Ausbeutung : Praktikant klagt 10.000 Euro Lohn ein

Das Seniorenheim Hohenwestedt. Foto: Kühl
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Das Seniorenheim Hohenwestedt. Foto: Kühl

Er schuftete ein Jahr im Seniorenheim Hohenwestedt, um eine Lehrstelle als Pfleger zu ergattern. Am Ende erhielt der junge Mann eine Absage. Jetzt hat er eine Nachzahlung von 10.000 Euro erstritten. Das Arbeitsgericht urteilte: Praktikanten dürfen nicht ausgebeutet werden.

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08. Januar 2009, 12:05 Uhr

Hohenwestedt/Kiel | Die Entscheidung der Kieler Arbeitsrichter ist wegweisend: Praktikanten haben Anspruch auf vollen Lohn, wenn sie tatsächlich als Arbeitskraft eingesetzt werden. Ein Praktikum ist kein Praktikum, wenn es sich in Wahrheit um ein verdecktes Arbeitsverhältnis mit sittenwidrigem Lohn handelt (Aktenzeichen: 4 Ca 1187d/08).

Rechtsanwältin Kerstin Hain (42) aus Neumünster, Expertin für Arbeitsrecht, hat den Praktikanten vor Gericht vertreten. Sie sagt: "Der Stundenlohn meines Mandanten betrug 1,30 Euro. Das war Lohnwucher, denn bei seiner Beschäftigung ging es nicht darum, etwas zu lernen. Er arbeitete voll."

Der Fall: Betreiber des Seniorenheimes Hohenwestedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ist der kommunale Zweckverband. Er versprach dem Kläger laut Gerichtsurteil einen Ausbildungsplatz zum Altenpflegehelfer für den Fall, dass er nach einer mehrmonatigen berufsvorbereitenden Maßnahme auch ein langes Praktikum absolvieren würde.
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Der junge Mann schloss mit dem Heimbetreiber einen Praktikantenvertrag für ein knappes Jahr ab. Zu lernen gab es indes nicht viel. Der Praktikant wurde wie ein Mitarbeiter in den Dienstplänen des Heims geführt und musste den Weisungen des Heimpersonals folgen. Seine Wochenarbeitszeit betrug 38,5 Stunden, die Vergütung war auf monatlich 200 Euro festgelegt - was einem Stundenlohn von 1,30 Euro entspricht.

Als der Betreiber des Seniorenheims ihm nach insgesamt 17 Monaten Berufsvorbereitung und "Praktikum" nicht wie vereinbart einen Ausbildungsvertrag anbot, klagte der Praktikant. Er verlangte die übliche Vergütung für eine hauswirtschaftliche Hilfskraft in Höhe von monatlich 1286 Euro. Seine gesamte Forderung belief sich auf 10.317 Euro.

Die Arbeitsrichter gaben dem Kläger in vollem Umfang Recht. Der Zweckverband habe nicht belegen können, welche Fähigkeiten der Kläger erlernen musste. Das Vertragsverhältnis sei somit kein Ausbildungs-, sondern ein Arbeitsverhältnis gewesen. Entscheidend sei nicht der Vertragswortlaut, sondern die praktische Durchführung des Vertrages. Besonders betonten die Richter das Missverhältnis einer 17-monatigen Vorbereitungszeit für eine anschließende 18-monatige Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Und für ein Arbeitsverhältnis sei die vereinbarte Vergütung von 200 Euro sittenwidrig und stelle unzulässigen Lohnwucher dar.
Nicht der einzige Fall
Rechtsanwältin Kerstin Hain: "Dieser Praktikant ist leider nicht der einzige, den ich gegen das Seniorenheim Hohenwestedt vertrete."

Hohenwestedts Bürgermeister und Zweckverbandsvorsteher Stefan Landt (44) sagt: "Die Darstellung, dass dem Praktikanten ein Ausbildungsplatz versprochen wurde, ist sachlich falsch. Eigenständige Arbeitsleistungen wurden von ihm nicht erbracht, wir wollten seine Berufseignung ermitteln. Deshalb weise ich den Vorwurf des Lohnwuchers und der Ausbeutung zurück." Das Seniorenheim hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Der Praktikant hat mittlerweile einen Ausbildungsplatz zum Altenpfleger in Itzehoe gefunden.

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