Weltreise durch den Norden : Quer durch SH: Von Brasilien nach Grönland

Die Welt schaut nach Brasilien, shz.de schaut sich die Welt an. Tote Hose in Schweden, Schietwetter in England – nur 77 Kilometer liegen dazwischen. Eine Weltreise durch Schleswig-Holstein.

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03. Juli 2014, 12:10 Uhr

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Das Geld ist knapp, der Jahresurlaub bereits verplant. Schleswig-Holstein hat da etwas parat: Die Rundreise für Zeit- und Kilometersparer, die Welt aufs Wesentliche heruntergebrochen. Fünf Kontinente, acht Länder werde ich heute bereisen. Den Anfang macht eine skandinavische Sackgasse in der Gemeinde Mohrkirch.

In Schweden wächst Unkraut auf der Straße. Das Grünzeug steht hoch, der Weg ist schmal. Was, wenn jetzt ein Traktor kommt? Nach Gegenverkehr sieht es zwar nicht aus, trotzdem parke ich das Auto am Wegesrand und mache mich zu einer kleinen Wanderung auf. Hinter dem Hügel: Felder. Hinter der nächsten Kurve: Mehr Felder. Kein üppiger Wald, kein Ikea, nicht einmal Elche. „Ist das hier wirklich Schweden?“, frage ich mich und wenig später zwei Fußgänger, die mir entgegenkommen. „Glaube schon, wir sind nicht von hier“, die knappe Antwort. Deutsche Touristen also – hier bin ich richtig. Auf der Weiterfahrt ins knapp 35 Kilometer entfernte Russland begegnen mir schließlich doch noch Elche.

Kühe auf einer Weide bei Mohrkirch
Kühe auf einer Weide bei Mohrkirch

„Abbiegen“, befiehlt mir das Navi. Auf russischen Boden soll es mich führen.

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Über die kreative Auslegung seiner Schreibweise lässt sich streiten, der winzige Ort am Ende der Straße hält jedoch, was sein Name verspricht. Vier Häuser zähle ich, einen Hahn, drei Hennen und einen verfallenen Schuppen.

Holzstapel bei einem Wald in Rußland
Holzstapel bei einem Wald in Rußland
 

Der verlassene Weiler hat bessere Tage gesehen, doch die Forstwirtschaft im Holzdorfer Russland boomt. Hochgewachsene Bäume türmen sich hinter den Höfen auf, abgesägte Stämme warten am Boden auf ihre Verarbeitung. Unweit von Eckernförde präsentiert sich das ländliche Russland ungeschönt und echt. Eine knappe Stunde und diverse Klimazonen später führt mich eine saftig grüne Allee direkt ins Herz Afrikas.

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Kuschelige 25 Grad zeigt das Thermometer, als ich kurz hinter Rendsburg die Grenze nach Kamerun überfahre. Der kleine Ort in der Gemeinde Emkendorf ist üppig grün, die schmale Straße von Bäumen gesäumt. Auch in der Ferne: Wiesen, Wälder und Seen. Nichts deutet auf Elefanten hin, keine Steppe weit und breit, nicht einmal Menschen. Ich stelle das Auto ab, atme frische Luft, höre die Grillen zirpen.

Wiesen und Felder bei Kamerun in Schleswig-Holstein
Wiesen und Felder bei Kamerun in Schleswig-Holstein
 

Nach zehn Minuten Kamerun wird klar: Exotischer wird's nicht. Am Ortsausgang erhasche ich schließlich einen Blick auf sonnengegerbtes Kameruner Brachland.

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Nach der afrikanischen Einöde sind meine Erwartungen an Kalifornien hoch. Und tatsächlich: Das Ostseebad scheint zunächst ein Hot-Spot zu sein. Im Vorbeifahren halten aufgeregte Touristinnen ihre Kameras aus den Beifahrerfenstern, wenn sie das Ortsschild passieren. Kurz darauf drehen die meisten Wagen jedoch wieder ab. Ich will mir selbst ein Bild machen und schlendere bei strahlendem Sonnenschein auf die Erhöhung am Ende der Straße zu, hinter der ich mindestens die Golden Gate Bridge und bestenfalls eine Cocktailbar erwarte. Stattdessen breitet sich vor mir ein bescheidener Sandstrand aus. Wenige Rentner liegen in der Sonne, „Wenn wir noch ein Fischbrötchen wollen, müssen wir langsam los“, quengelt eine Frau.

Strandkorb in Kalifornien
Strandkorb in Kalifornien
 

Überlieferungen zufolge wurde Kalifornien nach einer Schiffsplanke genannt, die dort am Strand angespült wurde. „California“ stand darauf. Am Nachbarstrand wollte man das nicht auf sich sitzen lassen: „Brasilien“ pinselte ein dort lebender Fischer mit roter Farbe über seine Tür.

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Brasilien soll auch das nächste Ziel meiner Reise sein. Auf dem Landweg dauert es keine fünf Minuten, bis ich das vielgestohlene Ortsschild passiere. Sofort fällt auf: Hier ist man stolz auf sich. Die brasilianische Flagge weht über dem knallgelben Imbiss – dieser natürlich auch in Brasilien-Design. In der Hoffnung auf WM-schwangere Feierstimmung zahle ich bereitwillig die horrenden Parkgebühren. Bevor ich mich an die Copacabana begebe, muss eine Stärkung her. Die Wahl fällt auf ein brasilianisches Traditionsgericht: Pommes Mayo.

Public Viewing am Strand von Brasilien
Public Viewing am Strand von Brasilien
 

Am Strand dann erneute Ernüchterung: Eine Hand voll emsiger Arbeiter rotiert um leere Holzstände und Liegestühle, die sich am Strand aufreihen. Hin und wieder hört man das Klopfen eines Hammers, dann wieder übertönt das Meeresrauschen jedes Indiz für die Anwesenheit meiner Mitmenschen. „Wo sind denn alle?“, frage ich verwirrt einen Handwerker. „Gute Frau, heute ist spielfreier Tag.“

26 Grad zeigt das Thermometer inzwischen, schweißgebadet ziehe ich mich zurück in Richtung Klimaanlage und beschließe, für mein nächstes Ziel in kältere Gefilde zu reisen.

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Der Wetterumschwung kommt wie gerufen: 110 Kilometer nordwestlich der Copacabana finde ich Abkühlung in Form eines kräftigen Regenschauers. Die kleine Straße Sibirien am Stadtrand von Elmshorn mündet dort direkt in ein Industriegebiet. Graue Gebäude, grauer Himmel – die Stimmung sinkt.

Wald und See in Sibirien in Elmshorn
Wald und See in Sibirien in Elmshorn

Umso größer die Freude, als Sibirien sich dennoch als Kleinod entpuppt: Durch die Baumkronen am Wegesrand lockt die erhoffte Natur. Anders als erwartet ist der sibirische Wald in wenigen Minuten durchwandert. Rund um einen idyllischen See erstreckt sich das kleine Erholungsgebiet über 400 Meter. Das ortsansässige Kleingewerbe stürzt sich indes gierig auf den Straßennamen: Vorbei an der „Gaststätte Sibirien“ und dem „Pflanzen-Center Sibirien“ setze ich meine Reise gen Norden fort.

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Es bleibt arktisch: Nur zehn Kilometer von Sibirien entfernt liegt das Dörfchen Grönland – der wohl eindeutigste Beweis für die globale Erwärmung. Keine Gletscher, keine Eisbären. Dafür auch hier: Regen satt. Das Land ist schnell erschlossen, die Strecke von Ortsschild zu Ortsschild dauert nur eine knappe Minute. Einen vor dem Regen fliehenden Grönländer kann ich kurz stoppen. „Woher hat Grönland seinen Namen?“, will ich wissen. In der Gegend fange die fruchtbare Marsch an, der Name käme aus dem Plattdeutschen für „Grünes Land“.

Windräder bei Grönland, Gemeinde Sommerland
Windräder bei Grönland, Gemeinde Sommerland

Inzwischen ist es Abend, ein Ziel wartet noch auf mich – es verschlägt mich auf die Insel.

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Nach England, um genau zu sein. Von Grönland aus sind es 120 Kilometer, bis ich royalen Boden betrete. Ein schmaler Landstreifen verbindet die Halbinsel Nordstrand mit dem Festland, die Engländer fühlen sich trotzdem als Insulaner. Die Queen scheint verhindert, doch das Wetter spielt mit. Very british regnet es auch in England wie aus Kübeln. Nicht etwa von der großen Schwesterinsel stammt der Name, „Enges Land“ sei die ursprüngliche Bedeutung, klärt mich ein Anwohner auf. Heute noch sprechen viele Engländer von „Engeland“. Den Tag lasse ich nicht im Pub sondern bei den Schafen auf dem Deich ausklingen.

Schafe auf dem Deich auf Nordstrand
Schafe auf dem Deich auf Nordstrand

Nach zehn Stunden und mehr als 500 Kilometern habe ich die ganze Welt bereist. Kulturschocks gab es nur wenige, überall sprach man deutsch, überall konnte in Euro gezahlt werden. Wer es noch einfacher mag, findet auf der Halbinsel Eiderstedt, was er sucht. „Einmal ein Welt-Bürger sein“, lockt das ortsansässige Hotel. Das kleine Örtchen Welt ist eine Art Mini-Version der Mini-Version. Unweit von St.-Peter-Ording kann die kleine Welt mit etwas mehr als 200 Einwohnern zu Fuß erkundet werden. Von hier ist es dann auch nicht mehr weit bis zum Ende der Welt.

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