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Amtsgericht Bad Segeberg : Prozess um Todessturz aus Hochhaus

vom

Evita R. starb, weil ein Intensivtäter 600 Euro in der Spielhalle verzockt hatte und frustriert war. Er stürmte eine Party und bedrohte die Gäste. Die 18-Jährige stürzte vom Balkon.

Bad Segeberg | Ihr letztes Lebenszeichen war ein Handy-Hilferuf vom Balkon: "Kann ich mich retten, wenn ich ein Stockwerk tiefer klettere?", fragte Evita R. (18) einen Freund. Die junge Frau, die einmal Erzieherin werden wollte, litt Todesängste. Im vergangenen Oktober war sie mit Bekannten zu einer Party im zehnten Stock eines Hochhauses in Trappenkamp (Kreis Segeberg) gefahren - spät in der Nacht wurde diese Party überfallen. Evita R. flüchtete auf den Balkon. Den Notruf der Polizei hatte sie bereits gewählt, konnte dem Beamten aber nicht genau sagen, wo sie sich befand.
Der Freund riet ihr davon ab, zu klettern. Doch sie tat es. Anwohner entdeckten die Leiche des zierlichen Mädchens am nächsten Tag. Das Handy lag neben ihr. Evita R. war in den Tod gestürzt.

"Wir haben das Mädchen gar nicht gesehen"

Seit Donnerstag stehen Artur W. (19) und sein Großonkel Timo K. (31) wegen des Überfalls vor dem Amtsgericht Bad Segeberg. Beide gestehen die Tat. Doch sind sie auch für den Tod von Evita R. verantwortlich? Der Staatsanwalt sagt: Ja. Er wirft den Angeklagten Körperverletzung und fahrlässige Tötung vor. Die Angeklagten hingegen sagen: "Wir haben gar nicht gesehen, dass da auch ein Mädchen war."
Der Grund für den Überfall auf die Party ist erschreckend banal. Artur W., ein polizeibekannter Intensivtäter, hatte kurz zuvor 600 Euro in der Spielhalle verzockt. Er sagt: "Ich war sauer und frustriert." Als ihn dann auch noch ein Auto mit Partygästen auf einem Zebrastreifen schneidet, eskaliert die Lage. "Ich dachte, die lachen mich aus", erklärt Artur W. der Richterin. Er überfällt die Party, obwohl der Veranstalter, Jan Nico H., ein Kumpel aus Kindertagen ist. "Ich mach euch alle, ich bring euch um", soll er laut Anklage geschrien haben.

"Ich wollte niemanden töten"

Als der Russlanddeutsche überwältigt und hinausgeworfen wird, kehrt er mit seinem Großonkel zurück. "Ich habe getreten und geschlagen, ein Messer aus der Küche gegriffen", gibt Artur W. zu. "Die Partygäste waren geschockt." Evita R. kannte Artur W. - nicht nur, weil der sie mehrfach auf Facebook angeschrieben hatte, sondern auch, weil er zu einer Gruppe gehörte, die sich "Trappenkamper Terror Crew" nannte. Unter dieser Gruppe litten viele Jugendliche - und es ist eine Erklärung für ihre Todesangst. Artur W. sagt: "Ich wollte niemanden töten und bereue, was ich getan habe."
"Ich glaube nicht, dass er ein straffreies Leben führen wird", erklärt ein Mitarbeiter des Jugendamts und berichtet aus der Biografie des jungen Mannes. Schon im Kindergarten sei er auffällig geworden, in der Grundschule musste er wegen dissozialen Verhaltens einem Kinder- und Jugendpsychologen vorgestellt werden. Doch selbst Sonderpädagogen scheiterten, 2008 wurde er als "unbeschulbar" eingestuft. Bewährungsstrafen wegen Raubüberfällen und Drogendelikten folgten.
Sowohl Artur W. als auch Timo K. standen zur Tatzeit noch unter Bewährung. Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 17.Aug.2013 | 10:59 Uhr

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