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Initiative Tierwohl in SH : Prämien für Tierschutz in der Landwirtschaft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Bonus-System der Initiative Tierwohl soll Bauern Investitionen in die eigenen Betriebe erleichtern – zum Wohl der Schweine.

shz.de von
erstellt am 27.Aug.2014 | 11:55 Uhr

Kiel | Eklige Zustände im Schlachthof, Tierquälerei und Hygienemängel im Schweinestall: Etliche Skandale und Enthüllungen haben in den vergangenen Monaten das Vertrauen der Verbraucher in die Landwirtschaft erschüttert. Ein neues Konzept, das vom Kieler Tierschutz-Verein Provieh mit entwickelt wurde, soll dieses Vertrauen jetzt wieder aufbauen – und den Tierschutz im Stall stärken.

Die gemeinsam von Handel und Bauern getragene „Initiative Tierwohl“ setzt auf freiwillige Verbesserungen in der Schweine- und Geflügelhaltung. Im Gegenzug bekommen die Bauern Prämien. Anfang 2015 soll es zumindest bei der Schweinemast losgehen: Mehrere große Handelsketten – darunter Aldi, Lidl, Rewe, Edeka, Netto und Metro (Real) – insgesamt 85 Prozent des Handels – zahlen künftig vier Cent pro verkauftem Kilo Schweinefleisch oder Wurst in einen Topf ein. So sollen in den kommenden drei Jahren 195 Millionen Euro zusammenkommen, die auf die teilnehmenden Landwirte verteilt werden. Diese bekommen pro Jahr eine Pauschale von 500 Euro und wählen aus einem ganzen Katalog für ihren Betrieb passende Maßnahmen aus – etwa größere Boxen, Verbesserung beim Futter oder Betäubung bei der Kastration, die jeweils mit Beträgen zwischen 10 Cent und 8 Euro pro Tier vergütet werden (siehe Beispiel im Info-Kasten). Einmal jährlich kontrollieren Prüfer des QS-Systems (Qualität & Sicherheit) die Einhaltung der selbst gesetzten Standards. Wie diese Audits genannten Überprüfungen umgesetzt werden, soll in den kommenden Monaten festgelegt werden.

Der Bauernverband Schleswig-Holstein begleitet die von mehreren Branchenverbänden entwickelte Initiative wohlwollend. „Für die Betriebe kann die Teilnahme durchaus attraktiv sein“, sagte Verbandssprecher Klaus Dahmke unserer Zeitung. „Mehr Tierwohl ist immer zu begrüßen, wenn es sich rechnet – auch wenn natürlich auch alle anderen Betriebe die nötigen Standards einhalten.“ In einem Rundschreiben hat der Verband gerade die Kreisverbände über die Anforderungen informiert. Zusätzlich will der Bauernverband auch kommende Woche auf der Messe Norla über die Initiative diskutieren.

Was sich für die Betriebe rechnet, soll sich für den Verbraucher nicht in steigenden Preisen niederschlagen. „Die Beteiligten haben alle das Ziel, die Initiative ohne negative Rückwirkungen auf die Fleischnachfrage umzusetzen“, sagte QS-Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff dem Magazin „Agrarmanager“. Laut Aldi-Süd werde sich der Fleisch-Preis wie bisher „nach der Marktlage“ richten. „Ganz ohne Preissteigerungen wird es aber wohl nicht gehen“, sagt Sabine Ohm von Provieh.

Auch ein neues Label soll es nicht geben: „Es wird definitiv kein Tierwohl-Siegel geben“, so Nienhoff. Die Verbraucherkommunikation sei vor allem Aufgabe des Handels. Edeka teilt auf Nachfrage mit, keine gesonderte Kennzeichnung zu planen. „Für Verbraucher, die bewusst auf Tierwohl wert legen, gibt es bereits höherwertige Siegel“, sagt dazu Sabine Ohm. „Das Revolutionäre an der Initiative Tierwohl ist dagegen, dass wir eine solide Basis für eine Anhebung der Standards in der gesamten Fleischproduktion legen, die die Bauern aus eigener Kraft nicht schaffen würden.“

Nicht ganz überzeugt sind andere Tierschutzverbände. Ina Walenda vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) begrüßt zwar die branchenübergreifende Diskussion zum Thema Tierwohl. „Grundsätzlich ist das positiv. Wir halten das Konzept jedoch für beliebig und schwer kontrollierbar“, sagte die BUND-Landesgeschäftsführerin. Nötig seien höhere verpflichtende Mindeststandards bei der Tierhaltung. „Stattdessen können sich die Betriebe die Kriterien heraussuchen, die sie leicht umsetzen können. Das lenkt vom Problem ab und verhindert die Schaffung verbindlicher Richtlinien.“

Die sind jedoch auch nach Ansicht von Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unabdingbar: „Das Ministerium arbeitet mit Nutzern und Tierschützern konstruktiv am Runden Tisch Tierschutz daran, geeignete Wege zur Verbesserung des Tierwohls zu finden“, sagte er. Ziel sei etwa ein landesweiter Verzicht auf das Kürzen von Schwänzen. Insgesamt begrüßt Habeck jedoch „jede Initiative, die zum Ziel hat, das Tierwohl zu stärken“.

 

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