Hausarzt ohne Nachfolger : Praxisübergabe - Eine schwere Geburt

'Die Arbeit als Hausarzt bietet viele Glücksmomente', wirbt Dr. Stefan Jost für seinen Beruf. Foto: Jahr
"Die Arbeit als Hausarzt bietet viele Glücksmomente", wirbt Dr. Stefan Jost für seinen Beruf. Foto: Jahr

Die Praxis von Dr. Stefan Jost in Handewitt hat einen festen Patientenstamm. Doch trotz bester Bedingungen findet der Hausarzt keinen Nachfolger.

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21. April 2013, 08:57 Uhr

Sankelmark | Gnadenlos rollt die Ruhestandswelle der Hausärzte auf Schleswig-Holstein zu. Ein gutes Drittel der 1900 derzeit niedergelassenen Hausärzte ist älter als 60 Jahre. So auch Dr. Stefan Jost (63), seit 25 Jahren Hausarzt aus Leidenschaft in Handewitt. Eine prosperierende Großgemeinde bei Flensburg mit besten Einkaufsmöglichkeiten, mehreren Schulen und Kindergärten. Die Bevölkerungszahl hat sich in 20 Jahren verdoppelt. Die Praxis, in die Jost mit einem ähnlich alten Kollegen nochmal kräftig investiert hat, ist bestens eingesessen. "Doch trotz all dieser Vorzüge haben auch wir noch keine Nachfolger gefunden", sagt Jost.

So wie ihm geht es 600 bis 900 Kollegen, die in den nächsten fünf Jahren ihren Ruhestand planen. Im besten Fall stehen ihnen 40 Mediziner gegenüber, die nach 15-jähriger Fachausbildung den Sprung in die Hausarztpraxis wagen wollen. Die Folgen sind dramatisch. Im Kreis Schleswig-Flensburg, in dem Stefan Jost praktiziert, wird es 2015 nur noch 70 niedergelassene Hausärzte geben, 2009 waren es noch 135.

Investition als einzige Chance

"Dabei bietet diese Arbeit viele Glücksmomente. Viele Patienten begleiten wir über Jahrzehnte, kennen ihre Geschichten, ihre seelischen und körperlichen Leiden - vom Scheitel bis zur Sohle, von der Wiege bis zur Bahre", berichtete der Vater von fünf Söhnen bei der Podiumsveranstaltung der Kieler Hermann-Ehlers-Akademie in Sankelmark. Es sei schon verrückt, dass zwei Fast-Rentner nochmal so viel Geld in ihre Praxis investieren, "aber das ist unsere einzige Chance", sagt Jost.

Warum entscheiden sich immer mehr Medizinstudenten gegen eine Hausarzt-Karriere? "Es ist heute hochriskant, eine Landpraxis zu eröffnen", sagte Prof. Heiner Dunckel von der Universität Flensburg. "Es wäre wichtig, planbar zu wissen, was wir für unsere Arbeit bekommen", bestätige Jost. Derzeit bedeute mehr Leistung oft weniger Einkommen.

Zu viel Bürokratie, zu geringes Ansehen

Was macht den Landärzten noch das Leben schwer? "Die Bürokratie, die vielen Anträge, die von Ärzten ausgefüllt werden müssen, um überhaupt erst Anträge auf eine Kur oder andere Leistungen zu bekommen", klagt Jost. Die Konzentration auf die rein medizinischen Aufgaben bleibe so an vielen Tagen ein Wunschtraum. Handlungsbedarf bestehe zudem beim Ansehen des Hausarztes - auch an den Hochschulen. "Wir brauchen dringend mehr Lehrstühle, mehr Forschung für diese Fachrichtung", fordert Dunckel.

Das Fazit auf dem Podium war eindeutig: Ohne sofortige Gesetzesänderungen, zusätzliche Mittel und neue Netzwerke wird der Ärztenotstand besonders auf dem Land in den kommenden Jahren katastrophale Folgen haben. "Ein Großteil der älteren Bevölkerung dort ist nicht mobil und damit auf die Versorgung vor Ort angewiesen", sagt Walter Behrens, Leiter der Sozialstation Handewitt. Für ihn könnten Allgemeinmediziner aus dem Ausland helfen, zumindest einige Versorgungslücken zu schließen. "Doch es müsste deutliche Signale geben, dass diese hier auch willkommen sind. Andere Bundesländer sind da schon viel weiter", sagt Behrens.

"Ein Land ohne Hausärzte wird zum Land ohne Apotheken", sagte während der Diskussion ein selbstständiger Pharmazeut. Mit den Ärzten würden die Landgemeinden auch weitere Dienstleistungen verlieren.

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