Teller statt Tonne : Raus aus dem Wegwerf-Dilemma

Bündnis gegen Lebensmittelverschwendung: In Büdelsdorf diskutierten (v.li.) Rainer Mohrmann (sh:z), Ministerin Juliane Rumpf, Bauernpräsident Werner Schwarz, Rainer Horn (Universität Kiel), Bischofsbevollmächtigter Gothart Magaard, Landfrauen-Präsidentin Marga Trede, Gudrun Köster (Verbraucherzentrale), Hans-Martin Bohac (Einzelhandelsverband) und Maximilian Bruhn (Feinheimisch e.V.). Foto: Ruff
Bündnis gegen Lebensmittelverschwendung: In Büdelsdorf diskutierten (v.li.) Rainer Mohrmann (sh:z), Ministerin Juliane Rumpf, Bauernpräsident Werner Schwarz, Rainer Horn (Universität Kiel), Bischofsbevollmächtigter Gothart Magaard, Landfrauen-Präsidentin Marga Trede, Gudrun Köster (Verbraucherzentrale), Hans-Martin Bohac (Einzelhandelsverband) und Maximilian Bruhn (Feinheimisch e.V.). Foto: Ruff

Teller statt Tonne: Ein Aktionsbündnis startet eine landesweite Kampagne gegen die Vernichtung von Lebensmitteln.

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13. März 2012, 12:19 Uhr

Büdelsdorf | Das hart gewordene Brot, die angequetschte Orange, der angeschimmelte Käse - das alles und noch mehr landet tagtäglich in den Mülleimern deutscher Haushalte. Die Lebensmittelverschwendung nimmt gigantische Ausmaße an. 21 Prozent des hierzulande gekauften Essens wird weggeschmissen, obwohl es noch genießbar ist. Eine landesweite Kampagne unter Federführung von Schleswig-Holsteins Umweltministerin Juliane Rumpf (CDU) will auf dieses Problem aufmerksam machen und Besserung bewirken.
Zum Auftakt trafen sich die an der Initiative beteiligten Akteure zu einer Podiumsveranstaltung im Büdelsdorfer Druckzentrum des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z). Neben dem Ministerium engagieren sich die Nordelbische Kirche, der Bauernverband, der Landfrauenverband, die Verbraucherzentrale, der Einzelhandelsverband, der Verein Feinheimisch sowie die Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät der Universität Kiel. Der ebenfalls beteiligte sh:z wird die Kampagne "Bewusst einkaufen kann jeder" mit einer Artikel serie im "sh-journal" des sh:z begleiten.
Diskussion machte Bandbreite des Themas deutlich
Unter Moderation von Rainer Mohrmann, stellvertretender sh:z-Chefredakteur, wurde während der Diskussion die Bandbreite des Themas deutlich: Es betrifft nicht nur den Verbraucher am Ende einer langen Versorgungskette, die buchstäblich vom Ackerboden bis zum Tellerrand reicht. Bei Lebensmittelverschwendung geht es auch um wirtschaftliche, politische, ethische, biologische, psychologische und pädagogische Aspekte.
Einig waren sich die Beteiligten, dass es in Deutschland nicht an Lebensmitteln, sondern an Wertschätzung ihnen gegenüber mangelt. "Ich hatte das Glück, eine Großmutter gehabt zu haben, die mir den Wert der Lebensmittel beigebracht hat. Ich weiß auch, wie sie hergestellt werden", sagte Ministerin Rumpf. "Vielen Verbrauchern fehlt heute diese Nähe zur Produktion." Bessere Information könne helfen, deshalb habe man die Kampagne angestoßen.
"Die Pflanzenproduktion muss optimiert werden"
Pastor Gothart Magaard, Bischofsbevollmächtigter der Nordelbischen Kirche, sprach von einem "vielfach verdeckten Problem, das der Gesellschaft in dieser Dimension nicht bekannt" sei. Zwischen der Selbstwahrnehmung des Verbrauchers und der objektiven Verschwendung liege eine Kluft. Die Landfrauen-Präsidentin Marga Trede plädierte für verstärkte Verbraucherbildung an allen Schulen und gab einen praktischen Tipp: "Nie mit hungrigem Magen einkaufen und immer nur das kaufen, was auf dem Einkaufszettel steht." Auch Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes, trat dafür ein, schon bei Kindern und Jugendlichen anzusetzen. Mit einzelnen Projekten sei es dabei nicht getan. Der Umgang mit Lebensmitteln müsse fester Bestandteil in den Lehrplänen werden, "sonst haben wir nicht die nötige Breitenwirkung".
Der Bodenexperte Prof. Dr. Rainer Horn von der Uni Kiel wies auf die sich abzeichnende Nahrungsmittelknappheit hin. Bei neun Milliarden Menschen, die im Jahre 2050 auf der Erde lebten, müsse in der Landwirtschaft 70 Prozent mehr als heute produziert werden - bei gleichzeitiger Verknappung der Anbaufläche. Das sei ein Problem. "Die Pflanzenproduktion muss optimiert werden, wo die Bedingungen am günstigsten sind", so Horn.
"Nicht erst auf ein Konzept warten, sondern einfach loslegen"
Den schwersten Stand hatte Hans-Martin Bohac vom Einzelhandelsverband Nord. Die Verführung im Supermarkt sei allgegenwärtig, sagte Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale in seine Richtung. Gehandelt werde nach der Strategie, satte Menschen hungrig zu machen, nicht umgekehrt. Bohac entgegnete, dass im Lebensmitteleinzelhandel ein scharfer Wettbewerb herrsche, die Renditeerwartung liege zwischen ein und drei Prozent. Gleichzeitig gebe es auf Seiten des Verbrauchers ein hohes Anspruchsdenken.
Juliane Rumpf forderte dazu auf, nicht nach Schuldigen zu suchen, sondern zu handeln. Besser heute als morgen und in kleinen Schritten. "Das tolle an dieser Gruppe ist, dass jeder etwas in seinem Bereich verbessern kann." Der anschließende Rat der Ministerium fiel deshalb alles andere als bürokratisch aus: "Nicht erst auf ein Konzept warten, sondern einfach loslegen."Mehr über die Initiative im Internet unter www.bewusst- einkaufen-kann-jeder.de

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