote am Donnerstag. Der CDU-Politiker will am Samstag an einer Veranstaltung in der Sporthalle teilnehmen, bei der Bewohner ein Zeichen gegen rechte Umtriebe setzen wollen. Grote will seine „Solidarität und die der gesamten Landesregierung bekunden“. Hilfe beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene bietet das Kieler Antigewalt- und Sozial-Training (KAST e.V.) unter team@kast-sh.de oder 04321/3340670. Auch Polizei und Verfassungsschutz sind alarmiert. „Rund um Bernd T. haben wir etwa zehn bis 15 weitere Personen im Blickfeld“, sagte Polizeisprecherin Silke Westphal. Beamte führen verstärkt Streife. Die Staatsschutzabteilung ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Verstoßes gegen das Waffengesetz und anderer Delikte. Weiterlesen: Neumünster: Schickte ein Neonazi eine Morddrohung via Internet? Übergriff mit Reizgas Bei einem Vorfall am 17. Oktober seien in Sülfeld ein 56-Jähriger durch Reizgas und eine 48 Jahre alte Frau durch einen Faustschlag verletzt worden, sagte ein Kieler Polizeisprecher. Beide hatten Aufkleber mit der Aufschrift „Aryan Circle“ mit rechten Parolen entfernt. Dies hatte ein 23-Jähriger mitbekommen. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Aryan Circle (Arischer Zirkel) ist eine US-amerikanische Straßengang, die 1985 als texanische Gefängnisgang gegründet wurde, und eine rassistische Ideologie verfolgt. Hinter den Aufklebern steckt offenbar die Gruppe um Bernd T.. Er versucht anscheinend von Bad Segeberg aus, einen Ableger des Aryan Circle in Deutschland aufzubauen. Pastor will 1:1-Gespräch mit Neonazi Mit Aufklebern wurden auch die Türen der Kirchengemeinde beklebt, nachdem sich der Sülfelder Pastor Steffen Paar öffentlich im Internet gegen die Rechtsextremen ausgesprochen hatte. Was aus Worten werden kann, hat unser Dorf Sülfeld in den letzten Wochen erlebt. Rechtsradikale hatten mit Aufklebern für ihre Organisation geworben. Eine Gruppe aus dem Dorf hat Zivilcourage gezeigt und die Aufkleber entfernt. Dabei wurden sie von den Urhebern angepöbelt und manche sogar tätlich von ihnen angriffen und verletzt.  sülfeld „Manche mögen sagen: Es sind ja nur Aufkleber mit ein paar Worten. Aber sind es eben nicht. Menschen wie diese Rechtsextremen streuen damit ihre Ideologie. Sie verachten das, was uns als Land und Dorf stark macht. Sie beurteilen nach Äußerlichkeiten und lassen statt Argumenten Gewalt sprechen“, schreibt Paar weiter. Weiterlesen: Neonazi-Aussteiger: Gewalt und Hass hinter sich lassen Pastor Paar betont gegenüber shz.de: Er ist persönlich für die Worte verantwortlich und möchte ein 1:1-Gespräch mit Bernd T. Er habe ihm diese Anfrage auch per Mail an die auf den Aufklebern erwähnte Adresse geschickt und sei im Kontakt. Den Aufkleber an der Remise lässt der Pastor vorerst hängen – mit seiner Antwort daneben. „Wir lassen das hängen, damit wir nicht denken: Alles ist weg und damit alles vergessen.“ Der Polizei sind insgesamt drei Fälle aus dem Raum Bad Segeberg bekannt bei denen Aufkleber mit dem Gedankengut aus der rechten Szene an Gebäuden und Briefkästen angebracht. „Bei den Bewohnern handelt es sich in einem Fall um einen Migranten und in zwei Fällen um Unterstützer von Migranten aus dem bürgerlichem linken Spektrum beziehungsweise um Demonstrationanmelder“, sagte Polizeisprecherin Westphal. Die Polizei hat Strafverfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Auf weitere mögliche Straftatbestände werde immer geprüft. Offenbar versuche Schüler zu rekrutieren Personen aus dem rechtsextremen Umfeld sollen nach Medienberichten auch an Schulen im Kreis Segeberg aktiv gewesen sein. Wir dulden keinen Rechtsextremismus an unseren Schulen  Schulleitungen sind gehalten, im Zweifel die Polizei zu informieren, sollten unbekannte Personen auf dem Schulgelände angetroffen werden. Die Polizeidirektion Bad Segeberg bestätigt, dass vor Schulen beziehungsweise auf dem Schulgelände Schüler angesprochen wurden. „Es wurden bereits Hausverbote durch Schulleitungen ausgesprochen, Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch gefertigt und teilweise Platzverweise durchgesetzt“, so Westphal. Einschüchterung der Bevölkerung Allein das Aussehen der Mitglieder des rechten Gruppierung schüchtere einige Bürger ein. „Dies führt teilweise zu einer Verminderung des Sicherheitsgefühls.“ Die Bürger melden Vorfälle auch unterhalb des Vorliegens einer Straftat der Polizei. So sei den Beamten etwa gemeldet worden, dass Personen, die durch ihr Aussehen von den Bürgern dem rechten Spektrum zugeordnet werden, „Fridays for Future“-Demonstranten angesprochen und fotografiert haben.  Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes belegen die Vorgänge in der Region, „dass aus anfangs virtuellen Gruppierungen im Netz ohne feste Organisationsstruktur inzwischen organisierte Gruppierungen mit aggressiv-kämpferischem Auftreten in der Realwelt geworden sind“. Von diesen Gruppierungen gehe eine erhöhte Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus. Weiterlesen: Und täglich grüßt das Hitlerbild: Zum Facebook-Nazi in 13 Tagen Der Neonazi Bernd T. Der Segeberger Neonazi Bernd T. hatte Ende der 1990er Jahre maßgeblichen Anteil am Aufbau der „Kameradschaft Nordmark“ in Bad Segeberg. Er kam in Haft, nachdem er mit einem Mittäter einen Obdachlosen zu Tode geprügelt hatte. Später gründete er die „Aryan Division Jail Crew“. Zeitweise war T. Mitglied der Kasseler Neonazi-Szene. Die von ihm geleitete Neonazi-Kameradschaft „Sturm 18“ wurde 2015 durch das hessische Innenministerium verboten, nachdem bei einer Razzia unter anderem Waffen und NS-Propaganda sichergestellt worden waren. Weiterlesen: Nach Mord an Walter Lübcke: Tausende Menschen demonstrieren in Kassel gegen Neonazis...

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