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Nachwuchsbands : Popmusik vom flachen Land

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In Hamburg ist meist Schluss. Nördlich der Hansestadt schauen Talentsucher kaum nach Nachwuchsbands. Doch es gibt auch Vorteile für junge Bands in Schleswig-Hostein.

Ein kleiner Raum nahe der Kieler Innenstadt. Schon auf dem Vorhof hört man ein treibendes Schlagzeug, verzerrte Gitarren und pulsierende Bässe. Im Inneren werden die letzten Zweifel dann sprichwörtlich weggeblasen. Wir befinden uns in einem Proberaum: Hier wird echte Rockmusik gemacht, Pop-Punk genauer gesagt. Stefan Schmidt (Gesang, Gitarre), Arne Eckholdt (Gitarre, Gesang), Tobias Jensen (Bass) und Jens Krabbenhöft (Schlagzeug) arbeiten lautstark an den Songs für ihr neues Album. Mit über 200 gespielten Konzerten ist die Kieler Band Dog Eared Pages eine feste Größe der lokalen Musikszene und mit den örtlichen Gegebenheiten bestens vertraut. "Es ist einfach ein tolles Gefühl, auf der Bühne zu stehen und den Fans etwas Persönliches von sich zu präsentieren. Wir lieben es, live zu spielen", verrät Jens Krabbenhöft (28).

Doch obwohl es für eine Band mit eigenen Songs noch nie einfach war, an Liveauftritte zu kommen, hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert: "Immer mehr Clubs hier im Norden machen zu oder wollen nur einen bestimmten Musikstil haben", sagt Stefan Schmidt (28). Oft bekomme man als Newcomerband nicht einmal die Benzinkosten ersetzt und zahle bei jedem Gig somit ordentlich drauf. Auch Jana Neubert (18) von der Preetzer Band Kellerchaos kennt die Sorgen junger Musiker: "Viele Veranstalter wollen nur Bands haben, die schon bekannt sind und dementsprechend für volles Haus sorgen." Sie rät jungen Bands deshalb, jede Gelegenheit zum live spielen wahrzunehmen und auch bei Talentwettbewerben mitzumachen.
Einfacher als in Hamburg

Wer sein eigenes kleines Konzert veranstalten will, sollte sich an die Stadt, den Kreis oder die Kommune wenden: "Hier kann man Fördermittel für solche Veranstaltungen beantragen. Wie das geht, kann bei uns erfragt werden", sagt Avid Maltzahn vom Landesmusikrat in Kiel. Doch wie schwer ist es eigentlich, sich in ländlichen Regionen ein Publikum zu erspielen? Hier sind sich alle befragten Musiker einig: Einfacher als in den großen Metropolen. "Auf dem Land gibt es nicht so ein Überangebot an jungen Bands, wie beispielsweise in Hamburg", sagt Stefan Schmidt. Die Leute seien eher bereit, sich eine Gruppe anzuhören.

Die vergleichsweise geringe Anzahl an Bands macht sich auch bei der Proberaumsuche bemerkbar. Institutionen wie der Kieler Musikverein Musico vermitteln Proberäume zu vernünftigen Tarifen. Leider gibt es dennoch nicht immer genug Platz für alle Musiker. Auch die Band Dog Eared Pages teilt sich ihren Raum mit einer anderen Rockkapelle. Aber die Bands sind gut befreundet und arrangieren sich miteinander.
Musikschulen und Förderprogramme

Wer nicht immer nur andere Bands mit musikalischen Fragen löchern will, kann in Schleswig-Holstein auf die Hilfe von Profis zurückgreifen. Zahlreiche Musikschulen unterrichten mittlerweile die Instrumente E-Gitarre, E-Bass und natürlich auch Schlagzeug.

Wissbegierige Musiker können sich außerdem beim Bulff Förderprogramm der LAG JugendMusik für ein Wochenende einen Dozenten bestellen, der die Band in einem gewünschten Bereich wie Arrangements oder Studioarbeit unterrichtet.
John Lennon Talent Award

An fortgeschrittene Musiker richtet sich der John Lennon Talent Award, der Bands bundesweit über den Zeitraum von einem Jahr fördert und wichtige Kontakte ins Musikgeschäft vermittelt.

Denn die Kontakte sind es leider, die den Bands aus Schleswig-Holstein oftmals fehlen. Es passiert eher selten, dass sich Talentsucher von Plattenfirmen in den hohen Norden verirren - in Hamburg ist meistens Schluss. "Ohne Vitamin B oder einen glücklichen Zufall sind die Chancen gleich Null, Kontakte ins Musikbusiness zu knüpfen", erzählt Stefan Schmidt aus Erfahrung. Deshalb hat er vor mehreren Jahren sein eigenes Label Coast Rock Records gegründet, mit dem er junge aufstrebende Bands unter seine Fittiche nimmt. Keine schlechte Idee, denn laut Schmidt ist die Konkurrenz verschwindend gering. Im gesamten Bundesland gibt es nur eine handvoll Plattenlabels, die bereit sind, jungen Nachwuchsrockern einen Plattenvertrag anzubieten. Das finanzielle Risiko ist einfach zu hoch. Um das auszugleichen, verleiht Coast Rock Records auch Veranstaltungstechnik und hat ein eigenes Tonstudio. So hat Schmidt beruflich auch viel mit Musik zu tun, genau wie Jens Krabbenhöft, der Tontechniker ist.

Der Traum aller Dog-Eared-Pages-Mitglieder wäre es jedoch, eines Tages nur von der eigenen Musik leben zu können. Ein langer Weg. Doch Bands wie die Flensburger Jungs von "Echt" oder auch "Fettes Brot" haben mit ihrer Laufbahn eindrucksvoll gezeigt, dass auch Bands aus Schleswig-Holstein große Charterfolge haben können. Und ein bisschen Glück gehört im Musikgeschäft ja immer dazu.

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erstellt am 01.Mär.2009 | 09:09 Uhr

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